Und nun hat plötzlich ein neuer Verteidiger im Saal Platz genommen, ein unsichtbarer, aber noch mächtigerer und gewaltigerer als Torrès: er schwebt neben dem Christusbild hinter dem Präsidenten. Es ist ein dicker genereuser Mann, er hat die eine Hand erhoben, sein Bart ist versilbert, seine leuchtenden Blicke reißen das Licht der fahlen Fenster an sich, und durch das schwarze bürgerliche Jackett leuchtet ein rotes Herz: das ist der Tribun, der aus dem Kosmos herniederschwebt und seine Rächerin in seinen heiligen Schutz nimmt.
„Im Namen Jaurès!“ werden jetzt alle Zeugen schwören.
Und in diesem Augenblick erfährt Léon Daudet die zweitgrößte Sühne seines Lebens. Er wird von einem kleinen Mädchen vor versammeltem Volke von Paris mit den Worten der Wahrheit und der Freiheit einfach hingerichtet. Er rührt sich nicht. Er duckt sich hinter seinem feisten Leib. Er geht unsicher ab.
Zweitgrößte Sühne: die größte nicht! Die hat er schon gebüßt. Die Gerechtigkeit des Schicksals ist weit größer und erstaunlicher als die menschliche. Hier spielen antike Kräfte, die Götter selbst, mit.
Denn es ist kaum einen Monat her, daß sein fünfzehnjähriger Sohn Philipp sich erschoß, daß das Verblüffendste sich ereignen konnte, was ein Shakespeare zum Aufbau eines Dramas nicht zu erfinden gewagt hätte. Es ereignete sich das, was wie ein Film der Erinnerung hinter den augenblicklichen Begebnissen durchschimmert, und hier als solcher eingefügt sein möge.
Film vom Selbstmord eines Knaben
1.
Ein Junge flieht an einem Novembermorgen, zur Schulstunde, aus dem Elternhause und fährt nach Le Havre. Dort mietet er ein Zimmer im Hotel Bellevue und legt auf den Nachttisch seine einzige Bagage: die Werke von Boileau und André Chénier. Den ganzen Tag verbringt er am Hafen und sucht ein Schiff nach Kanada. „Land des Nordens, Land in Schnee und Reinheit,“ schreibt er in einem Gedicht. Aber die Fahrt kostet 1200 Francs, er hat nur 700. Er schlägt der Schiffahrtsgesellschaft vor, ihn als Elektromechaniker zu dingen: aber diese nimmt nur englisches Personal auf. Der Traum der Realität zerrinnt. Kanada oder nichts. Die Erde schrumpft zu einer Marmel zusammen. Wohin? Schon sind alle Land- und Meerstraßen verschüttet. Das letzte Schlupfloch ist Paris. Am nächsten Morgen landet er wieder im Bahnhof St. Lazare.
2.
Am 27. November bringen sämtliche Zeitungen diese Notiz: