Germaine leugnet nichts: „Auch wenn Sie es wüßten, das würde niemand kompromittieren.“

Ja, sie hat viele revolutionäre Hetzartikel im „Réveil de Tours“ geschrieben. Und einmal die Republik „als eine Hure mit blutbesudeltem Maul“ und Frankreich „als eine Rabenmutter, die ihre Kinder auf die Schlachtfelder krepieren schickte“ beschimpft. Sie nimmt es nicht zurück. Jedesmal, wenn sich die Gelegenheit bietet, bekundet sie ihren Haß gegen den Krieg.

„Krieg! ... welch verhaltenen Schmerz erweckte dieses Wort in mir! Furchtbare Erinnerung! 1914, noch ein Kind, sah ich das 66. Infanterie-Regiment mit blumengeschmücktem Bajonett ausziehen! Wenige Wochen drauf blieb nichts davon übrig ... Ich sah dann die Helden in den Bahnhöfen am Boden siechen, ich sah sie stumpf, irrsinnig, von Kot und Läusen bedeckt, auf den Bänken des Rathausplatzes in Tours herumlungern, während zehn Schritte weiter die geschniegelten Offiziere in blitzenden Uniformen gemeinsam mit Weibern den Sekt vergossen! Ich sah in den Spitälern die Vergasten, die ihre Lungen herausspuckten, die Erblindeten, die umsonst noch die Augen aufsperrten, die mit den zerschossenen Schädeln, und auf den Promenaden weinte ich, wenn man die Tapferen wie Greise in kleinen Wägelchen vorbeischob ... Wer das erlebt hat und befürchten muß, daß es noch einmal möglich werden könnte, durch die Schuld der Hetzer, der müßte von allen Gefühlen verlassen oder ein Feigling sein, um sich nicht dagegen zu revoltieren!

Und ich habe mich revoltiert! Da kam mir, angesichts der fünfzehnhunderttausend Toten Frankreichs, der Gedanke, den aus der Welt zu schaffen, der den Militarismus noch immer zu preisen wagte, den schlimmsten Feind des Volkes und der Republik, den Abenteurer Léon Daudet ...“

Ja, sie hat einen Royalisten ermordet, weil die Führer der Action Française nicht nur zum Bürgerkrieg hetzten, sondern auch von einem äußeren Krieg, und vor allem von einer Niederlage Frankreichs, einen nützlichen Ausgangspunkt zur Einsetzung eines neuen Königtums erwarteten. – Sie nimmt es nicht zurück.

Sie antwortet mit den Argumenten einer festen Gesinnung. Sie scheut nicht einen Augenblick den Kampf. Sie verteidigt sich nicht, sie klagt an. Sie hat nach erfolgter Tat sterben wollen. Sie fürchtet nicht den Tod. Sie hat im Gegenteil einen krankhaften Hang zum Tod. Aber nun steht sie da, um die vollbrachte Tat mit den nötigen Beweisen zu unterstützen. Sie geht selbst zum Angriff vor. Sie erhebt sich zur Anklägerin und zur Rächerin. Und hier erhöht sich der Prozeß zum Symbol. Der ganze Konflikt eines Volkes und einer Epoche wird hier ausgefochten. Es handelt sich nicht nur um eine Mörderin und eine Leiche: es handelt sich um den Kampf der eingeborenen Freiheitsliebe der Franzosen gegen den Diktaturwillen einer kleinen übermütigen Faschistenbande.

Auf die Frage des Präsidenten Pressard: „Was hatte Ihnen Marius Plateau getan?“ springt sie in der Anklagebank auf: „Mir persönlich nichts! Aber all denen, die heute im Bagno siechen, weil sie sich gegen den Krieg auflehnten! All denen, die als Opfer seiner schmählichen Verleumdungen standrechtlich erschossen wurden! All denen, die sich gegen die aufbrechende Reaktion stemmen wollten! Mein Gewissen befahl mir die Tat!“

„Immerhin, Sie haben einen Menschen ermordet. Bedauern Sie es?“ fragt der Präsident.

„Es fiel mir nicht leicht, ein menschliches, denkendes Wesen aus der Welt zu schaffen. Und doch bereue ich nichts, weil ich mich am 22. Januar für etwas mehr als eine gewöhnliche Mörderin fühlte, nämlich als die Rächerin aller Opfer der Action Française. Mein Gewissen hat es mir diktiert. Und da ich mir bewußt war, für das Wohl des Volkes zu handeln, wie sollte ich jetzt bereuen? Es wäre widersinnig ...“

„Ein Murmeln ging durch den Saal“, berichtet die Presse. Die Zeitungen nennen sie gefühllos. Doch konnte man von einer Anarchistin eine schönere Antwort verlangen? Die Silhouette einer großen, in unserem Zeitalter ungewöhnlichen Figur begann sich abzuheben. Die Atmosphäre wurde gespannter. Langsam glitt der ganze Prozeß, wie alles in Frankreich, ins Politische hinüber. Und sofort, wo das Volk eingreift, spielt eine gewisse Sentimentalität mit, die das kalte Gesetz, die kalte Logik abschwächt. Das französische Volk liebt das Pathos, das Theater, die Tränen. Die Frauen werden von den Schwurgerichten freigesprochen, weil die Liebe immer ein Melodram ist.