Sie schreibt am 10. November 1924 diesen Brief:
„Ihren lieben Brief[1] erhalte ich jetzt erst ... Wie gütig von Ihnen, Madame, Ihre Anteilnahme rührt mich. Aber ... trotz allem bleibt meine Seele voll von jener Vergangenheit, die mit meinem ganzen Wesen Eins ist und die ich nicht mehr aus mir zu reißen vermöchte; zuweilen dachte ich, es zu können, indem ich einige Fetzen lebenden Fleisches mit herunterriß ... aber wie ein Krebs kam es wieder.
[1] Dieser Brief ist im Original als Anhang faksimiliert wiedergegeben.
Dennoch habe ich unrecht gehabt, ich gebe es Ihnen gern zu, eine Zuflucht im Grabe zu suchen. Ich hätte wissen sollen, daß das Leben ewig triumphiert, und daß der Sarg keineswegs das letzte Lager ist, in welchem man – ‚auf ewig‘ – seine müden Glieder und sein priesterliches Herz ausstrecken darf!
Dies alles erscheint mir ach! sehr grausam und unerbittlich. Es ist so süß, zuweilen von einer vollständigen Auflösung zu träumen, und Sie werden mich nach folgenden Zeilen besser verstehen.
Ich glaube an Gott, obwohl ich keine Christin bin ... Ich habe mich immer danach gesehnt, Schmerzen lindern und so heiß lieben zu können, daß meiner Liebe Glut andere erfreuen und den Haß schmelzen würde – Das aber habe ich hienieden nicht fertiggebracht, und im Gegenteil Samen ins Feld des Hasses gestreut ...
Ich träumte auch davon, über den Tod hinaus lieben zu können; aber ich sah ein, daß ich selbst als der Engel des Lichtes bei dem großen ‚Irdischen Lamento‘ erbeben würde, und ihm selbst da noch nicht Halt gebieten könnte ...
Wenn Sie wüßten, wie schrecklich diese Einsicht ist: ‚Ich bin ohnmächtig!‘ Wenn Sie wüßten, wie dieser Gedanke mich auf den Tod unglücklich macht! Und ist das nicht übrigens auch Jesus’ furchtbarste Qual gewesen, als er am Kreuz aus dem Herzen und den vier Gliedmaßen blutete? ...
Wie soll man noch glücklich leben, wenn man weiß, daß selbst ein Gott unfähig ist, seine Liebe auf alle zu übertragen, daß es am Ende der Jahrhunderte doch noch eine Hölle und Verdammte geben wird!
Wie soll man noch einfach dahinleben, wenn man weiß, daß es trotz des Opfers immer noch verlorene Seelen geben wird? – Und daß die Erlösung keine vollständige sein wird!