Aber am Nachmittag erhebt sich der donnernde Verteidiger Torrès, der wie eine Lawine wüten und wie ein Südwind seiner Heimat schmeicheln kann. Er tobt wie ein Löwe in einem Käfig. Aber bald zerbricht er die eisernen Stangen der Geschehnisse und jagt empor ins Freie, ins Geistige, der Löwe verwandelt sich in eine Gazelle, und die Vision Jaurès wächst langsam bei hereinbrechender Nacht im Hintergrunde des Saales empor. Wie in einem Film sehen wir noch einmal die Silhouetten auftauchen: den trivialen und tragischen Scylla Daudet, eine enge geizige Mutter, die blonde heroische Madame Caillaux, den hingerichteten Almereyda, Cottin, der auf Clemenceau schoß, Madame Paulmier, die 1898 auf Millerand schießen will und, da sie ihn nicht trifft, sich mit Herrn Ollivier begnügt, Plateau, der schon davon träumte, sich als königlicher Polizeichef im Ministerium des Innern zu installieren, und endlich Séverine, deren Name so zart ist, daß jedes Adjektivum überflüssig wird, und Germaine, Germaine, Germaine.

„Friede auf Erden! werden die Glocken zu Mitternacht läuten. Daß es ein echter Friede sei, werdet ihr Herren Geschworenen nicht Blut vergießen, sondern den Schnee des Vergessens darüberbreiten ...“

Eine halbe Stunde darauf ist Germaine freigesprochen. Zwei Fragen: „Ist G. B. des Mordes an Plateau schuldig? Hat sie ihn vorbedacht?“ Zwei Nein. Das bedeutet ein millionenfaches Ja. Die dunkle Menge, das ewige, das unfaßbare Paris wartet in strömendem Regen auf den Boulevards. Die Nachricht verbreitet sich von Mund zu Mund, schneller als von Radiostation zu Radiostation. Menschen umarmen sich. Die Extraausgaben überfliegen zehn Minuten später die Stadt wie ein Rudel weißer Tauben. Die kleinen Taxi-Autos, mit den schönen Frauen drin, eilen die Rue des Martyrs hinan. Auf der Place de la Madeleine wird diese neue Madeleine angebetet. Réveillon! Réveillon! Diese Nacht ist die größte, die tollste, die hellste des Jahres. In allen Restaurants sind die Tische seit Monaten vorbestellt. Christus ist frisch rasiert und begibt sich ins Moulin Rouge. Die Gänseleberpasteten aus Straßburg sind ausverkauft. Die Midinetten sind alle in Marquisen verwandelt. Die Läden sind offen bis fünf Uhr früh. Aus den Auslagen der Juweliere verschwinden die Perlenkolliers wie tauender Schnee. Auf den Straßen verteilen Familien unter sich die Austern, die Hummern, die Hühner und die Fasane. An jeder Straßenecke wird getanzt. Réveillon! Oben neben dem Sacré-Cœur, in der kleinen Kirche St. Pierre lassen fromme Bürgerinnen die tiefen Klänge der Orgel über ihr ehebrecherisches Herz ergehen und sind wieder treu, wieder fromm, wieder Mütter. Die Waisenkinder erwarten das neue Brüderchen Christus ... Aber auf der Place Pigalle ist es ein Feuerwerk von roten, violetten, goldenen Monden, Reklamen, Fanfaren, und die ganze Welt, die Perser mit ihren falschen Teppichen, die Russen mit ihren falschen Patronentaschen, die Bettler mit ihren falschen Brillen, die armen Blumenverkäuferinnen mit ihren falschen Kindern loben und singen die Größe dieser Nacht ...

Aber ein kleines, einfaches, unscheinbares Taxi rollt aus einem abseitigen Tor des Justizpalastes auf den schweigenden Quai, über schwebende Seinebrücken, durch stille, ganz verkrochene Straßen: Germaine Berton, die befreite Befreierin, fährt, ohne etwas zu denken, ohne sich zu freuen, ohne zu wissen, in die kleine bürgerliche Wohnung des armen Lecoin und verplaudert dort mit ihm und dessen Frau diese geheimnisvolle, diese stille heilige Nacht.

DIE FÜNF IM TEXT STEHENDEN
ZEICHNUNGEN SIND ARBEITEN
VON L. BERINGS

In der Sammlung
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. –
ERSCHIENEN BISHER:

Band 1: