Germaine Berton wird ihn töten.
Sie hat den individuellen Akt zur Hauptformel ihrer Anarchisten-Philosophie erhoben. Ihre Religion ist in dieser Zeit der Nihilismus im russischen Sinne. Eine Reihe von einzelnen Gewaltakten gegen die Gewaltherrscher ist nach ihrer Meinung nützlicher als jede Massenaktion.
So wird der Mord langsam für sie eine Aufgabe, ein Lebensinhalt. Sie lebt schon mit ihm. Er ist ihr vertraut, sie sieht schon die Grimasse des Dicken, wie er noch einmal arrogant mit seinen kleinen fetten Fingern zum Himmel, in die Leere greifen wird. Oder sich ans Herz greifen wird. Hat er einen Diamantring, der aufblitzen wird? Sie irrt durch die regnerischen Straßen, und überall erscheint er ihr als Phantom. Sie lebt intim mit diesem heranreifenden Kadaver.
Seltsam, daß die Mörder so schwere Umwege machen, wo das Leben doch so einfach läuft. Daudet ist so leicht zu treffen: in der Salle des pasperdus in der Kammer, auf dem Wege zur Redaktion oder beim Déjeuner der Goncourt, wo man sich so leicht unter die Journalisten mischen könnte! Aber das fiebrige Mädchen macht es sich schwer. Sie meldet sich eines Morgens in der Privatwohnung Daudets und läßt ihm einen Brief überreichen: sie habe ihm eine äußerst wichtige Mitteilung über die Anarchisten, zu denen sie gehört habe, zu machen. Daudet studiert Schrift und Stil und spürt heraus, es könne sich nur um einen Überläufer oder um einen Mörder handeln. In beiden Fällen Gefahr. Er empfängt sie nicht, sondern weist sie an die Redaktion der Action Française, an seine beiden Leutnants, Roger Allard und Marius Plateau. Am Nachmittag empfangen diese sie voller Hochmut und Spott. „Man werde übrigens sehen, sie solle ein paar Tage später wiederkommen.“
In Germaine rauscht die Tat und berauscht sie. Sie schwebt wie ein Medium durch die Straßen, in einer Art Trancezustand. Sie muß handeln. Sie hat eine Pflicht, in die sie eingeschlossen ist wie die Nuß in ihre Schale. Sie darf nicht, sie kann nicht mehr warten. Der Revolver wird von selber losgehen. Die Kugeln sind locker im Lauf.
Am nächsten Morgen wird in der Kirche St. Germain l’Auxerrois eine Totenmesse für die wackere Seele Louis XVI. gefeiert. Alljährlich wohnt ihr Daudet mit seinem Gefolge bei. Es ist die bedeutsamste Zeremonie der Royalisten. St. Germain l’Auxerrois: Das letzte Refugium der Könige. Manchmal schauen die Amerikaner im Louvre, von klassischer Kunst mürbe, durch eines der hohen spinnewebenen Fenster sehnsüchtig hinab und erblicken plötzlich die tiefblaue Uhr mit den goldenen Ziffern der Zeit, die wie ein ziselierter Türkis im grauen räudigen Gestein der anmutigen Kirche eingefaßt ist. Eine der Glocken dieser Kirche läutete zur Bartholomäusnacht. Hinter dem Altar befindet sich ein klösterlicher Privatsalon, in dem Marie Antoinette ungesehen dem Gottesdienst beiwohnte. Die Kirchen sind immer der Lieblingsort Germaines gewesen. Schauernd tritt sie in die gotischen Schatten. Doppelt verlockender Ort der Tat: mit einer Kugel zwei Herzen, das des Pilatus und das des Strebers Christus, so sagt sie. Aber sie ist noch ein Kind und kniet an der steinernen Säule. So kniete die Königin, als draußen die Schritte des Volks die Carmagnole skandierten. Hier wird noch einmal über Frankreichs Geschick Gericht gehalten.
Aber Daudet kommt nicht. (Hatte er Furcht?) Die Orgel peitscht umsonst ihr Blut. Umsonst klopft eine harte Stimme in ihrem Herzen. Daudet meldet sich nicht. Voll Verzweiflung weint das Mädchen: Die umstehenden Royalisten stoßen sich an, sie glauben, ein Heißgeliebter werde beklagt. Ein Heißgehaßter! Aber die Tat, die Tat. Gut, wenn es Daudet nicht sein soll – dann ein anderer: Maurras vielleicht? Meinetwegen, da kommt er, von seiner Liga umgeben. Fünf Männer, kompakt, jetzt zehn. Die Türen öffnen ihre Flügel. Der Menschenschwall treibt hinaus. Die Quais entlang hüpfen die grünweißen Elektrischen. Unter dem Pont des Arts fließt die grünschwarze Seine hinaus. Kinder spielen. Alte Fiakergäule reiben die Steine ab. Hier wird sie schießen. Der Trupp geht vorbei. Sie hat nicht geschossen!
Nun brandet das Fieber. Nun tobt es dunkel hinter der Stirn, hinter dem zurückgestrichenen Haar. Ein so nutzloser Mensch zu sein! Paris lebt weiter. Weiter schlagen die Stunden. Das Geschick Frankreichs reift. Dort drüben, über dem Fluß, liegt der dunkle patinierte Justizpalast. Die Bäume rosten. Der Alltag kriecht eklig vorbei.
Sie tritt in ein kleines Café, bestellt eine Menthe à l’eau. Ein erfrischendes Feuer. Sie schreibt schnell einen Brief. Wirft sich ins Tempo der Tat wie ein Schwimmer in reißende Strudel. Der Strom geht aufwärts, abwärts, sie pendelt die Straßen entlang. Zwischen Mittag und eins: das Leben ist ralentiert, das Leben ist trostlos, die Menschen essen alle und der Heroismus ist aus der Welt verschwunden. Plötzlich, wie kommt es, steht sie wieder vor der Redaktion in der Rue de Rome. Es ist noch nicht Zeit. Es kann noch niemand da sein. Aber es treibt sie hinein. Sie soll warten. Sie demütigt sich, sie wartet. Sie fiebert. Kein Ort auf Erden ist öder und erniedrigender als ein Büro zwischen den Arbeitsstunden. Der schale Menschengeruch, das leere Lallen der tauben Telephone, die hoffnungslosen Wände erzeugen die fürchterlichste Langeweile des Lebens. Dies muß die Stunde derer sein, die sich in den Speichern aufhängen. Und die der Mörder.
Endlich wird sie in Plateaus Privatbüro vorgelassen, zu dem ein enger Gang führt wie bei den Mausefallen. Plateau ist der Polizeichef der Royalisten-Liga. Er hat gut zu Mittag gegessen. Er ist gut aufgelegt. Er horcht das Mädchen aus. Warum kommt sie? Sie will Geheimnisse enthüllen? Mit solchen Individuen geht man aufs Ganze. In dem Augenblick, in dem sie gesprochen haben, sind sie ja bereits verloren. Er lacht roh. Was wollen Sie? Aber warum verraten Sie Ihre Freunde? Ach so? Und wieviel Geld wollen Sie haben?