Gerade gegenüber, die andere Ecke der Rue du Croissant bildend, steht das Café, in welchem Jaurès am 31. Juli 1914 abends von Raoul Villain hinterrücks erschossen wurde: eine Kugel durch die Fensterscheibe in den Nacken. Jaurès kam gerade von der Humanité, erschöpft von diesem schweren Tag, an dem er zum letztenmal den europäischen Krieg hatte verhindern wollen. Er hatte sich mit der ganzen Wucht seines Körpers und seines Geistes gegen die Lawine gestemmt: und er war ihr erstes Opfer. Heute trägt das Etablissement neben verschiedenen Malereien, die französische Kolonialsoldaten darstellen, eine Inschrift: „Ici Jean Jaurès fut assassiné.“ Aber auch die Nummer 123 der Rue Montmartre, gerade gegenüber, wird einmal eine historische Bedeutung haben. Das Haus, das einmal stattlich war, ist schwarz angelaufen, vermorscht, verpilzt: Ein dunkler mit dereinst dorischen Säulen bestandener Torweg führt auf einen kleinen Lichthof von kaum mehr als drei Quadratmeter Umfang. Es riecht nach Fusel, nach Fett, nach Kloaken, nach Druckerschwärze. Den ganzen Tag brennt die Petroleumlampe in der Conciergenloge, in der es eine bronzene Uhr, chinesische Vasen mit naiven, echten Feldblumen, Photographien, Kalender und ein strahlendes kleines Mädchen gibt: seltsame Insel der bürgerlichen moralischen Reinheit und Ruhe, der familiären und gnadenreichen Gelassenheit. „Le Libertaire, eine Treppe links,“ ruft das Mädchen. Man tappt in einen Höhlenschlund hinein, eine Stiege quält sich aufwärts bis zu zwei engen Türen, die einander ganz gleich sind. An der ersten steht ein Schild: „Cupidon“, ein leckerer, rosiger Amor macht Miene, sich mit einem Pfeil zu durchbohren. Hier wird die satirische amouröse Zeitschrift gemacht, in der alle Laster und Naivitäten einer vergehenden Welt für einen Franken erhältlich sind. Aber die nächste Tür steht weit offen: Grelles Licht, grelle Affichen in einem kleinen Raum, in dem zwei Tische und zwölf junge Menschen herumstehen (zum Sitzen wäre kein Platz), rauchen, lachen und diskutieren. Da ist André Colomer, mit langen schwarzen Locken wie die Bohémiens von 1860, still, leutselig, immer eine Hoffnung im Auge. Da ist mit seiner zarten, fast mädchenhaften Stimme Georges Vidal, der maskierte Poet. Zehn andere sind da, junge Leute, ganz elegant, mit Regenmänteln und modernen Krawatten, und einige Mädchen, rot und schwarz geschminkt und voll starker Gesinnung. Und da ist Germaine Berton, von allen umringt, die Augen dunkelblau gewitternd, den Mund scharf geschnitten und verschlossen wie ein Siegel, das man aufbrechen müßte (um erst in die Geheimkammer der Frau zu gelangen), die Nasenflügel in Stolz und Leidenschaft wie die eines Rennpferdes vibrierend. Sie spricht leise, aber sie befiehlt, sie will. Alle hören ihr interessiert zu, die Jungen machen keine schlechten Witze, es geht um hohe Fragen.
Da ist Germaine Berton, und keiner weiß um ihr Geheimnis. Sie arbeitet nicht, drei Wochen lang lebt sie mit Lecoin, dann wieder irrt sie durch Paris, zwei Wochen ist sie die Freundin Goharys und wieder verschwindet sie wie eine Schwalbe. Keiner weiß von ihr: daß sie eine Erleuchtete ist, eine Art Jungfrau von Domrémy wäre, wenn die Zeit sie brauchte. Aber die Zeit ist daran schuld, ob sich ein Mensch groß oder klein auf sie projiziert. Dies Mädchen mit dem reinen, fast angelischen Aussehen birgt in sich den klarsten Verstand und die dunkelsten Abgründe. Sie ist Hure und Heilige zugleich. Sie ist echt und unecht, kompliziert und naiv, Weibchen und Königin. Sie ist das schillernde, ewige Weibliche. Sie ist Lilie und Nessel.
