[ LXVII. FRIEDRICH VON HAGEDORN]

A pleasing and popular, but not profound, North German poet of the Gottschedian era (1708-1754). He lived in Hamburg, where he held a comfortable position in a commercial house. His writings consist of songs, odes, fables, epigrams, poetic tales, etc., which reflect an easy-going temperament and commend the carpe diem philosophy of Horace. The text of the selections follows Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 45.

1 An die Dichtkunst. Gespielin meiner Nebenstunden, Bei der ein Teil der Zeit verschwunden, Die mir, nicht andern, zugehört: O Dichtkunst, die das Leben lindert! 5 Wie manchen Gram hast du vermindert, Wie manche Fröhlichkeit vermehrt! Die Kraft der Helden Trefflichkeiten Mit tapfern Worten auszubreiten, Verdankt Homer und Maro dir. 10 Die Fähigkeit, von hohen Dingen Den Ewigkeiten vorzusingen, Verliehst du ihnen und nicht mir. Die Lust, vom Wahn mich zu entfernen, Und deinem Flaccus abzulernen, 15 Wie man durch echten Witz gefällt; Die Lust, den Alten nachzustreben, Ist mir im Zorn von dir gegeben, Wenn nicht mein Wunsch das Ziel erhält. Zu eitel ist das Lob der Freunde: 20 Uns drohen in der Nachwelt Feinde, Die finden unsre Grösse klein. Den itzt an Liedern reichen Zeiten Empfehl’ ich diese Kleinigkeiten: Sie wollen nicht unsterblich sein. 2 Die verliebte Verzweiflung. Gewiss, der ist beklagenswerth, Den seine Göttin nicht erhört, Dem alle Seufzer nichts erwerben. Er muss fast immer schlaflos sein 5 Und weinen, girren, winseln, schrein, Sich martern und dann sterben. “Grausame Laura,” rief Pedrill, “Grausame, die mein Unglück, will, Für dich muss ich noch heut erblassen.” 10 Stracks rennet er in vollem Lauf Bis an des Hauses Dach hinauf Und guckt dort in die Gassen. Bald, als er Essen sah und roch, Befragt’ er sich: “Wie! leb’ ich noch?” 15 Und zog ein Messer aus der Scheiden. “O Liebe,” sagt er, “deiner Wut Weih’ ich den Mordstahl und mein Blut,”— Und fing an Brot zu schneiden. Nach glücklich eingenomm’nem Mahl 20 Erwägt er seine Liebesqual Und will nunmehr durch Gift erbleichen. Er öffnet eine Flasche Wein Und lässt, des Giftes voll zu sein, Sich noch die zweite reichen. 25 Hernach verflucht er sein Geschick Und holet Schemel, Nagel, Strick, Und schwört, nun soll die That geschehen. Doch ach! was kann betrübter sein? Der Strick ist schwach, der Nagel klein, 30 Der Schemel will nicht stehen. Er wählt noch eine Todesart Und denkt: “Wer sich ersticht, der spart Und darf für Gift und Strick nicht sorgen.” Drauf gähnt er, seufzet, eilt zur Ruh, 35 Kriecht in sein Bett und deckt sich zu Und schläft bis an den Morgen.
3 An die Freude. Freude, Göttin edler Herzen, Höre mich! Lass die Lieder, die hier schallen, Dich vergrössern, dir gefallen; 5 Was hier tönet, tönt durch dich. Muntre Schwester süsser Liebe! Himmelskind! Kraft der Seelen! Halbes Leben! Ach! was kann das Glück uns geben, 10 Wenn man dich nicht auch gewinnt? Stumme Hüter toter Schätze Sind nur reich. Dem, der keinen Schatz bewachet, Sinnreich scherzt und singt und lachet, 15 Ist kein karger König gleich. Gieb den Kennern, die dich ehren, Neuen Mut, Neuen Scherz den regen Zungen, Neue Fertigkeit den Jungen, 20 Und den Alten neues Blut. Du erheiterst, holde Freude! Die Vernunft. Flieh auf ewig die Gesichter Aller finstern Splitterrichter 25 Und die ganze Heuchlerzunft.
4 Das Hühnchen und der Diamant. Ein verhungert Hühnchen fand Einen feinen Diamant Und verscharrt ihn in den Sand. “Möchte doch, mich zu erfreun,” Sprach es, “dieser schöne Stein Nur ein Weizenkörnchen sein!” Unglückselger Überfluss, Wo der nötigste Genuss Unsern Schätzen fehlen muss!
