Wie sollen wir am Erlösungsdurst nicht untergehen, der ewig unstillbar ist, wo doch ein Gott selber daran verdarb! Wie kann auch dieser Gott mich in meiner Schwäche stützen? Lieben kann ich ihn, in Wahrheit, aber aus meiner Liebe kann nur eine tiefe Melancholie und ein großes Mitleid mit diesem Ohnmächtigen erwachsen, der in 20 Jahrhunderten das angefangene Werk von Gethsemane nicht vollenden konnte – es nie vollenden wird!
So sind wir Menschen die ewig Betrübten, wir weinen über unseren Gott und unser irdisches Ideal! Ach! –
Schreiben Sie mir.“
Was geht in Germaine vor? Eine neue Krise, ein neues Verlangen nach Läuterung. Aber diesmal von innen heraus. Was mit politischem Skandal, was mit allen modernen Trompeten der Welt, was mit Blut, Tod, Gericht nicht erreichbar war (ein Mädchen von 20 Jahren konnte diesem irdischen Tumult gewiß eine Bedeutung zuschreiben, wo die Millionen der Lebenden bis zu ihrem Tod den Zustand als wertgültig hinnehmen!), das versucht nun die durch die Flamme heil Emporgegangene mit dem Gegenteil, mit der Liebe, mit der Einkehr, mit einem neuen Glauben zu erreichen. Auf diesen Glauben kommt es an! Nur in diesem Glauben liegt die wahre Freiheit geborgen.
Germaine Berton hat alle politischen Formen verbraucht. Sie wirft die menschlich-irdischen Möglichkeiten zum alten Eisen. Sie richtet jetzt die Frage an die Religionen, an alle Götter. Alle interessieren sie. Sie tastet und sucht. Wo liegt das Unfindbare? Christentum, Buddhismus, Rosenkreuz, Spiritismus: das zweiundzwanzigjährige Mädchen richtet die eine naive, immer dieselbe Frage an die Galerie der Götter. –
Wird eine Antwort ihr entgegenschallen? Vielleicht hört sie Stimmen? In dieser selben Geistesverfassung befand sich die heilige Jungfrau von Arc. Germaine Berton ist gewappnet. Sie hat einen Glauben. Sie bereitet sich vor. Sie weiß von sich. Sie fühlt sich getragen. Sie ist das vollkommenste Abbild der „Freiheit“. Sie hat Geduld und Ehrgeiz, diese Attribute des Genius. Sie erwartet die wahre Revolution.
Wie groß sie noch wird, hängt von der Zeit ab, deren Form der Einzelne spiegelt.
Germaine glaubt.
Wir glauben an sie.
Dezember 1924.