Das ist die Herausforderung zur Tat. Des Mädchens Seele ist ein glühendes Eisen. Die Kugeln kollern in ihrer Tasche in einer wahnwitzigen Karambolage. Dieser Rohling, dieser gesunde Schlächter, dieses logische Schwein ... Germaine steht auf, er will ihr die Türe öffnen ... da geschah es. Mein Gott, es ist so einfach. Eine Masse, eine Mauer fällt um.

Und nun ist es aus. Sie hat eine Mission erfüllt, sie ward erleuchtet und begnadet. Was noch kommt ist Kompromiß. Was interessiert sie die Welt noch. Die Erde ist eine Kugel. Sie dreht sich. Einmal kommen die grünen Frühlingshügel, einmal die grauen Schlackenhügel. Sie hat genug in ihrem Leben Blumen gepflückt. Es gibt doch keinen Gott. Die Menschen sind so roh und feige. Was soll sie noch? Eine zweite Kugel brennt ihr in die Brust hinein ...

Einige Tage hat sie im Hospital Beaujon Ruhe. Dann wird sie, da die Wunde schnell ausheilt, ins Gefängnis von Saint-Lazare überführt. Das ist die letzte Bastille französischer Verlotterung, mit den berühmten Bagnos von Cayenne. In den Bas-fonds der französischen Republik, in den verholzten Verwaltungsämtern, in den verschimmelten Räumen vererbter Apparate empfindet man, wieviel Barbarisches, Naives noch in der verfeinertsten aller modernen Zivilisationen steckt. Beinahe etwas Kindisches an Unmenschlichkeit. Etwas Romantisches haftet an allem Dreck. Romantisch ist das Gefängnis Saint-Lazare, nicht nur weil es von den Chansonniers von Montmartre rührselig besungen wird.

Germaine Berton erhält eine Zelle neben jenen, die eine Caillaux, eine Bernain de Ravisi beherbergt haben. Man kann nicht leugnen, daß sie ein ganz klein wenig stolz darauf ist. Sie ist doch oft unangenehm unartig, übermütig, hoffärtig. Aber das ist das Vorrecht aller, die etwas Besonderes leisten, sowohl großer Musiker wie berühmter Heerführer. Wir dürfen keine bürgerliche Elle an sie legen. Man möchte erwarten, daß sie in der Einsamkeit zur Frau wird. Aber sie bleibt nur heroisch. Die außergewöhnlichen Menschen brauchen nicht zu reifen. Sie sind von Anfang an das, was sie sind.

Germaine spielt wie ein Schulmädchen Streiche. Sie amüsiert sich, die Wärterinnen, die Schwestern, den Gefängnisdirektor zu ärgern. Dieser beklagt sich oft bei ihrem Advokaten, umsonst. Es geht so weit, daß die Nonnen sich vor Neugier nicht halten können und unter allerlei Ausreden ihre Zelle öfter besuchen als nötig wäre. Ein stolzes Auftreten intrigiert die Demütigen immer, und erst recht in diesem Gebäude, wo die Menschen schleichen, knirschen und immer kleiner werden. Germaine hingegen wird nur stärker in dieser grauenhaften Einsamkeit. Sie hört und sieht rings um sich den Schmerz der verlorenen Frauen. Die modrige Feuchtigkeit des Gefängnisses ätzt ihre Revolte. Sie vernimmt in der Nacht über sich die Schreie der gebärenden Frauen und sieht am Morgen über den Hof die engen Särgchen hinaustragen. Arme, immer mehr verarmende Menschheit. Aber hat sie je etwas anderes gewollt als diesen helfen? Jetzt vielleicht zum erstenmal wird sie sich bewußt, was sie getan und was zu tun noch bleibt!

In den Gesichtern der Schwestern liest sie nicht Gott, sondern Neid, Geiz, mit dem Grabtuch des Lächelns versteckte Gemeinheit. Was zieht sie an? Eine ist dabei, sie heißt Claudia. Sie hat schwalbenblaue Augen, sie hat eine Stille in ihren Händen, sie hat Sommer in der Stimme. Sie ist jung und scheint doch so müde. Sie sieht nicht aus, als könne man sich an ihre Schulter lehnen, aber im Gegenteil, als hätte sie so das Bedürfnis, hinzuschluchzen! Ihre Pflicht ist’s, der Mörderin den Heiland nahezubringen, und mit allen Kräften versucht es Claudia: sie scheint die Bekehrung Germaines zum Guten wie ein Gelübde erfüllen zu wollen. Aber in Wirklichkeit bedarf sie selber des heiligenden Worts, in Wirklichkeit erscheint Germaine ihr als Botin eines besseren Lebens. Eines Abends setzt sich Schwester Claudia hin und schreibt an Germaine einen Brief erschütternden Leids: sie zweifelt an ihrem Gott! Und ein Wunder geschah in dieser Nacht von Saint-Lazare: Wunder dieser neuen Zeit: eine Braut Christi wird zur Rebellion bekehrt, die Dienerin des egoistischen Gottestums will hinaus, zum Volke reden, ihre Schwestern befreien, Germaine nacheifern! Sie beschließt, ihre Nonnenkleider abzuwerfen und mitten ins heißere Leben der Straße zu fliehen.

Brief Schwester Claudias an Germaine Berton:

15. 10. 23, 10 Uhr Abends.

Liebe Germaine,

Sie fragten mich heute Abend, ob ich meinen Geisteszustand in aller Kaltblütigkeit überblickt hätte? Nun: Ja! Und nichts mehr wird mich schwanken machen, verstehen Sie: nichts! ... Im vorigen Jahre kämpfte ich, wie ich es Ihnen schon sagte, aber ich hatte keinen Stützpunkt ... Zuweilen lehnte ich mich erbost auf, wenn ich meine Machtlosigkeit empfand. Wie hätte ich auch in Versammlungen gehen wollen, und reden! Und dann fühlte ich mich wie vernichtet ... Ärmste, sagte ich mir, was kannst denn Du? In diesem Zustand befand ich mich, als ich Sie zum ersten Male sah. Da aber mußten unsere beiden Seelen sich treffen, unsere Herzen einander verstehen, ohne daß es eines Wortes bedurfte! Deuten Sie jetzt meinen Ausruf von neulich: „Nun verstehe ich das Warum meines Lebens!“ Unsere Seelen sollten nicht mehr getrennt werden ... Wie kam es, daß Sie, als Sie keine einzige Schwester in Ihre Zelle hereinließen, mich gerade empfingen? Warum mich eher als jede andere? Und als Sie mir vor einigen Monaten sagen ließen, nicht mehr zu kommen, hätte mein Stolz eine solche Behandlung von keiner anderen ertragen, ich hätte sie mit keinem Blick mehr gewürdigt. Aber zu Ihnen eilte ich im Gegenteil, erinnern Sie sich? Nun, was war das anderes als die Ahnung, daß eines Tages unser Leben und unsere Gedanken sich vereinen würden?