„Jaurès!“ ruft Jean Longuet, tränenerstickt: „mit ihm unternahm ich die letzte Brüsseler Fahrt, wo der letzte Versuch gemacht wurde, den europäischen Frieden zu retten. Ich warnte Jaurès davor, sich in dasselbe Restaurant zu setzen, in dem Daudet und Maurras verkehrten. Hatte nicht letzterer acht Tage zuvor in der „Action Française“ öffentlich den Tod des Tribunen provoziert, indem er schrieb: ‚Gegen diese moralische Fäulnis kann nur das Eisen noch helfen!‘ Und wirklich, unser Freund erlag.“

„Jaurès!“ ruft Marcel Cachin, der Chef der Kommunisten und erinnert, wie oft den edlen „Camelots du roi“ seine eigene Ermordung aufgetragen wurde, unter denen sich aber kein Charakter fand wie die Germaine Berton.

„Jaurès!“ ruft der sanfte Georges Pioch, der dicke Mann, der die Güte selbst personifiziert, der auf allen Meetings, allen Gedenkfeiern und allen Faubourgs und Vorstädten eine lächelnde Revolution predigt.

Und da kommen die altgedienten Republikaner alle, die im Dienst für Frieden und Menschenrecht graugewordenen Intellektuellen, die alle seit mehr als zwanzig Jahren den blutheischenden Zorn Daudets und seiner Königsclique ertragen.

Da ist der zweiundachtzigjährige Ferdinand Buisson, der Präsident der Liga für Menschenrechte, und sein zweites Wort ist „Jaurès!“

Da ist der Theoretiker der anarchistischen Lehre und Shaw-Übersetzer Augustin Hamon, da ist Urbain Gohier, den seit dem Dreyfus-Prozeß die Royalisten aus tiefstem antisemitischem Haß durch Verleumdung und Lüge aus dem Weg zu räumen suchten: „Hätte ich zwei Pistolen in der Tasche gehabt und die „Action Française“ gesäubert, ich wäre bestimmt freigesprochen worden,“ sagt er. Da ist Ernest Judet, der frühere Herausgeber des „Eclair“, soeben erst aus sechsjähriger Verbannung in der Schweiz heimgekehrt – lauter alte Männer, und alle bedauern nur, den Mut der Germaine Berton nicht aufgebracht zu haben.

Da sind der Exminister Violette, der Caillaux-Verteidiger Marius Moutet, der bekannte Pazifist Marc Sangnier, die ersten Opfer der faschistischen Gewaltakte der Action Française, die eines Abends, als sie sich in eine Versammlung der Salle des Sociétés Savantes begeben wollten, mit Knüppeln von der Daudetbande traktiert wurden.

Da ist der Hauptmann Fontanie und beichtet: „Als ich von der Tat der Berton hörte, war ich tief geknickt, weil ich mich oftmals während des Krieges selber gefragt hatte, ob ich Léon Daudet nicht erschießen müßte. Wir sollten republikanische Propagandaschriften in die deutschen Schützengräben schmuggeln, aber währenddessen bereiteten andere in Paris die Monarchie vor. Ich habe Daudet nicht getötet, weil ich aus ihm keinen Märtyrer machen wollte, aber daß die Berton es getan, verstehe ich vollkommen.“

Da ist sogar der Kriegsminister Lefèvre, dessen Objektivität einer Verteidigung Germaines gleichkommt (denn alle hielten ihn für einen Helfershelfer Daudets). Da ist der General Sarrail, der Verteidiger von Saloniki, und ruft seinerseits „Jaurès!“

Und da ist Pierre Hamp, der sozial-lyrische Dichter der Arbeit, der in einer großen Fuge „La Peine des hommes“ die Schönheit und die Schrecklichkeit der alltäglichen Fron schildert, einem Werk, das den Naturalismus Zolas auf statistischer Basis ausbaut und die Technik des Jahrhunderts mit Menschlichkeit anfüllt. Hamp entrückt das Bild Germaines in die Geschichte und vergleicht sie mit Charlotte Corday, der sie über hundertdreißig Jahre Distanz die schwesterliche Hand reichen darf. Die passionierte Corday hatte Plutarch und Rousseau gelesen und handelte für das republikanische Ideal. Germaine Berton hatte Zola und Tolstoi gelesen und tötete im Namen des Proletariats. Zwei parallele Taten: beide erschlagen das Monstrum, das ihnen als Symbol für die Qualen ihrer Zeit erscheint: Marat und Léon Daudet. Marat war zu seiner Zeit sehr beliebt und doch ereignete es sich, daß sich sein Gesicht im Abstand der Zeit in eine Fratze verwandelte, während sich die Gestalt der Charlotte Corday vergeistigte. Dichter wie André Chénier besangen sie und Lamartine nannte sie „L’ange de l’assassinat“. Welche Hymnen werden noch auf Germaine Berton geschrieben werden?