Bei ihrer Ankunft in Paris war sie zuerst zu einem Onkel gegangen, der ihr eine bürokratische Arbeit in der Compagnie Electro-Chimique verschaffte. Aber Germaines unruhiges Blut läßt sie nirgends verharren. Sie kann nicht arbeiten. Arbeit erscheint ihr immer als Eingriff in die Persönlichkeit, als Erniedrigung. Das Gegenteil von Arbeitsliebe ist aber keineswegs Faulheit. Das allgemeine sklavische Arbeiten für einen gewissen Lohn, der gerade den Lebensunterhalt ermöglicht, ist keine edle Betätigung: aber die Massen fragen auch kaum nach dem Edlen. Ein außergewöhnlicher Mensch wie sie treibt hinaus und weiter. An der Arbeit interessieren sie die sozialen Fragen. Das ist eine große Entdeckung für sie. Mit Heißhunger verschlingt sie die ersten Elemente sozialer Literatur. Inzwischen verläßt sie ihre erste Stelle, tritt bei einem Malermeister ein. Die syndikalistische Bewegung interessiert sie, sie fängt an zu schreiben und wird regelmäßige Mitarbeiterin des „Réveil d’Indre et Loire“. Vom revolutionären Syndikalismus zum Kommunismus ist zu jener Zeit, 1920, nur ein Schritt. Ein Mensch wie die Berton geht aber aus Instinkt, nicht aus technischen Gründen, immer zum Extrem. Immer weiter links, was war da? Der Anarchismus, die völlige Verleugnung des Staates, die Thronerhebung des Individuums, des Ich. Das Milieu der Anarchisten behagt ihr: es geht dort still und einfach zu. Aber eine Art Passivität liegt in ihrem Wesen und in ihrer Doktrin, gegen die sie sich sträubt. Sie lebt mehrere Monate ihr freies Leben mit, in gänzlicher Ungebundenheit. Die Bürger mögen ihr den ersten Stein werfen. Sie ist die Geliebte eines Compagnons und lebt einige Tage mit ihm. Dann verschwindet sie plötzlich, taucht in einem Meeting in der Provinz auf. Wiederum läßt sie sich in einem Hotel Meublé in Montmartre nieder oder wohnt bei einem neuen Freund. Aber das ist kein müßiges Dasein. Allabendlich trifft man sich im Kabarett „Le Grenier de Gringoire“, wo der chansonnier d’Avray seine sentimentalen Lieder singt. Aber zwischen den Liedern ist von strammen Doktrinen die Rede, und Germaine fühlt sich von dieser Philosophie des Wartens bedrückt. Sie will handeln. Sie verfaßt eine kleine Broschüre: „De l’acte individuel à l’acte collectif“, und schlägt langsam einen abseitigen Weg ein von den compagnons. Sie treibt den Anarchismus auf die Spitze: sie zimmert sich selbst eine eigene Theorie zusammen.
Eine fixe Idee wird sie nicht los. Sie hat einen Feind. Den allgemeinen Feind der Nation. Sie haßt, wie eine Frau nur hassen kann: sie haßt ganz unlogisch, ganz indirekt, ganz intensiv, sie haßt, daß sie davon krank wird. Später erklärt sie, wie sich das Gefühl langsam in ihr kristallisiert hat. Sie nimmt Haß zu sich wie Kokain. Eines schönen Tages, Mitte Januar 1923, macht sie sich auf, wie auf ein Kommando gehorchend.
