| 7 Die seufzende Geduld. Morgen wird es besser werden, Also seufzt mein schwacher Geist, Den die Menge der Beschwerden Über allen Abgrund reisst. 5 Aber ach, wenn bricht der Morgen Und das Licht der Hoffnung an, Da ich die so langen Sorgen Nach und nach vergessen kann? Sklaven auf den Ruderbänken 10 Wechseln doch mit Müh’ und Ruh’, Dies mein unaufhörlich Kränken Lässt mir keinen Schlummer zu. Niemand klagt mein schweres Leiden, Dies vergrössert Last und Pein. 15 Himmel, lass mich doch verscheiden, Oder gieb mir Sonnenschein! Will ich mich doch gerne fassen, Wenn mich nur der Trost erquickt, Dass dein ewiges Verlassen 20 Mich nicht in die Grube schickt. |
[ LXII. BARTHOLD HEINRICH BROCKES]
A writer of rather mediocre gifts who is of some historical importance as the pioneer in a new poetry of nature (1680-1747). He was the first to blend reverent emotion with very minute observation and description. His thesis—as oft reiterated in his many-volumed Earthly Pleasure in God—is that we ought to love nature because it is the wonderful and perfect work of an infinitely wise and good Creator. The selections follow Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 39.
| 1 Anmutige Frühlingsvorwürfe. Ich höre die Vögel, ich sehe die Wälder, Ich fühle das Spielen der kühlenden Luft, Ich rieche der Blüte balsamischen Duft, Ich schmecke die Früchte. Die fruchtbaren Felder, 5 Die glänzenden Wiesen, das funkelnde Nass Der tauichten Tropfen, das wallende Gras Voll lieblicher Blumen, das sanfte Gezische Der mancherlei lieblich beblätterten Büsche, Das murmelnde Rauschen der rieselnden Flut, 10 Der zitternde Schimmer der silbernen Fläche Durch grünende Felder sich schlängender Bäche, Der flammenden Sonne belebende Glut, Die alles verherrlichet, wärmet und schmücket, Dies alles ergetzet, erquicket, entzücket 15 Ein Auge, das Gott in Geschöpfen ersieht, Ein Ohr, das den Schöpfer verstehet und höret, Ein Herze, das Gott in den Wundern verehret, Kein viehisch, nur einzig ein menschlich Gemüt. |
| 3 Frühlingsbetrachtungen. Mich erquicken, Mich entzücken In der holden Frühlingszeit Alle Dinge, die ich sehe, 5 Da ja, wo ich geh’ und stehe, Alles voller Lieblichkeit. Durch der grünen Erde Pracht, Durch die Blumen, durch die Blüte Wird durchs Auge mein Gemüte 10 Recht bezaubernd angelacht. Die gelinden lauen Lüfte Voller balsamreicher Düfte Treibt des holden Zephyrs Spiel Zum Geruch und zum Gefühl. 15 Auf den glatten Wellen wallen Wie auf glänzenden Krystallen Im beständig regen Licht Tausend Strahlen, tausend Blitze, Und ergetzen das Gesicht, 20 Sonderlich wenn selbe zwischen Noch nicht dick bewachs’nen Büschen Und durch junge Weiden glimmen. Kleine Lichter, welche schwimmen Auf dem Laub und auf der Flut 25 Bald in weiss-, bald blauer Glut, Treffen mit gefärbtem Scherz Durch die Augen unser Herz. Seht die leichten Vögel fliegen, Höret, wie sie sich vergnügen, 30 Seht, wie die beblümten Hecken Ihr geflochtnes Nest verstecken! Schlüpfet dort nach seinem Neste Ein verliebt und emsigs Paar, Hüfpet hier durch Laub und Äste 35 Eine bunt gefärbte Schar. Seht, wie sie die Köpfchen drehn Und des Frühlings Pracht besehn, Hört, wie gurgeln sie so schön! Höret, wie sie musicieren! 40 Lass dich doch ihr Beispiel rühren, Liebster Mensch, lass dem zu Ehren, Der die Welt so schön geschmückt Und durch sie dich fast entzückt, Auch ein frohes Danklied hören! |
[ LXIII. JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED]
A Leipzig scholar (1700-1766) who, as professor in the university, author of text-books, editor of journals, and reformer of the local stage, won a great though transitory prestige. He was a stedfast champion of clarity, regularity, and good taste, laid great stress on probability and reasonableness, and held that a strict observance of the three unities was essential in tragedy. His advocacy of French forms and taste led to a sharp controversy with the Swiss school of Bodmer, who looked rather to English models. Gottsched’s Cato met with great success on the stage, but now seems cold and mechanical. His critical views can best be studied in the Critische Dichtkunst, from which a selection is given according to the second edition, of 1737.
From the ‘Critical Poetics,’ Part II, Chapter 10.
§ 11. Wie eine gute tragische Fabel gemacht werden müsse, das ist schon im vierten Hauptstücke des ersten Theils einiger maassen gewiesen worden. Der Poet wählet sich einen moralischen Lehrsatz, den er seinen Zuschauern auf eine sinnliche Art einprägen will. Dazu ersinnt er sich eine allgemeine Fabel, daraus die Wahrheit eines Satzes erhellet. Hiernächst sucht er in der Historie solche berühmte Leute, denen etwas ähnliches begegnet ist: Und von diesen entlehnet er die Namen, für die Personen seiner Fabel, um derselben also ein Ansehen zu geben. Er erdenket sodann alle Umstände dazu, um die Hauptfabel recht wahrscheinlich zu machen, und das werden die Zwischenfabeln, oder Episodia genannt. Dieses theilt er dann in fünf Stücke ein, die ungefehr gleich gross sind, und ordnet sie so, dass natürlicher Weise das letztere aus dem vorhergehenden fliesset: Bekümmert sich aber weiter nicht, ob alles in der Historie so vorgegangen, oder ob alle Nebenpersonen wirklich so und nicht anders geheissen haben. Zum Exempel kann die oberwähnte Tragödie des Sophokles, oder auch mein Cato dienen. Der Poet wollte dort zeigen, dass Gott auch die Laster, so unwissend begangen werden, nicht ungestraft lasse. Hierzu ersinnt er nun eine allgemeine Fabel, die etwa so lautet: