Am wilden Strom stand die Anatomie,
Des alten Klosters graues, dunkles Haus,
Ehmals benannt zur weinenden Marie.
Wie schaut der melanchol’sche Bau hinab,
In dieses düstern Stromes Sturmeswelle,
Ein Mönch, der dumpfem Grame sich ergab!
Und in dem Wald am Felsenstrande drüben,
Wie rauscht’s in seinen ewig düstern Wipfeln
Schwermuth und Tod, Verlangen so wie Lieben.
Es sind Cypressen, Tannen, Trauerweiden,
Dazu die starre, wüste Riesenfichte
Sinnbilder aller Menschenherzen-Leiden.
So steht das Klosterhaus am dunkeln Strome,
Und es war schön, wenn schwere Schauernacht,
Darüber schwebte mit dem Mondphantome.
Wo ernste Mönche weilten in den Zellen,
Mit nassen Augen und mit blut’gem Herzen,
Gemartert von den schrecklichen Flagellen.
Wo sie dem eingebornen Kreuze knieten
Und klagend ihre Hände sich zerrangen,
Wenn stumme Sterne durch die Scheiben glühten:
Wo Martyrkronen, der Apotheosen
Ringscheine glänzten und am Hochaltare
Zum Frohnleichnam die jungfräulichen Rosen.
Da lagern jetzt die ewig stummen Leichen,
Gebrochnen Auges mit zerrissner Stirne,
Und als geknickt von einer Geissel Streichen.
Ja unermess’ner Andacht hingesunken
Liegen sie da verstummet und erstarret,
Von heil’ger Entzückung himmlisch trunken.
Der stille Mond der manchen Schmerz gefacht,
Der mancher Sehnsucht Pulse hier entzündet,
Keinen Herzschlag weckt er dieser Todesnacht. —
Das frömmste Kloster ist dies nun geworden,
Es ist das Kloster der Abstraction,
Niemals entzweite Sinnlichkeit den Orden.
Die Glocke ruft zur heiligen Vesperfeier,
Und ihre Schläge sind fast ausgeklungen,
Ein wilder Sturm ertobt, ein Ungeheuer.
Es schäumt im Strom, es wüthet in den Forsten,
Die Wolken flattern um den Glockenthurm,
Wie Raubgevögel aus den wildsten Horsten.
Da schwanket Doktor Faust zu diesem Haus,
Der ernste Lehrer der Anatomie,
Der hier manch’ Jahr gegangen ein und aus.
Als er in einer engen, dumpfen Zelle
Vor einer Leiche steht, o!” ruft er aus:
“Wie wird mir doch so wohl an dieser Stelle!
Der unbekannte, dieser bleiche, trübe,
Der hingestreckt auf dunklem Brette liegt
Ich weihe nicht ihm Haß und auch nicht Liebe!
Ich weih’ ihm nicht Triumph, weih’ ihm nicht Thräne.
Gleichgültig schau ich seine blassen Wangen,
Such’ trocknen Aug’s nach Nerve und nach Sehne!
Gesegnet sei mir die Verlassenheit,
Die so uns allen Schrecknissen entfremdet,
Und Hohn dem Tode wie dem Unglück beut!
Man wage nicht zu hassen noch zu lieben,
Geliebter stirbt, Gehasster triumphirt.
O wär ich ewig so abstrakt geblieben.
Jetzt laßt genießen mich die Seeligkeit,
Ich fühl mich wohl in den verschwiegnen Räumen,
Wie auch der Sturmwind durch die Föhren schreit;
Wie auch er durch des Hauses Gänge krächzt
Und an der Fenster ries’ge Kreuze klopft,
Vom alten Thurm die tolle Eule ächzt.
Ein schwacher Hauch als wie aus Todtenmunde,
Ein Hauch der Stille weht durch meine Seele,
So schwermuthsvoll aus tiefem Herzensgrunde,
An dieser Leiche ruh ich heute aus,
Von dem bewegten, teuflisch wilden Leben,
Von meines Neigens, meines Hassens Graus;
So wie ein Wandrer, der die Schlange fliehet,
Die riesige, baumstarke Abgottsschlange
Und die Savane schreckensvoll durchziehet:
Dann todesmüde von der jähen Flucht
Kreisend zur selben endlich wiederkehret,
Und in dem Schlafe, den er eifrig sucht,
Zum Kopffühl wählt die gift’ge Mißgestalt,
Daß er erwacht zu neuer Flucht erschrecket,
Und flieht zum andern Mal ohn’ Rast noch Halt.”
So redet Faustus zu der nackten Leiche,
Die vor ihm auf dem schwarzen Tische liegt,
Der Sturm tost fort, der grasse, schreckensreiche
Wie sich die schwarzen Wipfel drüben neigen,
Als wenn sein Wort sie feierlich bejahten,
In wortelosem, ehrfurchtsvollen Beugen.
Da tönt’s im Hof von raschen Rosseshufen,
Von ungebändigten, und ungestümen,
Schon klingt’s zur Zell’ herauf die schwarzen Stufen.
Faust schaut hinaus; es sind zwei gelbe Mähren,
Ein lust’ger Handbub’ reitet auf der einen,
Die Ausgeburt der närrischsten Chimären.

Da klopft es an die Bogenthür der Zelle,
Mephisto tritt herein in bester Laune,
O sag mir was verziehst du deine Braune
So sonderlich du düsterer Geselle!
Ein Mägdlein hab ich dir ausspioniret,
Ein Himmelskindlein voller Sitt’ und Zieren
Will nun auch ich einmal so ekstasiren,
Wie du es schrecklich oft an mir probiret.
O sei doch nicht so fürchterlich blasiret
Und schau dem Balg da in die Augenlöcher;
Komm trink’ hier eins aus diesem Kummerbrecher,
Der Flasch’ die an der Hüft’ mir balanciret.
Sie ist der Schönheit treue Märtyrin,
Vernimmst du dies, und macht’s dich nicht zum Narren?