5 Johann, der Seifensieder. Johann, der muntre Seifensieder, Erlernte viele schöne Lieder, Und sang, mit unbesorgtem Sinn, Vom Morgen bis zum Abend hin. 5 Sein Tagwerk konnt’ ihm Nahrung bringen; Und wann er ass, so musst’ er singen, Und wann er sang, so war’s mit Lust; Aus vollem Hals und freier Brust. Beim Morgenbrot, beim Abendessen, 10 Blieb Ton und Triller unvergessen; Der schallte recht, und seine Kraft Durchdrang die halbe Nachbarschaft. Man horcht, man fragt: Wer singt schon wieder? Wer ist’s? Der muntre Seifensieder. 15 Im Lesen war er anfangs schwach; Er las nichts als den Almanach, Doch lernt’ er auch nach Jahren beten, Die Ordnung nicht zu übertreten, Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein, 20 Oft singend, öftrer lesend, ein. Er schien fast glücklicher zu preisen Als die berufnen sieben Weisen, Als manches Haupt gelehrter Welt, Das sich schon für den achten hält. 25 Es wohnte diesem in der Nähe Ein Sprössling eigennütz’ ger Ehe, Der, stolz und steif und bürgerlich, Im Schmausen keinem Fürsten wich: Ein Garkoch richtender Verwandten, 30 Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten, Der stets zu halben Nächten frass, Und seiner Wechsel oft vergass. Kaum hatte mit den Morgenstunden Sein erster Schlaf sich eingefunden, 35 So liess ihm den Genuss der Ruh Der nahe Sänger nimmer zu. “Zum Henker! lärmst du dort schon wieder, Vermaledeiter Seifensieder? Ach wäre doch, zu meinem Heil, 40 Der Schlaf hier, wie die Austern feil!” Den Sänger, den er früh vernommen, Lässt er an einem Morgen kommen Und spricht: “Mein lustiger Johann! Wie geht es Euch? Wie fangt Ihrs an? 45 Es rühmt ein jeder Eure Ware: Sagt, wie viel bringt sie Euch im Jahre?” “Im Jahre, Herr? Mir fällt nicht bei, Wie gross im Jahr mein Vorteil sei. So rechn’ ich nicht; ein Tag bescheret, 50 Was der, so auf ihn kömmt, verzehret, Dies folgt im Jahr (ich weiss die Zahl) Dreihundertfünfundsechzigmal.” “Ganz recht; doch könnt Ihr mir’s nicht sagen, Was pflegt ein Tag wohl einzutragen?” 55 “Mein Herr, Ihr forschet allzusehr: Der eine wenig, mancher mehr, So wie’s dann fällt! Mich zwingt zur Klage Nichts als die vielen Feiertage; Und wer sie alle rot gefärbt, 60 Der hatte wohl, wie Ihr, geerbt, Dem war die Arbeit sehr zuwider; Das war gewiss kein Seifensieder.” Dies schien den Reichen zu erfreun. “Hans,” spricht er, “du sollst glücklich sein. 65 Jetzt bist du nur ein schlechter Prahler. Da hast du bare funfzig Thaler; Nur unterlasse den Gesang! Das Geld hat einen bessern Klang.” Er dankt und schleicht mit scheuchem Blicke, 70 Mit mehr als diebscher Furcht zurücke. Er herzt den Beutel, den er hält, Und zählt und wägt und schwenkt das Geld, Das Geld, den Ursprung seiner Freude, Und seiner Augen neue Weide. 75 Es wird mit stummer Lust beschaut Und einem Kasten anvertraut, Den Band’ und starke Schlösser hüten, Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten, Den auch der karge Thor bei Nacht 80 Aus banger Vorsicht selbst bewacht. Sobald sich nur der Haushund reget, Sobald der Kater sich beweget, Durchsucht er alles, bis er glaubt, Dass ihn kein frecher Dieb beraubt, 85 Bis, oft gestossen, oft geschmissen, Sich endlich beide packen müssen: Sein Mops, der keine Kunst vergass Und wedelnd bei dem Kessel sass; Sein Hinz, der Liebling junger Katzen, 90 So glatt von Fell, so weich von Tatzen, Er lernt zuletzt, je mehr er spart, Wie oft sich Sorg’ und Reichtum paart, Und manches Zärtlings dunkle Freuden Ihn ewig von der Freiheit scheiden, 95 Die nur in reine Seelen strahlt, Und deren Glück kein Gold bezahlt. Dem Nachbar, den er stets gewecket, Bis der das Geld ihm zugestecket, Dem stellt er bald, aus Lust zur Ruh, 100 Den vollen Beutel wieder zu Und spricht: “Herr, lehrt mich bessre Sachen Als, statt des Singens, Geld bewachen. Nehmt immer Euren Beutel hin. Und lasst mir meinen frohen Sinn. 105 Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden; Ich tausche nicht mit Euren Freuden. Der Himmel hat mich recht geliebt, Der mir die Stimme wiedergiebt. Was ich gewesen, werd’ ich wieder: 110 Johann, der muntre Seifensieder.”

