Gesegnet sei Frankreich, daß es neben den Opferfreudigen auch die milden, die geduldigen Frauen besitzt! Séverine ist das Symbol der allseits mütterlichen Güte. Eine Heilige der Republik. Eine Frau, die seit fünfzig Jahren mitten in den sozialistischen Reihen steht und ihre ganze Existenz dem Volk gewidmet hat. Heute trägt sie einen Silberkopf, zwei unverwelkte Veilchen in den Augen und das unsagbare Lächeln, geheimnisvoll und rein, wie die Entsagenden. Sie tritt vor die Schranke und lächelt, und schon ist Germaine gerettet. Sie faltet die Hände, wie die stillen Damen es zu tun pflegen, und ein Wunder geschieht. Der Saal, eben noch ein stürmisch aufgeworfenes Meer, ruht wie von Öl begossen. Sie spricht nicht, sie singt. Sie singt von einem Kinde, das nie eine Mutter gehabt hat und arm und kalt in die Großstadt hineinwehte. Man hat ihr vieles vorgeworfen und vorzuwerfen, aber ... „Sehen Sie, Ihr Herren Geschworenen, es ist ein Kind, das nicht ausgebrütet wurde unter den Küssen einer Mama. Man hat ihr das Herz nicht entwickelt, diesem Mädel. Sie weiß ja nichts. Und sie ist erst zwanzig ... Wenn Sie wüßten, was ich schon alles in diesem Saal erlebt habe, den Freispruch der Frau Clovis Hugues, der Frau Steinheil, der Frau Caillaux, und diese alle hatten nur aus egoistischen Gründen, aus Ehrgeiz, aus Habsucht oder aus Liebe gehandelt. Diese hier aber hat weder an Geld, noch an sich gedacht. Sie hat sich für die anderen geopfert! „Es ist ein armes Kleines. Man muß es lieb haben!“
SÉVERINE
So sprach Séverine, und das Volk Frankreichs widersteht der Kraft des Herzens nicht. Eine Frau sprach leise und ward besser erhört als alle die acht Tage hindurch schreienden zornigen Männer.
Und endlich kam der Tag des Urteils, ein Montag, der 24. Dezember, der Weihtag, vor der Weihnacht. Alles in diesem Prozeß hat eine schicksalhafte Bedeutung. Dieses Datum wird in den Annalen des nachkriegerischen Paris bleiben. Es regnet, es nebelt, es schneit. Die Stadt wird nimmer hell, der Abend greift schon lange vor. Aber seit vier Uhr früh warten vor dem Gerichtsgebäude die blassen Freunde Germaines in langen Reihen. In den Gängen hört man Schreie, Schritte und dumpfe Laute wie im Maschinenraum eines Ozeandampfers. Der Schwurgerichtssaal ist ein pochender Dampfkessel. Noch einmal steigern sich die Passionen bis zur Siedehitze.
Schon am vergangenen Samstag hatte der Fürsprecher der Action Française, Marie de Roux, ein Südländer, mit einem genereusen Renaissancebart, wie man sie von der Bühne her gewohnt ist, der Anarchie den Prozeß gemacht. Er liest aus einem Artikel vor, der von Germaine Berton geschrieben ist, und beweist, daß Germaine wissentlich und willentlich diesen anarchistischen Akt beging:
„Ich habe die absolute Überzeugung,“ so schreibt sie, „daß allein die individuelle Tat wirksam sein kann. Ich meine nicht die isolierte, aber mehrere in kurzen Abständen, trotz Verhaftung und Verurteilung unermüdlich wiederholte Taten, die wie der höhlende Tropfen im Felsen wirken. Wir brauchen furchterzeugende Beispiele. Mein Mitleid mit jenen, die sich opfern: sie sind es, die Mitleid haben mit Euch!“ Die angebliche „Theorie der Gewalt“ aber, die man der Action Française unterschiebt, sei nur eine „Theorie zur Eindämmung der Gewalt ...“
CAMPINCHI
An diesem Montag folgen die Anklagereden des heftigen metallenen Campinchi, dessen Worte und Stimme wie Rasierklingen sirren, aber dessen Argumente aus schlechtem Material sind. Der Staatsanwalt Sens-Olive ist kühl, objektiv, logisch, behauptet, daß ein Mord eben ein Mord sei und läßt sogar gutväterliche mildernde Umstände zu.