Zween Gaule hab’ ich unten: hör’ sie scharren,
O komm Kind schwachen Will’ns und wilder Sinn’!
Eh’ noch der Mond von Himmel ist verschwunden
Ha’n wir sie in Venetia angebunden
Am Marcusplatz Tavern zum rothen Thurm
O komm, o komm du alter Leichenwurm!
———
Im öden widerhalln’den Hofesraume,
Besteigen sie die beiden scharr’nden Gäule,
Die ungeduldig spiel’n mit weißem Schaume.
Der Bube, der die Pferde hält am Zügel,
Ein loser Bursch’ mit einem blinden Auge,
Hilft beiden gar manierlich in die Bügel.
Und wie sie schallnder wilder Flucht enteilen,
Wie brausend sie, mit mir sturmgeschwellter Mähne,
Des aufgeregten Flusses Welle theilen.
Winket der Handbub’ einem alten Raben,
Der niedersaß auf einem Cruzifixe
In den Basalt der Klosterwand gegraben.
Den sattelt sich der wilde Teufelsknabe,
Schwingt sich darauf mit troz’gem Ungestüme,
Hoch überflattert schon den Thurm der Rabe;
Hoch überflattert er die Riesenfichte,
Wie ihn der Bube mit dem Sporne stachelt
Zum Monde fort dem fiebrischen Gesichte!
Wie kriecht der Schatten als ein schwarzer Wurm,
So klein und krüpplig über Berg und Thal
Ein dürres Blatt gehetzt von einem Sturm!
Die sprengen durch den echolauten Wald.
Um Mitternacht bei einem Hochgerichte,
Auf dürrem Hügel schickt man sich zum Halt.
Und wie sie zügeln ihrer Gäule Hufe,
Harrt ihrer schon der flinke Rabenreiter,
Halb eingenickt auf des Suppliciums Stufe,
Der alte Rabe kauert stumm verdrossen,
Mit mürr’schen Blicken bei den abgenagten,
Gebleichten Beinen auf des Rades Sprossen.
Wie beide nah’n, erwacht der Bub’ geschwinde,
Er nimmt die schäum’gen Rosse von den Reitern
Und führt sie auf und ab im kühlen Winde.
Faust und Mephisto sitzen auf dem Sand
Und sprechen schnell und eifrig aber leise,
Daß es der Teufelsbube nicht verstand.
———
Wie schon der Mond in das Gebirge geht.
Farbt sich Venetias vielgestalter Schatten
Auf stummem Meer, in stummer Majestät.
Ein schart’ger Felsen ragt er in die Welle
Ein leis’ gehobnes düstres Geisterschiff:
Allnächtig festgeankert an der Stelle. —
In phantasienreichem, schwanken Gange,
Geht Faustus auf und ab am schönen Meere,
Das ihm die Brust erfüllt mit heißem Drange.
Am schönen Meer, deß Steigen und deß Neigen
Des Menschen Blick in stierem Schauen fesselt,
Wie in dem Wald das Spiel von Laub und Zweigen.
Wie wenn man Aug’ in Auge sich besiehet,
Die Seel’ in Seel gedankenlos versinket,
Und in bewustlos dumpfem Traum entfliehet.
Gefährlich ist’s in solchem wüsten Stieren
Sich unermessne Wünsche zu entzünden,
Und bänglich sich den Busen zu umschnüren.
Wir schrecken aus dem selbstvergess’nen Traume,
Wir wissen diese Sehnsucht nicht zu nennen,
Wie gleichet uns’re Seel so einem Baume; —
Deß Zweig’ im Nachthauch schwanken, beben, wehen,
Er dauert uns, als hätt’ auch er Gedanken,
Als könnten sein Verlangen wir verstehen.
Fort rauscht es in den leis’ erregten Zweigen,
Die düster sich bis an den Boden senken,
Doch ohn’ Erwiedern bleibt das stumme Neigen,
Nicht tauchet aus des Mond’s geschwelltem See
Ein lichtes Weib, die um den Stamm sich schlänge,
Um zu genügen dem sprachlosen Weh.
Dies dachte Faust am Meer um diese Stunde,
Am sand’gen Lido von Venetia
Der Mond entschwand lang’ zu der Alpen Grunde.
Da wandelt über einer Brücke Bogen,
Die zween Palläste mit einander einigt,
Hoch hingewölbet ob der Brenta Wogen,
Wohl sah es Faust, ein Mensch in schwarzem Kleide,
Zerrung’nen Haars, todtbleichen Angesichts,
Und wie zerknickt von einem Riesenleide.
Dann schien es ihm, als wär’s ein leerer Schatte,
Von irgend einer närr’schen Nachtgestalt,
O toller Stern! der ihn geworfen hatte.

Diana von San Pietra

Der Morgen graut, es regt sich in dem Meere
Das in der stummen Nacht so dumpf geschwiegen.
Am Strand zerrol’n der Wellen weiße Heere.
Als hätt’ ein Zauber ihm die Brust versiegelt,
In der gewalt’gen finstern Schattennacht,
So freudig rauscht’s am Morgen nun entzügelt.
Wie hier noch Faustus auf und ab spazieret,
Tritt zu ihm an Mephisto, der indessen
Zum rothen Thurm, vergnüglich poculiret.
Er stolpert ein klein wenig in dem Sande,
Doch unverrückt sind seine gelben Züge,
Die Trunkenheit bringt dem nicht Schimpf noch Schande.
“Willst du sie seh’n?” spricht er zum düstern Träumer
“Die schönste Magd, die ich dir je erkoren,
“Wenn sie’s nicht ist, so geb’ ich ein Paar Eimer:
“Die dorten segelt in dem schwarzen Kahne,
Das blasse Kind, bei ihr der kleine Mohr,
“Das ist die wunderniedliche Diane.
“Sie fährt auf’s Land nach ihrer Inselville,
“So wie du willst, kannst ihr dahin du folgen,
“Gekleidet als venetischer Nobile.
“Ja dies ist schön,” spricht Faustus ganz versunken,
“In dieser schwarzen Gondel Wellentanz,
“Die macht zum letztenmal mich liebetrunken!
