18 An mein väterlich Gut, so ich drei Jahr nicht gesehen. Glück zu, du ödes Feld; Glück zu, ihr wüsten Auen! Die ich, wann ich euch seh’, mit Thränen muss bethauen, Weil ihr nicht mehr seid ihr; so gar hat euren Stand Der freche Mord-Gott Mars grundaus herumgewandt. 5 Seid aber doch gegrüsst; seid dennoch fürgesetzet Dem allen, was die Stadt für schön und köstlich schätzet. Ihr wart mir lieb, ihr seid, ihr bleibt mir lieb und werth; Ich bin, ob ihr verkehrt,[11] noch dennoch nicht verkehrt. Ich bin, der ich war vor. Ob ihr seid sehr vernichtet, 10 So bleib’ ich dennoch euch zu voller Gunst verpflichtet, So lang ich ich kan sein; wann dann mein Sein vergeht, Kans sein, dass Musa wo an meiner Stelle steht.[12] Gehab dich wol, o Stadt! die du in deinen Zinnen Hast meinen Leib gehabt, nicht aber meine Sinnen. 15 Gehab dich wol! mein Leib ist nun vom Kerker los; Ich darf nun nicht mehr sein, wo mich zu sein verdross. Ich habe dich, du mich, du süsse Vatererde! Mein Feuer glänzt nun mehr auf meinem eignen Herde. Ich geh’, ich steh’, ich sitz’, ich schlaf’, ich wach’ umbsunst.[13] 20 Was theuer mir dort war, das hab’ ich hier aus Gunst Des Herrens der Natur, um “Habe-Dank” zu niessen Und um gesunden Schweiss; darf nichts hingegen wissen Von Vortel und Betrug, von Hinterlist und Neid, Und wo man sonst sich durch schickt etwan in die Zeit. 25 Ich ess’ ein selig Brot, mit Schweiss zwar eingeteiget, Doch das durch Bäckers Kunst und Hefen hoch nicht steiget, Das zwar Gesichte[14] nicht, den Magen aber füllt Und dient mehr, dass es nährt, als dass es Heller gilt. Mein Trinken ist nicht falsch[15]; ich darf mir nicht gedenken, 30 Es sei gebrauen zwier,[16] vom Bräuer und vom Schänken. Mir schmeckt der klare Saft; mir schmeckt das reine Nass, Das ohne Keller frisch, das gut bleibt ohne Fass, Drum nicht die Nymphen erst mit Ceres dürfen kämpfen, Wer Meister drüber sei, das nichts bedarf zum Dämpfen,[17] 35 Weils keinen Schwefelrauch noch sonsten Einschlag hat, Das ohne Geld steht feil, das keine frevle That Hat den jemals gelehrt, der dran ihm liess genügen. Der Krämer fruchtbar Schwur, und ihr geniesslich[18] Lügen Hat nimmer Ernt’ um mich. Der vielgeplagte Lein, 40 Der muss, der kan mir auch anstatt der Seiden sein. Bewegung ist mein Arzt. Die kräuterreichen Wälde Sind Apotheks genug; Geld, Gold wächst auch im Felde,— Was mangelt alsdenn mehr? Wer Gott zum Freunde hat Und hat ein eignes Feld, fragt wenig nach der Stadt, 45 Der vortelhaften Stadt, da Nahrung zu gewinnen Fast jeder muss auf List, auf Tück und Ränke sinnen. Drum hab’ dich wol, o Stadt! wenn ich dich habe, Feld, So hab’ ich Haus und Kost, Kleid, Ruh’, Gesundheit, Geld. [11.] Verkehrt, ‘changed.’ [12.] Dass . . . steht; ‘that some other muse than mine will praise you.’ [13.] Umbsunst, ‘for nothing.’ [14.] The bread does not look good, but is nourishing. [15.] Falsch, ‘diluted.’ [16.] Zwier = zweimal. [17.] In allusion to the process of treating wine with sulphur—nominally to improve its taste and color. [18.] Geniesslich, ‘profitable.’

[ LIII. ANDREAS GRYPHIUS]

1616-1664. Gryphius is the most important of the pseudo-classic dramatists, though his plays lacked the schooling of the stage. He was born in Glogau, Silesia, won early distinction as a scholar and poet, resided several years in Holland, France, and Italy, and finally settled down in his birthplace, which honored him with the office of town syndic. He wrote five original tragedies in alexandrine verse (always with a chorus of some kind), and several comedies, partly in verse and partly in prose. The selections follow Tittmann’s edition in Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts.

1
From the fourth act of ‘Murdered Majesty, or Carolus Stuardus’; King Charles I, about to face death on the scaffold, confers with his loyal friends, Colonel Thomlinson and Bishop Juxton.

Karl

Fürst, aller Fürsten Fürst, den wir nun sterbend grüssen,

Vor dem wir auf dem Knie das strenge Richtbeil küssen,

Gib, was mein letzter Wunsch noch von dir bitten kan,

Und stecke Karols Geist mit heilgem Eifer an.