Ihr Haß gilt der „Action Française“, dem royalistischen Blatt, das seit Jahr und Tag die größten Zwiste in Frankreich verursacht. Es ist das Organ des Faschismus und der gehässigste Feind des Proletariats. Es wird von den alten vergessenen Adelsgeschlechtern unterhalten, hat aber den unflätigsten und schmutzigsten Stil in der Presse eingeführt. Jeden Tag erfinden seine Redakteure neue Hetz-, Schimpf- und Verleumdungsworte, so daß man, um das Blatt zu lesen, geradezu einen Diktionär herstellen müßte wie einstmals für die Schützengrabensprache. An seiner Spitze stehen Literaten von hohem Rang. Léon Daudet, ein Mitglied der ehrwürdigen Académie Goncourt und als ausgezeichneter Stilist sehr bekannt. Aber er hat eine Reihe Romane geschrieben, deren er sich teilweise schämt und unter diesen „L’Entremetteuse“, den er, nachdem die Kirche den Bann gegen das Buch ausgesprochen hatte, wenige Tage nach Erscheinen wieder einstampfen lassen mußte. Das ist der parlamentarische Herold der Orléans und aller Katholiken Frankreichs. Neben ihm schreibt Charles Maurras täglich die Kritik der politischen Ereignisse mit einer Schärfe, die wie Salmiak wirkt. Dem Leser steigt seine Prosa in die Nase. Dieser Mann begann als der klarste und schwingendste Besinger griechischer Form. Er ging vom Prinzip der intellektuellen Anarchie aus den Weg bis zur Idee, daß das Individuum sich einer höheren Gemeinschaft unterzuordnen habe, aber es ist leider kein geistiges Königtum mehr, dem er sich verschrieben hat!
DAUDET
Zwei angesehene Literaten von hohem Range sind es also, die in der Action Française den Terror der Verleumdung und der Hetzerei verbreiten. Zwei Männer von modernem Geist und Gewissen verfechten diesen Satz, der in der ersten Nummer ihrer Zeitung proklamiert wurde: „Unsere einzige Zukunft ist die Monarchie, die durch Monseigneur le Duc d’Orléans personifiziert wird, den Erben von vierzig Königen, die in tausend Jahren Frankreich schufen. Die Monarchie allein kann das Volkswohl erhalten, die Ordnung einführen und jene Leiden tilgen, die der Antisemitismus und der Nationalismus an den Pranger stellen.“
Die Action Française geht gegen alle vor: Demokraten, Republikaner, Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, sie attackiert jegliche Regierung, sie hat auf Clemenceau geschimpft, sie hat den Kopf Briands gefordert, sie hat zur Ermordung Léon Bourgeois, des stillsten und ehrwürdigsten aller Politiker gehetzt, und ihr wird die Schuld an der ruchlosen Erschießung Jean Jaurès von der ganzen öffentlichen Meinung zugeschoben. Mehr: eine Liga der Action Française vereinigt junge Leute der besten Familien zu einem royalistischen Korps, das im richtigen Moment, Italiens Beispiel zufolge, eingreifen soll. Die faschistischen Manöver haben bereits begonnen und die Injektionen von Rizinusöl und Terpentin wurden an namhaften Persönlichkeiten der Linksparteien vorgenommen. Die Liga besitzt ein vollkommenes Waffenmagazin. Sie besitzt auch tagtäglich reingehaltene schwarze Listen, in denen die höchsten Persönlichkeiten der Republik und Offiziere der Armee ihre Rubrik haben. Die Liga der Action Française ist also eine nationale Gefahr. Und hier und da zittert bereits Marianne wirklich vor ihr.
Der Haß der Germaine Berton gilt ihrem Führer Léon Daudet. Sie studiert sein Leben, seine Bücher, seine Familiengeschichte. Er gibt sich für den Sohn des bekannten und zarten Dichters Alphonse Daudet, des Schöpfers von Tartarin de Tarascon, aus, ist aber in Wirklichkeit nur sein Stiefsohn und der uneheliche Sproß eines levantinischen Juden. Er ist bigott. Er hat in der Kammer das frechste Maul, er ist die größte Gefahr für Frankreichs Freiheit.