“Noch einmal Liebe, und noch einmal lieben!
“Dann stürmisch zu den anderen Genüssen,
“Im Höllenboden wuchernd aufgetrieben!
“Noch einmal Liebe! — die ist zum Entzücken —
“Ich liebe dieses Schmachten auf den Wangen,
“Und diese Gluth in wunderschönen Blicken!
“Die Bleiche, die ein jegliches Empfinden,
“Als träufelt Blut auf’s Blatt der Myrthenblüthe,
“In wunderschönen Gluthen kann entzünden.”
“Ich liebe diese tiefen Augensterne,
“Bei Angst und Schreck von dunklem Ring umfurchet,
“O schönes Weib in lichter Meeresferne!”
Verschwunden ist der dunkle Segelkahn,
Es rauscht empor die hehre Morgensonne,
Da fängt Mephisto so zu reden an:
“Ich weiß noch nicht,” sagt er: “wird’ es gelingen,
“Sie ist an Tugend, an Erziehung reich,
“Und matt regt noch ihr Herzchen seine Schwingen;
“Doch bis du gut! wenn wir sie nur erst kennen,
“Oft schafft uns ein zerbrochen Lieblingsglas
“Mit einem Mal, wonach wir lange brennen!
“Der schrille, harsche Klang, die armen Scherben:
“Das hallt im Herzchen gar so seltsam wieder,
“Der Wehmuth folgt so treulich das Verderben.
“Die soll dir nicht entgehn im dunklen Kahne,
“Sie unverzagt, Mephisto ist dein Freund,
“Und auch ein Weibername ist Diane!”
Er schwätzt ins Meer, das ihm die Füße netzet,
Er hinkt und taumelt auf und ab im Sande,
Von seinen Frevelplänen still ergötzet.
———
Die beiden schleichen um die Inselville,
Auf San Pietras Strand, dort schäumen Strudel,
So wirbelnd und gefräßig wie die Scylle.
Auf wogenüberwölbendem Altane,
Sitzt in der abendlichen Meereskühle,
Im Mondenschein die schmachtende Diane.
Und wie die Wog’ sich träumend hebt und senket,
Singt sie ein sehnsuchtsvolles, süßes Lied:
“Ob er wohl meiner, meiner noch gedenket!”
“Ob er wohl meiner, meiner noch gedenket,
Wie, redet Faust, so hast du mich betrogen,
Und um die schöne Hoffnung mich gekränket,
“Du hast das reinste Wesen mir versprochen,
Das noch nicht Neigung und nicht Sehnsucht fühlte,
Ist nicht recht schurkenhaft dein Wort gebrochen?”
“Ha!” lachte jener, muß dich ich es lehren,
Hochedelster Schatzmeister der Gefühle
Die euer Herz zernagen und verzehren?
Begreifst du nicht die Unermeßlichkeiten,
Des Nichts, in die solch üppig Abendlied
Das Mädchen lockt, das weißt du nicht zu deuten!
Noch keinem Mann hat sie ins Aug gesehen,
Um keines Jünglings Brust den Arm geschlungen,
Und will vor Lieb’ und Zärtlichkeit vergehen!
Du Thor! um solche närrische Gefühle,
Die fern und fern, verhallen und zerschellen,
Als du’s gesehn im Meer beim Wellenspiele:
Plagst du dich schon mit eifersücht’gen Grillen,
O wisse diese nicht’gen Gaukeleien,
Die machten schon gar manchen mir zu Willen!
Da selbst — du selbst!” o schweig beredter Schuft
Ruft Faust, ich hab’s nun völlig eingesehen,
Wenn du so sprichst, benimmt’s mir Muth und Luft!
Ich weiß, ich habe wenig widerstanden,
Da’s mich verlockt in der Unendlichkeiten
Grundlose Wirbel, die nun schon versanden.
Was mahnst du mich an dieses dunkle Ringen,
Fluch der Gedanken tollen Wolkenjagd,
Umdüsternd mich mit ihren finstern Schwingen!”
Mephisto lacht: “sag’ nur, was sprichst du wieder,
Das hört ich öfters als das Lied der Raben,
Die an dem Galgen hüpfen auf und nieder.
“Doch nun zu ihr, ich schwör’s zum letzten Male,
“Singt sie wie heut: ob er wohl mein gedenkt,
“So sittsamlich bei dieses Mondes Strahle”!
———
Es war zur Zeit der dumpfen Mitternacht,
Im tiefen Vollmond schauert’s geisterhaft,
Und Wog’ und Strudel brüllt und tobt mit Macht.
Der weiße Schaum tanzt auf den Wellenhügeln,
Er wogt und wallet blinkend auf und nieder,
Als wär’s ein Schwan mit blüthenweißen Flügeln!
Ein Kahn rauscht durch der Insel wilde Strudel,
Kein Segel glänzt vom dürren, kahlen Maste,
Danebenher schwimmt ein kohlschwarzer Pudel.
Im Kahn sitzt Faust, zu Seiten ihm Diane:
Wild stürmt es fort, als heult in tausend Segel,
Der aufgeregt’ste tollste der Orcane.
Dian’ ist bleich, ihr Auge roth geweinet,
Zur Welle hangt die aufgelöste Locke,
Von keiner Kunst geebnet und geeinet.
Die Blicke Faustus leuchten wild entzündet,
Und wie er redet, zittert seine Stimme,
Daß er zuerst fast keine Worte findet.
Als käm er von dem üppigsten Bankette,
So pocht es in den Adern seiner Stirne,
Hoch weht die dunkle Feder vom Barette.
Er schwatzt von seiner heißen Brust Verlangen,
Von Furcht und Sehnsucht, und von Tod und Thränen
Wie allgewaltig ist sein zärtlich Bangen!
Wie rauscht die Barke durch der Woge Schaum,
Sturmrasch schwimmt nebenher der tolle Pudel.
Faust ist beglückt im Meer, im Liebestraum.
