Wiewol ich mir von der Deutschen Poeterey, auff ersuchung vornemer Leute, vnd dann zue besserer fortpflantzung[1] vnserer sprachen, etwas auff zue setzen vorgenommen, bin ich doch solcher gedancken keines weges, das ich vermeine, man könne iemanden durch gewisse regeln vnd gesetze zu einem Poeten machen.. . .
Die worte vnd Syllaben in gewisse gesetze zue dringen, vnd verse zue schreiben ist das allerwenigste was in einem Poeten zue suchen ist. Er muss εὐφαντασιωτός,[2] von sinnreichen einfällen vnd erfindungen sein, muss ein grosses vnverzagtes gemüte haben, muss hohe sachen bey sich erdencken können, soll anders[3] seine rede eine art kriegen, vnd von der erden empor steigen. Ferner so schaden auch dem gueten nahmen der Poeten nicht wenig die jenigen, welche mit jhrem vngestümen ersuchen auff alles was sie thun vnd vorhaben verse fodern. Es wird kein buch, keine hochzeit, kein begräbnüss ohn vns gemacht; vnd gleichsam als niemand köndte alleine sterben, gehen vnsere gedichte zuegleich mit jhnen vnter. Mann wil vns auff allen Schüsseln vnd kannen haben, wir stehen an wänden vnd steinen,[4] vnd wann einer ein Hauss ich weiss nicht wie an sich gebracht hat, so sollen wir es mit vnsern Versen wieder redlich machen. Dieser begehret ein Lied auff eines andern Weib, jenem hat von des nachbaren Magdt getrewrnet, einen andern hat die vermeinte Bulschafft ein mal freundtlich angelacht, oder, wie dieser Leute gebrauch ist, viel mehr aussgelacht; ja des närrischen ansuchens ist kein ende. Müssen wir also entweder durch abschlagen jhre feindschafft erwarten, oder durch willfahren den würden der Poesie einen mercklichen abbruch thun. Denn ein Poete kan nicht schreiben wenn er will, sondern wenn er kann, vnd jhn die regung des Geistes, welchen Ovidius vnnd andere vom Himmel her zue kommen vermeinen, treibet.. . .
Vnd muss ich nur bey hiesiger gelegenheit ohne schew dieses errinnern, das ich es für eine verlorene arbeit halte, im fall sich jemand an vnsere deutsche Poeterey machen wolte, der, nebenst dem das er ein Poete von natur sein muss, in den griechischen vnd Lateinischen büchern nicht wol durchtrieben ist, vnd von jhnen den rechten grieff erlernet hat; das auch alle die lehren, welche sonsten zue der Poesie erfodert werden, vnd ich jetzund kürzlich berühren wil, bey jhm nichts verfangen können.. . .
Nachmals ist auch ein jeder verss entweder ein iambicus oder trochaicus; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner eine gewisse grösse der sylben können inn acht nemen; sondern das wir aus den accenten vnnd dem thone erkennen, welche sylbe hoch vnnd welche niedrig gesetzt werden soll. Ein Jambus ist dieser: Erhalt vns Herr bey deinem Wort; der folgende ein Trocheus: Mitten wir im leben sind. Dann in dem ersten verse die erste sylbe niedrig, die andere hoch, die dritte niedrig, die vierde hoch, vnd so fortan; in dem anderen verse die erste sylbe hoch, die andere niedrig, die dritte hoch, u.s.w. aussgesprochen werden. Wiewol nun meines wissens noch niemand, ich auch vor der zeit selber nicht, dieses genawe in acht genommen, scheinet es doch so hoch von nöthen zue sein, als hoch von nöthen ist, das die Lateiner nach den quantitatibus oder grössen der sylben jhre verse richten vnd reguliren.
[1.] Fortpflantzung = Verbesserung.
[2.] Εὐφαντασιωτός, ‘very fanciful’; see Quintilian vi. 2, 30.
[3.] Anders, ‘anywise.’
[4.] Steinen = Türsteinen.
| 2 Ode.[5] Ich empfinde fast ein grawen, Das ich, Plato, für vnd für Bin gesessen vber dir; Es ist zeit hienauss zue schawen, 5 Vnd sich bey den frischen quellen In dem grünen zue ergehen, Wo die schönen Blumen stehen, Vnd die Fischer netze stellen. Worzue dienet das studieren, 10 Als zue lauter vngemach? Vnter dessen laufft die Bach Vnsers lebens das wir führen, Ehe wir es innen werden, Auff jhr letztes ende hin; 15 Dann kompt ohne geist vnd sinn Dieses alles in die erden. Hola, Junger, geh’ vnd frage Wo der beste trunck mag sein; Nim den Krug, vnd fülle Wein. 20 Alles trawren leidt vnd klage, Wie wir Menschen täglich haben, Eh vns Clotho fortgerafft, Wil ich in den süssen safft Den die traube giebt vergraben. 25 Kauffe gleichfalls auch Melonen,[6] Vnd vergiss des Zuckers nicht; Schawe nur das nichts gebricht. Jener mag der heller schonen, Der bey seinem Gold vnd Schätzen 30 Tolle sich zue krencken pflegt Vnd nicht satt zue bette legt; Ich wil weil ich kan mich letzen. Bitte meine guete Brüder Auff[7] die music vnd ein glass; 35 Nichts schickt, dünckt mich, nicht sich bass Als guet tranck vad guete Lieder. Lass ich gleich nicht viel zue erben, Ey, so hab’ ich edlen Wein; Wil mit andern lustig sein, 40 Muss ich gleich alleine sterben. |
[5.] From the Poeterey, Ch. 5, where it is offered in elucidation of lyric poetry. It is a free rendering of Ronsard, II, 18.