[ LXVIII. CHRISTIAN FÜRCHTEGOTT GELLERT]

An eminent fabulist and moralist of Saxon stock (1715-1769). Like Gottsched, he spent the best years of his life in the service of the University of Leipzig. His Fables and Tales (1746-1748) were reprinted in numberless editions, made their publisher rich, and remained for several decades the popular ideal of pleasant and edifying literature. Gellert was also a pioneer (the Swedisch Countess, 1747) in the field of moral family fiction after the manner of Richardson. The Selections follow Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 43.

1 Die Nachtigall und die Lerche. Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst, Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst; Die Blätter in den Gipfeln schwiegen Und fühlten ein geheim Vergnügen. 5 Der Vögel Chor vergass der Ruh Und hörte Philomelen zu. Aurora selbst verzog am Horizonte, Weil sie die Sängerin nicht g’nug bewundern konnte; Denn auch die Götter rührt der Schall 10 Der angenehmen Nachtigall, Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren, Liess Philomele sich noch zweimal schöner hören. Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr Und spricht: “Du singst viel reizender als wir, 15 Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen; Doch eins gefällt uns nicht an dir, Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen.” Doch Philomele lacht und spricht: “Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht 20 Und wird mir ewig Ehre bringen. Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen. Ich folg’ im Singen der Natur; So lange sie gebeut, so lange sing’ ich nur. Sobald sie nicht gebeut, so hör’ ich auf zu singen; 25 Denn die Natur lässt sich nicht zwingen.” O Dichter, denkt an Philomelen, Singt nicht, so lang ihr singen wollt. Natur und Geist, die euch beseelen, Sind euch nur wenig Jahre hold. 30 Soll euer Witz die Welt entzücken, So singt, so lang ihr feurig seid, Und öffnet euch mit Meisterstücken Den Eingang in die Ewigkeit. Singt geistreich der Natur zu Ehren; 35 Und scheint euch die nicht mehr geneigt, So eilt, um rühmlich aufzuhören, Eh’ ihr zu spät mit Schande schweigt. Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen? Er bindet sich an keine Zeit. 40 So fahrt denn fort, noch alt zu singen, Und singt euch um die Ewigkeit. 2 Das Land der Hinkenden. Vor Zeiten gab’s ein kleines Land, Worin man keinen Menschen fand, Der nicht gestottert, wenn er red’te, Nicht, wenn er ging, gehinket hätte; 5 Denn beides hielt man für galant. Ein fremder sah den Übelstand; Hier, dacht’ er, wird man dich im Gehn bewundern müssen, Und ging einher mit steifen Füssen. Er ging, ein jeder sah ihn an, 10 Und alle lachten, die ihn sahn, Und jeder blieb vor Lachen stehen Und schrie: “Lehrt doch den Fremden gehen!” Der Fremde hielt’s für seine Pflicht, Den Vorwurf von sich abzulehnen. 15 “Ihr,” rief er, “hinkt; ich aber nicht: Den Gang müsst ihr euch abgewöhnen!” Der Lärmen wird noch mehr vermehrt, Da man den Fremden sprechen hört. Er stammelt nicht; genug zur Schande! 20 Man spottet sein im ganzen Lande. Gewohnheit macht den Fehler schön, Den wir von Jugend auf gesehn. Vergebens wird’s ein Kluger wagen Und, dass wir töricht sind, uns sagen. 25 Wir selber halten ihn dafür, Bloss, weil er klüger ist als wir.
3 Das Gespenst. Ein Hauswirt, wie man mir erzählt, Ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält. Er liess, des Geists sich zu erwehren, Sich heimlich das Verbannen lehren; 5 Doch kraftlos blieb der Zauberspruch. Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren Und gab, in einem weissen Tuch, Ihm alle Nächte den Besuch. Ein Dichter zog in dieses Haus. 10 Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen, Bat sich des Dichters Zuspruch aus Und liess sich seine Verse lesen. Der Dichter las ein frostig Trauerspiel, Das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel. 15 Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah, Erschien und hörte zu; es fing ihn an zu schauern. Er konnt es länger nicht als einen Auftritt dauern, Denn, eh’ der andre kam, so war er nicht mehr da. Der Wirt, von Hoffnung eingenommen, 20 Liess gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen. Der Dichter las, der Geist erschien, Doch ohne lange zu verziehn. “Gut,” sprach der Wirt bei sich, “dich will ich bald verjagen, Kannst du die Verse nicht vertragen.” 25 Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein. Sobald es zwölfe schlug, liess das Gespenst sich blicken; “Johann!” fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein, “Der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Güte sein Und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.” 30 Der Geist erschrak und winkte mit der Hand, Der Diener sollte ja nicht gehen; Und kurz, der weisse Geist verschwand Und liess sich niemals wieder sehen. Ein jeder, der dies Wunder liest, 35 Zieh’ sich daraus die gute Lehre, Dass kein Gedicht so elend ist, Das nicht zu etwas nützlich wäre. Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut, So kann uns dies zum grossen Tröste dienen, 40 Gesetzt, dass sie zu unsrer Zeit Auch legionenweis erschienen: So wird, um sich von allen zu befrein, An Versen doch kein Mangel sein.