Doch wie er aufblickt zu dem Vollmondhimmel
Gewahrt er vieler höllischen Gestalten,
Verrücktes, schwarzes, teuflisches Gewimmel.
Den Mast umtanzt ein scheußliches Gelichter
Von schwarzen Buben, die die Barke treiben,
Verzerrte, grasse, höhnende Gesichter.
Das war ein wirres, ekelhaftes Regen,
Wie sie unzählig an dem Holze klammern,
Gleich Fledermäusen an der Kirchthür Schlägen.
Schon dämmert immer näher von dem Strande
Des riesigen Gebirges starr Gewinde,
Die finstern Bäume auf dem Felsenrande.
———
Wie sie’s gemacht, die Magd sich zu gewinnen,
Deß kann die Kund sich nicht besinnen,
Ihr Aug’ ist trüb, ihr Blick ist weich,
Das Haar gelöst, die Wange bleich,
Faust ist entflammet, extasiret,
Sein Blick ist wild, sein Blut pulsiret.
Auf dem Altan, da Diana saß
Liegt um der Tisch mit vielem Glas.
Manch schön Geräth ins Meer versank,
Ein Schleier fliegt den Strand entlang.
Die Laute liegt zerschellt am Boden,
Der Mohr dabei ohn’ Hauch und Oden;
Es war ‘ne wüste, nächt’ge Stunde,
Doch was geschah, verschweigt die Kunde.
———
Auf Lotterbetten sitzen sie beim Mahl,
Im dämmerlichen, wunderschönen Saal,
Wie strahlet von Dianens holder Wange,
Das milde Roth im Sonnenniedergange.
Noch röther glänzt’s, wo Faustus sie geküßt
Der Liebe ganz und ganz Entzücken ist.
Schön ist die Dämmerung, schön der Felsentrümmer
Dran niedersteigt der letzte lichte Schimmer.
Leis’ weht der Abend in der Trauerweide
Im stillen See und in der Tannenhaide.
Da schwirrt es an die Glasthür vom Balkon,
Ein schauriger, gespensterhafter Ton.
Es zerret an den blanken, goldnen Ringeln,
Es dränget an die Scheiben wie mit Flügeln,
Dian’ erbleicht, doch Faust eilt keck hinaus,
Zu schaun, was ihm bedroht der Liebe Haus.
Als einen großen Geier er erblickt,
Der gar verständig an den Riegeln rückt.
Ein Blatt Papier halt er im Klauenfange,
Faust nimmt’s und liest’s, es bleichet seine Wange.
Mit Ungestüm schwingt er sich auf den Geier,
Und aufwärts steigt mit ihm das Ungeheuer;
Wie schweben die im bleichen Sternenlichte,
Wie ächzt des Thiers bleischwerer Flügelschlag.
Verzweiflung wühlt auf seinem Angesichte,
Er blickt zur Erde, wo der Pallast lag,
Und länger kann er’s nicht ertragen,
Wie er der Liebsten fernen Schatten sieht.
Er sieht sie weinen, sich die Brust zerschlagen;
Er flucht und wild sein Auge glüht.
Aus seinem Busen zieht er eine Schneide,
Durchsticht des Unthiers Hals mit rascher Wuth,
Das sinket flatternd in die dunkle Heide,
Und wälzt sich sterbend in dem heißen Blut.
— Doch Faustus eilt mit sturmesschneller Hast
Zu seinem Weib im leuchtenden Pallast.
“O komm,” spricht er mit gramumwölkter Stirne,
Zu der in Aengsten hingesunknen Dirne:
“O komm,” spricht er: “o komm laß uns entfliehn,
“Du süßes Kind, wo sie uns nicht mehr finden.”
“Mein Lebenslicht, o weine nicht, sei kühn!
“Fort! fort! aus diesem Höllenhaus der Sünden!”
Er schlingt ums Mädchin seinen Arm mit Macht,
Und stürzt hinaus in Wald und Nacht.
———
Als sie gegangen, trat Mephisto ein:
Er lacht und zecht von dem Burgunderwein,
Bespiegelt in dem Kerzenglanz,
Den Ziegenbart, den schwarzen Schwanz.
“Nein;” höhnet er: “das ist zu toll.
“Wie ist der Geckenwicht befangen,
“Er kennt mich lang, er kennt mich wohl,
“Entgeht mir nicht, und ist mir nie entgangen.
“Nun stürzt er mit der Dirne fort,
“Die ich, ich selbst, ihn lehrt verführen
“Mit tollem Abscheu gegen diesen Ort,
“Voll Teufelshaß, voll sittlicher Begieren,
“Der Geier kam zum falschen Augenblick:
“Es ward ihm wohl an ihrem Munde:
“Er träumt sich schuldlos, wohl verdient sein Glück,
“Und fluchet unserm freundschaftlichen Bunde.
“Ich kenn’ dies schlechte Tugendwähnen,
“Die Exaltation der Dämmerstunde:
“Die Wehmuth und das Himmelssehnen
“Ich kenn’ dies wirrste, menschliche Gefühl
“Die ganze Leerheit in dem Höllenspiel:
“Ich schuf’s — der kluge Mann ließ sich bethören,
“In Teufelsangst rennt er durch Feld und Wald,
“Ich lass’ ihn unbesorgt gewähren:
“Es ruft mich doch sein holdes Liebchen bald.
“Und wär’ ich auf viel tausend Stunde,
“Es zöge mich unwiderstehlich hin,
“Er küsset mich von ihrem Munde,
“In jedem Pulsschlag fühlt er mich erglühn.”
Er sprach in seinem Höllengrimme
Die Worte mit erhobner Stimme.
Und wie er auf und nieder keucht,
Flackert die Kerz’ vom Zug gescheucht.
———
Im dämmerlichen, wilden Eichenwald,
Sitzt Faustus bei der schlafenden Diane,
Und wie’s im Baume mächtig rauscht und hallt,
So rauscht’s und hallt’s im nahen Oceane.
Tiefstummen Schlafes schläft das schöne Kind,
Kein Traum pulsirt das Blut in ihre Wangen,
Des Lides Schleier, der ihr Aug’ umspinnt,
Zuckt nicht verrathend Hassen oder Hangen.
Und wie vom Schlafe so entseelt sie ruht,
Ganz regungslos und ohne Lebenszeichen,
So scheint auch Faust ein Mann ohn Hauch und Blut
Und er wie sie, sie ähneln zween Leichen.
So starr blickt er ihr in das Angesicht,
So hält er fest umspannet ihre Hände,
Lebendig wankt im schwanken Dämmerlicht,
Um sie ihr Schatten hurtig und behende.

Mephisto kommt, der Höllenbrand,
Ein lohes Fackelstümpflein in der Hand,
Naht er sich aus des Waldes tiefstem Grunde,
Und Hohn und Spott verzerret seinen Mund.
Als wenn man trocknes Reiserholz zerbricht,
So knackt sein Schritt: “o du wortbrüch’ger Wicht,
Was kommst du nicht, wenn ich dich mahne;
Verdammt das schnöde Weibsgebild Diane!
Um was erstachest du mein Leiblingsthier,
Das ich zum Ritt gesendet dir!
Jetzt eile nur, sie werden ungeduldig,
Du bist es mir, bist es den andern schuldig!
Ich habe viel, gar viel bei dir zu gut;
Quält’ ich dich je um einen Tropfen Blut?
Nicht einen Buchstab und kein Blatt Papier,
Verlangt’ ich je zur Sicherheit von dir!
Um all’ den amüsanten Zeitvertreib,
Ist dir kein Haar gekränkt an deinem Leib!
Jetzt aber brauch ich dies, und brauch noch mehr,
Du zögre nicht, sie peinigen mich sehr!
Bald bring ich wieder auf die Erde dich;
Du bist wie sonst, verliebt und liederlich.
Faust hört ihn an in glüh’nder Herzensqual,
Wie schläft die Dirn’, sein schönes Bettgemahl!
“Bis sie erwacht, laß mich, ein Abschiedswort
Von ihr, dann will ich, wie du forderst fort!”
“Du ruhest nicht, als bis ich zornig werde,”
Sagt der mit einer häßlichen Geberde,
“Küss’ sie ins Teufelsnamen noch einmal,
Dann komm’, und sei mir nicht zu Hohn und Qual!”
Wie sie nun gehn, erwacht Diane,
Und sieht den Teufel mit dem glimmen Spahne,
An seinem Arme den geliebten Mann,
Um den sie so viel Sündliches begann.
Sie zweifelt noch, ihr Aug vom Schlaf verwirret
Beredt sie nicht, daß sie sich nicht geirret;
Sie sammelt sich, dann springt sie plötzlich auf,
Und stürzet hin in wahnsinnsraschem Lauf.
Wie ihr es dünkt, so eilen nicht die beiden,
Gemess’nen Schritts durchwandeln sie die Haiden,
Doch mag Diane jagen, daß sie sinkt,
Nicht naht sie dem, der ruhig vor ihr hinkt. —
Ihr Busen klopft, und ihre Pulse tosen,
Dem Kranz im Haar entrollen Band und Rosen,
Der Athem keucht, vertrocknet ist ihr Mond,
Oft fällt sie hin und schlägt die Stirne wund.
Gekommen sind sie zu den tiefsten Gründen,
Des finstern Waldes, in häßlichen Gewinden,
Verfaulet hier ein ungeheurer Moor,
Darin sich schon manch Menschenkind verlor.
Hier war es grausenhaft und fürchterlich,
Daß Sterblichen der Lebensmuth entwich,
Wie auf des Oceanes Abgrund-Riffen
Die Schreckniß wohnt, von Menschen unbegriffen.
Der Schauderhaufen von geschwollnen Leichen,
Verfall’n den Mächtigsten in diesen Reichen,
Noch namenloser Ungeheuer Spiel,
Ein zauberhaftes, schreckliches Gewühl:
So starren hier in greller Irrlicht Scheine,
Viel weiße, dürre, menschliche Gebeine,
Zerrupft Gefieder treibt im nächt’gen Wind,
Im Moor verwest der Balg von Schaaf und Rind.
Wie bieget sich als unter Steingewicht
Der Eichenast, der fast zu Boden bricht;
So sitzt auf ihm in schwarzen, finstern Schaaren
Der wüste Hauf von Geiern und von Aaren.
Die beiden gehn gelassnen Schrittes hin,
Noch siehet man Mephistos Fackel glühn.
Um diesen Brand viel Irrwisch fliegen
In unabsehbar langen Feuerzügen;
Um ihre Kön’gin schwärmen so die Bienen,
Ergötzend sich am Sonnenschein im Grünen.
Diana schauert, wilder Wahnsinn sprüht
Aus ihrem Aug’ die Stirne klopft und glüht.
Noch stürzt sie fort, den Boden kaum sie streift,
Von ihrem Haare schauerlich umschweift.
Mit hoch erhobnem Arm am Meeresrand
Sinkt sie hin und stirbt, laut lacht der Höllenbrand
Mephisto, daß es durch die Eichen gellt,
Drauf er mit Faust sich in die Wolken schnellt.
———
Und wie sie schweben, brauset hinterdran
Der alte Sturm, der zornesmüth’ge Mann,
Emporgetauchet aus dem Grund der Eichen,
Die düster bebend von einander weichen.
Wie schüttelt er das ries’ge Wolkenheer,
Und jagt sie närrisch in die Kreuz und Queer,
Zerraufend sie, wie man ein Tuch zerreißt,
Der arme Faustus und sein böser Geist,
Sind ganz in dumpfe Nebel eingehüllet,
Und dunkler Thau aus ihren Haaren quillet.
“Mephisto” braust der Sturm: “geh nicht so schnell
“Du weißt, heut komm’ ich mit an Ort und Stell.”
“So komm nur, komm!” entgegnet der: “und eil,
“Wie ichs gesagt, heut kriegst du auch dein Theil.”
