TORRÈS

Der Verteidiger, Henry Torrès, wußte was er tat, als er als Entlastungszeugen die namhaftesten Vertreter der Linksparteien, des Pazifismus, der Liga für Menschenrechte, der literarischen Fronde vor die Schranken rief, alle, die den hundertpulsigen Herzschlag des Pariser Volkes kennen und fühlen. Und so wurden in diesem Prozeß nicht die Anklageschrift, nicht die Aussagen während der Untersuchungshaft, nicht die Plaidoyers, nicht einmal die Stimme des Präsidenten maßgebend, sondern die flammenden Reden der Zeugen, die alle mit der Wärme des Herzens für ein mutiges Mädchen eintraten. Es ward ein Défilé sämtlicher Persönlichkeiten, die das politische und demagogische Frankreich darstellen, und da auch die gesammelten Mannschaften der Action Française die Ankläger spielten, trafen sich zum erstenmal Rechts und Links, die Reaktion und die Revolution vor diesem Tribunal, als ob nicht mehr über den Mord eines Menschen, sondern über ihre Ideen gerichtet werden würde. Und tatsächlich wurde auch das Urteil als Sieg für die eine oder die andere Partei bewertet.

Die Rechtspartei:

Léon Daudet, der Zuhälter der Republik: er läßt die anderen mit ihr schlafen und sie ist ihm gerade gut genug, um sich später von ihrem Bett aus auf die Stiegen eines morschen Thrones zu hissen. Er ist das, was alle Karikaturisten immer wieder aus ihm gemacht haben: ein Clown: aber ein böser und gefährlicher. Er spielt die erste Rolle in diesem Prozeß. Er ist der lebende Leichnam. Auf seiner Person baut sich die ganze Verteidigung auf. Wenn Germaine Berton gefragt wird, ob sie bereut, antwortet sie: „Ich bereue nicht, Plateau erschossen zu haben, aber ich bereue, nicht Daudet ermordet zu haben.“

Es handelt sich um ein Komma, das sie den Kopf kosten wird oder nicht. Aber sie ist mutig. Sie tanzt auf diesem Komma Seil.

Ihre Defensivstellung besteht darin, daß sie sagt:

„Ich wollte Daudet töten (aber ich habe es ja nicht getan). Ich habe die Opfer der Action Française gerächt (aber ich wollte platonisch töten).“

Herr Daudet trägt als Zeuge eine ganz andere Maske denn als Deputierter oder Zeitungsdirektor. Er benimmt sich still und bescheiden, wie ihn noch nie ein Pariser gesehen und gehört hat. Kein einziger Fluch, kein einziges Giftwort kommt über seine Lippen. Er enttäuscht. Und Germaine Berton ist es, die ihrerseits offensiv gegen ihn vorgehen muß. Schon hat er seine Aussage beendet und will sich unter dem Schutz seiner Truppen zurückziehen, da hält ihn die Angeklagte zurück und schreit ihm zu:

Herr Léon Daudet, ich habe Sie töten wollen, weil Sie für den Mord an Jaurès verantwortlich sind! Sie haben ihn umgebracht. Wir haben Jaurès geliebt, selbst wir Anarchisten. Jaurès bedeutete für uns ein Symbol, die Seele des edlen Frankreichs. Ich erinnere mich, ihn einmal in Tours gehört zu haben. Damals war ich noch sehr jung, aber unsere Verehrung für diesen Mann war so tief, daß wir in seinen Vortrag gingen wie zur Kirche. Sie haben ihn uns getötet. Und deshalb will ich heute auf die doppelte Frage, die mir gestern gestellt wurde, antworten: Herr Daudet, ich bereue bitter, nicht Sie statt Marius Plateau niedergeschossen zu haben!“