Und von diesem Dichter Pierre Hamp liest dann der Verteidiger einen blendenden Essay über Germaine vor, in welchem die Kategorien der Mörder mit neuen und klaren Ideen belichtet werden. Hamp dreht den Spieß um, und gibt der „Action Française“ die moralische Schuld an Plateaus Tode:

„Der Anschlag auf ein Menschenleben ist unverzeihlich. Schlagen ist dumm. Nichts widerspricht dem adligen Denken mehr als die Theorie der Action Française: ‚Denkst du nicht so wie ich, so erschlage ich dich!‘ Der Unterschied zwischen der Action Française und der Anarchie ist der, daß letztere kein Gesetz anerkennt, sich außerhalb ihrer Grenzen befindet und nur nach ihrer eigenen Moral und Rechtsanschauung lebt; hingegen geht das dogmatische Institut der Action Française darauf aus, uns mit Gewalt ihre Moral und ihre Gesetze aufzuzwingen. Sie besitzt eine Gendarmerie, ein Tribunal, Spitzel und Teeranstreicher für sich.

Die Tat der Germaine Berton entspricht nur den Forderungen der Action Française; aber für ein solches Attentat sind alle Indifferenten verantwortlich; sie ist der Ausfluß der öffentlichen Empörung, bei diesem Kind eine Geste des Edelmuts und des leidenschaftlichen Interesses am Gemeinwohl.

Unter den Verbrechern, die nach dem Leben anderer trachten, gibt es erstens diejenigen, die vor allem sich deren Güter aneignen wollen. Dann die aus Leidenschaft, Eifersucht oder Liebe handeln. Auch hier ein materieller Beweggrund. Endlich aber gibt es Opfer-Verbrecher, die keinen Vorteil für sich selbst suchen, sondern ihr Leben für das Allgemeinwohl aufs Spiel setzen. Zu diesen gehören die politischen Attentäter. Die politische Tat entspringt immer einem Kollektivwillen: einer Majorität wie bei Wilhelm Tell, einer Minorität, wie bei Ravaillac, aber nie dem Individuum allein, das es vollbringt. Dafür gibt es kein Beispiel. Hinter Ravaillac stand die katholische Kirche; hinter Charlotte Corday die Gironde; hinter Raoul Villain die Action Française; und hinter Germaine Berton? Sie zwar sagte: ‚Ich habe allein den Willen zum Mord gehabt!‘ aber sie hat nicht allein den Gedanken daran gehabt. Die Republik ist für das Treiben der Action Française zu nachsichtig gewesen. Léon Daudet ist zwar ein großer Literat, aber auch ein großer Halunke, und wir alle sind für Germaine Bertons Tat verantwortlich. Sie hat uns endlich ein Beispiel bürgerlichen Mutes gegeben! Eine Waise aus den Reihen der Anarchie hat sich für das Proletariat geopfert ...“

Epilog.

Weltgeschichte: lächelnde Sphinx. Ein Lächeln von Stein! Die Vergangenheit allein hat Bestand. Die Legenden sind wahr.

Die Tat der Germaine Berton ist bereits Legende. Aber sie selber lebt noch: und das Leben ist gestaltlos wie das fließende Wasser.

Die Tat ist geschehen: die Welt aber nicht besser geworden, Frankreich nicht glücklicher, die Freiheit nicht wirklicher. Wozu dann?

Freiheit? Nur die Toten sind frei! Deshalb verlockte sie das Los der Toten. Ist sie denn am Allerseelentag nicht gestorben? Sie hat ihren Tod so stark erlebt! Wohl stärker als den wirklichen!

Nun ist sie beinahe beruhigt. Und plötzlich akzeptiert sie die wissende, die unvermeidliche Erde. Ihre politische Laufbahn ist irgendwie abgeschlossen. Die Vergangenheit ist zwar da: aber wie eine Statue gewordene Form des Lebens. Nun entdeckte Germaine ein neues Reich: das des Geistes und der Liebe. Hier vielleicht ist eine höhere Freiheit zu finden, als in der brutalen, unnützlichen, irdischen Tat?