Wie tostt’s im Meer, ob dem sie grade schweben,
Als solche Antwort er dem Sturm gegeben;
Wie brandet’s weiß am Strand, dem klippenreichen,
Als wär’ es Schimmer von viel tausend Leichen.
———
In dumpfer, melanchol’scher Regennacht,
Steht schauerlich das Haus Sanktae Marie,
In seiner Schwermuth mitternächtger Pracht,
Am Waldesstrome die Anatomie. —
Wie rauscht es zum Entsetzen öd’ und bang
Hinauf, hinab, den langen Bogengang:
Und was da wirbelt, in des Zuges Spiel
Hinauf, hinab, ein schwirrendes Gewühl!
Der schöne Engel, der geglänzt im Bilde,
Der hehren Weihnacht süßer Himmelsmilde
Der sich geneigt dem schönen Jesuskinde
Als wüster Fetzen flattert er im Winde,
Wie ein lichtscheuer Schmetterling der Nacht
Sich hurtig wirbelnd in der wilden Jagd.
Und an der Säule hängt der leere Rahmen,
Erwünscht den Fledermäusen, die erlahmen.
———
Wie nun in dieser Nacht vom schwarzen Thurme
Der zwölften Stunde hohler Klang verschollen
Ferne verhallend in dem Waldessturme.
Was schleicht da durch die Wolken ob der Eichen,
So matt und sacht, als wie ein Zug von Todten,
Die aus dem Grab um diese Stund’ entweichen!
Faust ist es, welcher wallet in der Mitte
Zur Zeit geneigt das bleiche Angesicht,
Verloschnen Aug’s mit todtenmattem Schritte.
Geführt von zween häßlichen Gesellen
Welche den schwachen an der Achsel stützen.
Sie haben Mäntel um aus rothen Fellen.
So nähern sie sich in trübseel’gem Schleichen
Hoch wandelnd in dem Sturme in den Wolken,
Und wie sie wandeln, beugen sich die Eichen.
Zum Klosterhofe steigen sie hernieder
Und in der weißen Nische am Gewölbe,
Da lassen sie den armen Faustum nieder,
Und aufwärts steigen wieder sie geschwinde
Und Hand in Hand sind sie im Sturm entschwunden,
Die grasse, wilde Bettelbrut der Sünde.
Allein sitzt Faust im dumpfen Hofesraume.
In schweren Schlaf ist seine Seel’ versunken,
Ersinnend kein Gebild zum Schauertraume.
Also verrauschet eine finstre Stunde
Der bleiche Mensch schläft in der Bogennische
Der Regensturmwind braust im Waldesgrunde.
Da naht Mephisto aus der dunklen Weite,
Er lacht dem Schläfer spöttisch ins Gesichte.
“Das also, spricht er, war zu viel Dir heute!
Und doch hab’ ich noch wohl für Dich gestritten,
Manch lüstern Höllenweib schlng ich zu Boden,
Doch bei dem alten Sturmwind half kein Bitten.
Doch nun vergiß das Galgennest die Hölle,
Deine Natur ist gut, dein Puls ist stark,
Bald wird’s vor Hirn und Augen wieder helle.
Ich weiß für Dich die herrlichste Blondine,
So was ist Dir noch nicht zu Theil geworden,
Fern an des deutschen Meeres rauher Düne.
Du freutest Dich bisher an schwarzen Dirnen.
An Welschlands dunkelfarbigem Geschlechte,
Versuch’ es nun einmal mit schnee’gen Stirnen.
O die ist schön! so recht für Dich mein Junge!”
Mephisto beugt zu seinem Ohr sich nieder,
Und schwatzt und schwatzt mit sturmgeschwinder Zunge.
Daß Fausti todtenbleiche Mange glühet.
Der Busen tönt in wildem Herzenschlage,
Zu üppigem Lächeln sich der Mund verziehet
Und wie der Sturm enthüllt das Mondgesichte.
Da wandeln schon sie in der weiten Ferne
Im lauten Wald, im Schatten und im Lichte.

Am Ocean

Sie stehn am Meer dem sturmzerrissnen wilden,
Dess’ Wogen sich zu gräulichen Gebilden
Verzerrn, zu schwermuthsvollen finstern Fratzen,
Ein wildes Heer von brunstentflammten Katzen. —
Und wieder strahlt der Mond in falbem Licht,
Ein abgezehrtes kränkelndes Gesicht,
Der gern erscheint die Nacht da Faustus irrt,
durch Wald und Dün’ mit seinem Seelenhirt.
Der wilde Sturm hat endlich ausgebraus’t,
Die krampfig fesgeballte Riesenfaust,
Von Wog’ und Wolke löst sich allgemach.
Unheil die Schlang’ die ihren Nerven stach,
Enteilt zur finstern Fern’ in langen Ringen,
Die weit sich mit der Nebelnacht verschlingen.
Faust athmet kaum, er stiert ins Element,
Darin er seines Lebens Bild erkennt.
Wie Unheil der gewaltge Drach
Die Spiegelfluth der See durchbrach,
Daß sie am Fels verspritzt, verschäumt,
Hyänenhaft emporgebäumt,
Sich selbst zerriß, die klar und licht
Des Himmels Gluth, des Mondes Licht
Im Schoß empfing: nun wild zertrümmert,
Laut heulend ihren Schmerz verwimmert:
So war durch seines Herzens helle Fluth,
Unheil gerast in Bachanal’scher Wuth,
Und hat an ödem Strande sie verspritzt,
Des Himmels Bild zerworfen und zerritzt.
Im Mondenlicht das glüh’nder jetzt erstrahlt,
Des Faustus Bildung in der See sich malt,
Zu ihr gepaart die von dem Seelenhirt
Der dumpf und schläfrig auf den Boden stiert.
Und auf der Düne liegt ihr finstrer Schatte,
So lang als wie von Tod gestreckt: der matte
Nachtwind weht durch ihr Mäntelein
Und zerrt und zieht am schwarzen Wiederschein.
