4 Der unsterbliche Autor. Ein Autor schrieb sehr viele Bände Und ward das Wunder, seiner Zeit; Der Journalisten gütge Hände Verehrten ihm die Ewigkeit 5 Er sah, vor seinem sanften Ende, Fast alle Werke seiner Hände Das sechste Mal schon aufgelegt Und sich mit tiefgelehrtem Blicke In einer spanischen Perücke 10 Vor jedes Titelblatt geprägt. Er blieb vor Widersprechern sicher Und schrieb bis an den Tag, da ihn der Tod entseelt; Und das Verzeichnis seiner Bücher, Die kleinen Schriften mitgezählt, 15 Nahm an dem Lebenslauf allein Drei Bogen und drei Seiten ein. Man las nach dieses Mannes Tode Die Schriften mit Bedachtsamkeit; Und seht, das Wunder seiner Zeit 20 Kam in zehn Jahren aus der Mode, Und seine göttliche Methode Hiess eine bange Trockenheit. Der Mann war bloss berühmt gewesen, Weil Stümper ihn gelobt, eh’ Kenner ihn gelesen. 25 Berühmt zu werden ist nicht schwer, Man darf nur viel für kleine Geister schreiben; Doch bei der Nachwelt gross zu bleiben, Dazu gehört noch etwas mehr Als, seicht an Geist, in strenger Lehrart schreiben.

[ LXIX. JOHANN WILHELM LUDWIG GLEIM]

A North German poet (1719-1803) who is best known for his Songs of a Prussian Grenadier, commemorating the victories of Frederick the Great in the Seven Years’ War. His earlier work is mostly in the light anacreontic vein, which was somewhat overworked in the decade preceding the war. The fashion was really set by Gleim, though the spirit of it is found in Hagedorn. The selections follow Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 45.

1 An Leukon. Rosen pflücke, Rosen blühn, Morgen ist nicht heut! Keine Stunde lass entfliehn, Flüchtig ist die Zeit! Trinke, küsse! Sieh, es ist Heut Gelegenheit! Weisst du, wo du morgen bist? Flüchtig ist die Zeit. Aufschub einer guten Tat Hat schon oft gereut! Hurtig leben ist mein Rat, Flüchtig ist die Zeit!
2 Trinklied. Brüder, trinkt: es trinkt die Sonne, Und sie hat schon tausend Ströme Ohne Bruder ausgetrunken! Brüder trinkt: es trinkt die Erde; Seht, sie durstet, seht, wie durstig Trinkt sie diese Regentropfen! Seht, dort um den Vater Bacchus Stehn die Reben frisch am Berge; Denn es hat das Nass der Wolken Ihren heissen Durst gelöschet. Brüder, seht, das Nass der Reben Wartet in den vollen Gläsern: Wollt ihr euren Durst nicht löschen?
3 Vorzüge in der Klugheit. Herr Euler misst der Welten Grösse; O welch ein Tor ist das! Ich bin doch klüger, denn ich messe Die Eimer Wein auf meinem Fass. 5 Wolff zählt die Kräfte seiner Seele; O welch ein Tor ist das! Ich bin doch klüger, denn ich zähle Die Tropfen Wein im Deckelglas. Herr Meier macht nur immer Schlüsse; 10 Wie töricht ist auch das! Ich klügerer, ich trink’ und küsse, Ich küss’ und trink’ ohn’ Unterlass. Herr Haller sucht Gras, Kraut und Bäume Auf mancher rauhen Bahn; 15 Ich klügerer, ich suche Reime, So wie er sonsten auch gethan. Herr Bodmer führt gelehrte Kriege; O warum führt er sie? Denn durch noch tausend seiner Siege 20 Bezwingt er doch die Dummheit nie. Es mögen ihn die Enkel preisen Und sagen: So ein Mann Ist doch jetzund nicht aufzuweisen; Was gehen mir die Enkel an?
4 Bei Eröffnung des Feldzuges 1756. Krieg ist mein Lied! Weil alle Welt Krieg will, so sei es Krieg! Berlin sei Sparta! Preussens Held Gekrönt mit Ruhm und Sieg! 5 Gern will ich seine Taten tun, Die Leier in der Hand, Wenn meine blut’gen Waffen ruhn Und hangen an der Wand. Auch stimm’ich hohen Schlachtgesang 10 Mit seinen Helden an Bei Pauken- und Trompetenklang, Im Lärm von Ross und Mann; Und streit’, ein tapfrer Grenadier, Von Friedrichs Mut erfüllt. 15 Was acht’ ich es, wenn über mir Kanonendonner brüllt? Ein Held fall’ ich; noch sterbend droht Mein Säbel in der Hand. Unsterblich macht der Helden Tod, 20 Der Tod fürs Vaterland! Auch kömmt man aus der Welt davon Geschwinder wie der Blitz; Und wer ihn stirbt, bekommt zum Lohn Im Himmel hohen Sitz! 25 Wenn aber ich als solch ein Held Dir, Mars, nicht sterben soll, Nicht glänzen soll im Sternenzelt: So leb’ ich dem Apoll. So werd’ aus Friedrichs Grenadier, 30 Dem Schutz, der Ruhm des Staats; So lern’ er deutscher Sprache Zier Und werde sein Horaz! Dann singe Gott und Friederich, Nichts Kleiners, stolzes Lied! 35 Dem Adler gleich erhebe dich, Der in die Sonne sieht!
5 Siegeslied nach der Schlacht bei Prag,
den 6. Mai, 1757. Viktoria! mit uns ist Gott, Der stolze Feind liegt da! Er liegt, gerecht ist unser Gott, Er liegt, Viktoria! 5 Zwar unser Vater ist nicht mehr, Jedoch er starb ein Held Und sieht nun unser Siegesheer Vom hohen Sternenzelt. Er ging voran, der edle Greis, 10 Voll Gott und Vaterland. Sein alter Kopf war kaum so weiss Als tapfer seine Hand. Mit jugendlicher Heldenkraft Ergriff er eine Fahn’, 15 Hielt sie empor an ihrem Schaft Dass wir sie alle sahn; Und sagte: “Kinder, Berg hinan, Auf Schanzen und Geschütz!” Wir folgten alle, Mann vor Mann, 20 Geschwinder wie der Blitz. Ach! aber unser Vater fiel, Die Fahne sank auf ihn, Ha! welch glorreiches Lebensziel, Glückseliger Schwerin! 25 Dein Friederich hat dich beweint, Indem er uns gebot; Wir aber stürzten in den Feind, Zu rächen deinen Tod. Du, Heinrich, warest ein Soldat, 30 Du fochtest königlich! Wir sahen alle, Tat vor Tat, Du junger Löw’, auf dich! Der Pommer und der Märker stritt Mit rechtem Christenmut. 35 Rot ward sein Schwert, auf jeden Schritt Floss dick Pandurenblut. Aus sieben Schanzen jagten wir Die Mützen von dem Bär. Da, Friedrich, ging dein Grenadier 40 Auf Leichen hoch einher; Dacht’, in dem mörderischen Kampf Gott, Vaterland und dich, Sah, tief in schwarzem Rauch und Dampf, Dich seinen Friederich; 45 Und zitterte, ward feuerrot Im kriegrischen Gesicht (Er zitterte vor deinem Tod Vor seinem aber nicht); Verachtete die Kugelsaat, 50 Der Stücke Donnerton, Stritt wütender, tat Heldentat, Bis deine Feinde flohn. Nun dankt er Gott für seine Macht, Und singt: Viktoria! 55 Und alles Blut aus dieser Schlacht Fliesst nach Theresia. Und weigert sie auf diesen Tag, Den Frieden vorzuziehn, So stürme, Friedrich, erst ihr Prag, 60 Und dann führ uns nach Wien!

[ LXX. FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK]

1724-1803. By his profound seriousness and the fervor of his utterance, Klopstock turned German poetry into new channels. Impatient of rime, which he regarded as an ignoble modern jingle, and averse to the shallow Verstandespoesie of the reigning Saxon school, he conceived of poetry as the intense expression of sublimated feeling. His most famous work is the Messiah, a long religious epic in hexameters. In his Odes, composed in the rimeless meters of the Greek and Roman lyrists, he made large use of mythologic names and conceptions which he erroneously supposed to be old German. We hear of ancient bards inhabiting the German forests, singing ‘lawless songs’ of intense emotion, and deriving their inspiration from ethnic tradition and from the elemental feelings of love and friendship. In his so-called Bardiete he used the dramatic form for this same idealization of the ancient Germans. Although now little read, Klopstock exerted a great influence in dignifying the poet’s calling and strengthening the national self-respect and self-reliance of literary Germany.