O, Sie werden sehen, ob ich einen „Willen“ habe, und wessen ich fähig bin! Noch wenige Tage, dann auf in den Kampf! Man sagt, daß Vertrauen Vertrauen erwecke: ich fühle, daß ich das Ihre besitze, und das meine wird Ihnen niemals abgehen. Als Kind hatte ich einen stürmischen Charakter. Mit 14 Jahren war ich schon zweimal meinen Eltern entlaufen, da sich mein Wille dem ihrigen nicht beugen konnte. Ermessen Sie also die übermenschliche Kraft, die ich brauchte, um meine rebellische Natur einzuschläfern. Jetzt aber ist meine Kraft verbraucht, ich kann nicht mehr ... Sehr jung trat ich ins Kloster ein, zu jung, und doch war mein Herz nicht mehr ganz frei. Es war zu wild, um gefühllos zu bleiben. Oh, es war kein schuldhaftes Verhältnis! Nie habe ich gesündigt, aber ich habe etwas zerbrechen müssen! ... Und damals schwor ich mir: „Gut, dann will ich mich für eine größere Sache verschwenden und opfern!“ Indes, ich wählte einen falschen Weg; wie oft habe ich es bereut!
Glauben Sie aber, daß die Klosterjahre mir in dem neuen Leben Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg legen werden? Werde ich sie nie verschweigen können? Wenn es nur von mir abhinge, würde es niemand in der Welt außer Ihnen wissen. Alle diese hier niedergelegten Geheimnisse meines Lebens kennen nur Sie (und mein Beichtvater vor neun Jahren). Vor Ihnen habe ich nichts mehr zu verbergen. Haben Sie nicht bemerkt, daß oft unsere Gedanken und Ideen sich trafen, ohne daß wir es wußten? Bitte, reden Sie mich nicht mehr „Schwester“ an. Ich bin’s nicht mehr, weder vor Gott noch vor den meinigen. Ich bin es äußerlich, in Kleid und Bewegung, für wenige Tage noch, aber Herz, Seele und Gefühl sind nicht mehr dabei. Mein Herz schlägt nur noch für das Volk, für das niedergedrückte, das niedre.
Ich wiederhole meinen Anfangssatz: „Ich habe kaltblütig, allein vor mir selber, die Verantwortung und die Leiden des neuen Lebens erwogen, dem ich mich ergeben will, und bin fest dazu entschlossen, nichts kann mich mehr davon abbringen!“
Wie denken Sie darüber? Ich möchte warten, bis Ihr Prozeß beendigt ist, und ich möchte ihm auch so gerne beiwohnen! Aber, wenn es noch lange dauert, möchte ich Sie auch nicht gern im Gefängnis allein lassen ...
Gute Nacht, meine liebe Germaine, auf morgen!
Claudia.
Eine Woche später entfloh die Schwester Claudia aus dem doppelten Gefängnis, das ihr Gott und die Menschen auferlegt. Aber ihr ans Halbdunkel gewöhntes Herz ging irr im grellen Lärm des Lebens. Die Geräusche, die Worte der Menschen taten ihr weh. Die Kameraden, zu denen Germaine sie geschickt, waren kalt, ja ablehnend zu ihr. Wie, wovon sollte sie leben? Claudia fand keinen anderen Weg als zu ihrem Schwager, der sie aus Angst vor einem Skandal in die Gefangenschaft zurückschickte. Bald darauf wurde sie wieder in einem strengen Kloster in der Provinz eingesperrt.
Aber es war ein großer Triumph für Germaine, und ihrer Tat kann man nur den Fanatismus mittelalterlicher Christen an die Seite stellen. Seinen Gefängniswärter bekehren, das gelang einem Thomas Münzer. Das gelang Germaine Berton. Und wie sie das Schicksal der Irrgegangenen erfährt, ruft sie dies wunderbare Blasphem aus:
„Nun will ich mit dir um sie kämpfen, Jesus!“