Faust ist so bleich: die Stirne hochgewölbt,
So klar und hell ist nun verwelkt, vergelbt,
Von einer tiefen Falte schwer durchzogen
Hoch über seiner Augenbraunen Bogen.
Die hat das Ansehn ganz, die hat die Farbe
Als ob sie eine wüste, tiefe Narbe.
“Was sagtest Du, spricht er nach langem Schweigen
Da er geblickt zum wüsten Wellenreigen:
Was sagtest Du, schieb ich in diesen Sand,
Zur Ebbezeit: “hier Doctor Faustus stand,
Der sich mit seiner Seele Seeligkeit
Dem allerbesten Teufel hat geweiht;”
Oder gleich in dem sonderen Idiom
Das mit Gewicht der Prister spricht zu Rom,
Der heil’gen Sprache der vier Fakultäten
Die wie gemacht zum Richten, Heilen, Beten,
Zum andern Irrsal menschlichen Verstandes
Im süßen Gaue dieses deutschen Landes.
“Hoc stetit Doctor Faustus littore
Qui sese pro aeterno tempore
Addicavit malo diabolo
Cum corpore divino animo.”
Was sagtest Du, braust nun heran die Fluth
Und läßt mir stehn das Stücklein Uebermuth,
Und steh’ts so ewig, weckt wie ein Gerippe
Ein Stoßgebet auf jedes Schiffers Lippe; —
Wenn hier die Wog’ als schwebt sie über Gründen
Deren Boden unermessen nicht zu finden
In ew’gem, wahnsinnsraschen Kreis sich dreht,
So daß mir nie die grasse Schrift verweht.
Hier steht im Sonnen: steht im Mondenschein
Was ich gezeichnet in den Flugsand ein.
Die Striche flöh’ das Meergevögel
Und mehr als Fels verscheuchten sie ein Segel!”
“O Thor” sagt der “hörst Du nur meine Lehren
Sie mir im Mund willkührlich umzukehren.
Ihr tolles Volk begehet keinen Mord
Ohn daß ihr meint, es tob’ dazu der Nord
Ihr möget nicht erröthen, nicht erbleichen,
Ohn’ daß der Wang’ die Himmel sich euch gleichen. —
Nicht schreib Du’s in den trocknen flücht’gen Sand,
Daß seinen Freund im Teufel Faustus fand
Actz’ Du’s in einen Eichenstamm auf’s Mark,
Natur bedeckt’s: sie ist so gut und stark:
Umspülend es mit frischem, kräft’gem Saft,
Der Narben bald der scharfen Wunde schafft.
Nicht schreib Dus in den irren, losen Sand,
Hier wußt’ dem Bösen Faust nicht Widerstand
Schreib’s mit dem Meissel in den Felsen dort,
Und Regen, Wog’ verlöschen Dir das Wort.
Und klingt’s auch der Philisterinn
Wie Grabesschrift in seinem Frevelsinn,
Sie schont es drum nicht mehr als die Millionen
So sie verlöscht im Laufe der Aeonen.
Ihr Moos hüpft gern auf einen Leichenstein
Und ranket sich wie an dem Holzspalier,
An solche Schrift: voll edeler Begier
Zernagt mit Luft der Wurm das Todtenbein.
An euers Leibes schmerzlicher Verkohlung
Sich sättigend, in eigensinn’gem Hohn,
Ersteht sie jung in ew’ger Wiederholung,
Streng fesselnd euch in sklavenhafter Frohn;
Verflucht dies eigennütz’ge schlechte Weib,
Das eurer Seel geboten solchen Leib.
Ich aber ruf’ ins Meer, ruf’ himmelan,
Erlöser ist, und bleibet euch Satan!
Der tollen Rausch durch dies Geäder hetzt:
Und euch belehrt wie ihr euch widersetzt.”
Faust hört das Wort: doch weiß er nicht,
Sprach er dies selbst, sprachs sein Begleiter,
Der seelenlose Höllenwicht.
Die Woge klingt es fort und fort und weiter
Es tropft der Mond ins Meer um diese Stunde:
So roth und schwer wie Blut aus einer Wunde:
Geschmolzen Gold, das in der Menschen Sinn
Den unersättlichen, Gebieterinn
Die siegesreiche Königinn Schwermuth träuft,
Den nimmer satten in den Tod ersäuft.
Mephisto schweigt: auf glimmer Wog’ im West.
Hintreibt ein Wrack: ein dunkler, kleiner Rest
Dem dürren Blatt vergleichbar, das zernagt,
In wüstem Wind auf öden Fluren jagt.

Schön Hertha

Faust wandelt auf und ab im Corridor:
In prachtvoll mondeslichter Abendstunde:
Des Nordmeers Stimme schlägt zu seinem Ohr
Und still und zärtlich seufzt’s aus seinem Munde,
Sein Blick ist friedlich, seine Stirne rein,
Das Haar geregelt, neu sein Mäntelein;
Die blankste Feder wallt vom sammtbarette,
Und um das Wamms hangt eine goldne Kette.
Die felsumgränzte helle Meeresbay
Strahlt ihm in wunderhellem Wiederscheine
Das Trümmerschloß erhöht so keck und frei,
Auf starrer Felsen schwarz bemoostem Steine.
Und wie der volle Mond dann höher wallt,
Und statt der zarten goldnen Lichtgestalt,
Die in dem Meeresgrund sich sanft gewiegt,
Der wüste Schatten trübe niederkriecht!
Faust schauert in der Einsamkeit
Da hoch und höher sich sein Busen hebet.
Er hört ihr Klingen das ihn oft erfreut
Dies ernste Säuseln, wies sein Ohr umbebet.
Was tönet dieser Laut der trüben Nacht,
Dies Fächeln wie von vielen, vielen Zweigen,
O unbegriffen und unausgedacht,
Dies schwirre Plaudern in dem tiefsten Schweigen.
Es ist kein stürmisch Herze das so schlägt
Nicht Meer nicht Baum vom Nachtwind aufgeregt.
