| 2 Reinmar von Zweter: Kurze Lust und langes Leid. Du süsses Weib! Im Herzen mein Sieh dich doch um, und find’st du dort noch wen als dich allein, So lass mich nur vergehn und ohne Trost bis an mein Ende leben. Doch herrschest du darin, o dann, Vielsüsses Weib, so nimm in Huld dich meiner mehr auch an. Mehr kann ich nicht: durch meine Augen bist du mir ins Herz gegeben. Ganz bist du, Süsse, mir hineingegangen, Ich hab’ dich oftmals heimlich drin empfangen. Wenn ich so lieb dann an dich dachte, Ein wenig wohler mir geschah; Doch dann sass ich gar traurig da, Und kurze Lust mir langes Leid stets brachte. |
| 4 Ulrich von Lichtenstein: Glück der Hoffnung. In dem Walde süsse Töne Singen kleine Vögelein. Auf der Heide blühen schöne Blumen zu des Maien Schein. 5 Also blüht auch froh mein Mut, Wenn er denkt an ihre Güte, Die mir reich macht mein Gemüte, Wie der Traum dem Armen tut. Ja, zu ihrer Tugend hege 10 Diese Hoffnung ich, Dass ich endlich sie bewege, Und sie noch beglücket mich. Dieser Hoffnung bin ich froh. Gebe Gott, dass sich’s vollende, 15 Sie mir diesen Wahn nicht wende, Der mich jetzt erfreut schon so. Du viel Süsse, Wohlgetane, Frei von Truge, treu und stet, Lasse mich in liebem Wahne, 20 Wenn es jetzt nicht anders geht, Dass die Freude lange währ’, Ich vor Weinen nicht erwache, Nein, dem Trost entgegenlache, Der von ihrer Huld kommt her. 25 Lieber Wunsch und froh Gedenken Ist die grösste Freude mein. Nichts soll mir den Trost beschränken, Lässt sie mich nur immer sein Ihr mit beidem nahe bei 30 Und vergönnt mir, ihretwegen Süsse Lust daran zu hegen, Wie beglückend sie stets sei. Süsser Mai, auch du alleine Tröstest sonst die Welt fürwahr; 35 Doch du freust selbst im Vereine Mit der Welt mich kaum ein Haar. Brächtet ihr wohl Freude mir Ausser der Viellieben, Guten? Trost will ich von ihr vermuten; 40 Ich leb’ nur des Trosts von ihr. |
| 7 Neidhart von Reuental: Die tanzlustige Alte. Eine Alte fing zu springen Munter wie ein Zicklein an, sie wollte Blumen bringen. “Tochter, gib mir mein Gewand, Ich muss an des Knappen Hand, Er ist von Reuental genannt.” Trara nuretum, trara nuri runtundeie! “Mutter, bleibt doch nur bei Sinne! Dieser Knappe denkt ja nicht je an treue Minne.” “Tochter, lass mich ohne Not; Ich weiss ja, was er mir entbot, Nach seiner Minne bin ich tot.” Trara nuretum, trara nuri runtundeie! |
| 10 Gottfried von Neifen: Die Flachsschwingerin. Ei ja, uns jungen Männern mag Bei Fraun es leicht mislingen. Es war mal mitten um den Tag, Da hört’ ich eine schwingen: Sie schwang Flachs, Sie schwang Flachs, ja Flachs, ja Flachs. Guten Morgen bot ich ihr Und sprach: “Gott mög’ Euch ehren!” Die schöne Jungfer dankte mir, Ich wollte ein schon kehren. Sie schwang Flachs, Sie schwang Flachs, ja Flachs, ja Flachs. Da sprach sie: “Weiber gibt’s hier nicht, Ihr seid wohl fehlgegangen. Eh’ Euer Will’ an mir geschicht, Säh’ ich Euch lieber hangen!” Sie schwang Flachs, Sie schwang Flachs, ja Flachs, ja Flachs. |