Es ist kein Lispeln einer scheuen Lippe,
Kein schrecklich Zittern wachender Gerippe.
Allein den Geist versetzt dies dunkle Schwirren,
In eben solche räthselhafte Wirren
Und es versenkt in bängliche Gefühle,
Gleich wie der Wellen und der Zweige Spiele.
Da winkt’s ihm durch der Scheiben rundes Glas,
Mephisto steht auf einem spitzen Stein
Der dürre Wicht so häßlich und so graß
Und murmelt heiser: “jetzo geh’ hinein!”
Faust sieht der zween Finger dürre Knochen
Die ihm so altverständig lüstern winken:
Er fühlet bänglich seinen Busen pochen,
Und seine Keckheit scheint ihm zu entsinken.
Doch schreitet er mit Fassung Sitt’ und Ziere
Gesetzten Schrittes auf die nächste Thüre.
Drin sitzt am rauhen Tische von Basalt,
Bei dumpfen Lämplein eine Weibsgestalt
Ein bleiches Wesen, hager, knochendürr
So still und starr, als hätt’ es keine Seele,
Das blonde Haar zerrupft und schrecklich wirr,
Das blöde Aug’ in tiefer, finstrer Höhle.
Die Wang’ ist dürr und blässer als der Tod,
Die blut’ge Lippe färbt den Busen roth.
Und wie sie in das trübe Flämmchen schauet,
Und an den trocknen Spindelfingern kauet,
Murrt sie in kläglich jammervollem Laut
Schwer aus dem tiefsten Busen: “Braut!”
Dann küßt sie heftig die verdorrte Hand,
Und zuckt es in der Leuchte trübem Brand,
Vor ihrem Hauch, dann schreckt sie wild zusammen,
Und wirft sich wüthend auf den kalten Boden,
Flucht grasse Flüche, die der Höll’ entstammen,
Und reißt und fetzt vom Leib’ die schwarzen Loden.
Und als verlosch das Lämpelein
Traf sie wie Blitz der Vollmondschein.
Da tobt sie noch unmenschlicher, und wilder,
Was sah in diesem Licht ihr Geist für Bilder
Die noch vor Menschenauge nicht geschwebt,
Bis sie erstarrt zur grausen Leich entstellt,
Ganz wie man auf dem Kirchhof sie begräbt,
Ein schrecklich Unding auf den Boden fällt.
Faust sah mit starrem Blick das wilde Spiel.
Es fesselt ihn, einschläfernd sein Gefühl,
Und sein Besinnen, doch wie er erwacht,
Erfaßt’s ihn selber mit des Wahnsinns Macht,
Er stürzt hinaus als Hertha eben,
Der arme, bleiche, nackte Wurm,
Gepeitscht von ihres Wahnes Sturm
Emporstieg an des Fensters Eisenstäben.
Hin zu Mephisto, der an weicher Düne sitzt
Und seinen Kopf im Arme schläfrig stützt.
“Verfluchtes Thier, ruft er zum Feinde Gottes
Was machst Du mich zum Spielwerk deines Spottes?
Was machst Du mich zu dem wahnsinn’gen Kinde
Verheitzend mir des Himmels Seeligkeit
Da ich ein arm, unglücklich Scheusal finde
Zerknickt Gott weiß! von welchem Herzeleid!
“Ihr hattet ich so baar und kahl gemacht,
Ich war so todtenmatt und dumpf befangen!
Du Teufel hast Dir’s wieder angefacht
Das dir gehorchet dieses Gluthverlangen.
Was ließt du’s nicht als eine Leiche,
Wie es in meinem Busen lag begraben,
Nun wars nicht klug, da ich die Hand dir reiche
Also mich jetzt zum Narrn zu haben!
Einen kurzen Sonnenblick von Illusion,
Ein Blumenbett an dem Abgrunde,
Wohl noch einmal verdient ich schon,
Von Dir dem widerspenst’gen Hunde!”
Wie so er sprach, steigt an dem Eisenstab
Die arme bleiche Hertha auf und ab.
Sie regt sich sacht’ als ob im süßen Traume
Sie schweb’ am Zweig vom Lebensbaume,
Daran die schönsten Früchte lächeln,
Deß’ Blätter seelig sie umfacheln.
Wem der Gedank’ in stillem Kreis sich regt,
Wem Tag auf Tag gleichsinnig sich bewegt
Von keinem Leid und Gram gerührt,
Von keinen Wonnen exaltirt
Der ahnet nichts von solchen unermess’nen
Abgründen, in dem felsenfesten Herzen:
In welche die zerrung’nen und zerfreßnen,
Gefühle, schneidend wilde, bange Schmerzen,
Herniederzieh’n in ihre Todtenhöhle
Das Ich, den heil’gen Götterhauch der Seele.
Ein dumpfes Echo nur darf noch erklingen
Im Grunde liegt es mit gebrochnen Schwingen. —
Mephisto der sich kurz besinnt,
Zu dem erzürnten Doktor so beginnt:
“Thu mir’s zur Liebe, sei nicht böse!
Von solchen Kleinigkeiten kein Getöse.
Es thut mir leid ich habe Dich gequält!
Mich trifft nicht Schuld, wenn das Gedächtniß fehlt.
Ich irrte mich blos um ein halbes Jahr
Da war beim Teufel Alles wahr,
Was gestern ich Dir an der Magd gelobt,
Die dorten so gar unverständig tobt!
Der Satan hol’s, vergaß ich’s eben
Zween Prinzen hatt’ ich sie zum Bräutlein schon gegeben.
Dem Prinz von Wales, und dem von Turindur,
Zween Herrn wie sie zu wünschen nur!
Doch bis nur still — schau nicht so kummervoll
Wir finden wohl noch eine die nicht toll!
Ein holdes Täubchen soll Dir nicht entgehn.
Ich weiß schon was, — — doch laß mich’s noch bedenken,
Und sollt ein Fürstenkind zum Teufel gehn,
Glück auf! Dir Faust und Deinen Liebesschwänken!”

Die alten Zecher