Dass es jemanden in der Welt unbegreiflich wäre, wie Licht die Menschen nicht nährt! Ruhe und Üppigkeit und sogenannte Gedankenfreiheit nie allgemeine Glückseligkeit und Bestimmung sein kann! Aber Empfindung, Bewegung, Handlung—wenn auch in der Folge ohne Zweck (was hat auf der Bühne der Menschheit ewigen Zweck?), wenn auch mit Stössen und Revolutionen, wenn auch mit Empfindungen, die hie und da schwärmerisch, gewaltsam, gar abscheulich werden—als Werkzeug in den Händen des Zeitlaufs, welche Macht! welche Wirkung! Herz und nicht Kopf genährt! mit Neigungen und Trieben alles gebunden, nicht mit kränkelnden Gedanken! Andacht und Ritterehre, Liebeskühnheit und Bürgerstärke—Staatsverfassung und Gesetzgebung, Religion. —Ich will nichts weniger als die ewigen Völkerzüge und Verwüstungen, Vasallenkriege und Befehdungen, Mönchsheere, Wallfahrten, Kreuzzüge verteidigen; nur erklären möchte ich sie: wie in allem doch Geist hauchet! Gährung menschlicher Kräfte! Grosse Kur der ganzen Gattung durch gewaltsame Bewegung, und wenn ich so kühn reden darf, das Schicksal zog, (allerdings mit grossem Getöse, und ohne dass die Gewichte da ruhig hangen konnten,) die grosse abgelaufene Uhr auf! Da rasselten also die Räder!

[1.] First Collection (1767); see Suphan’s edition of Herder’s works, Vol. I, page 152.

[2.] In his Kritische Wälder (1769) Herder subjected Lessing’s Laokoon to a searching criticism. The passages here given—see Suphan’s edition, Vol. 3, pages 139 ff.—are addressed to the theory advanced in the last of the foregoing selections from Lessing.

[3.] Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker was published in 1773, as part of a collection of papers (by Herder, Goethe and Möser) entitled Von deutscher Art und Kunst. See Suphan’s Herder, Vol. 5, page 155.

[4.] Published in the aforementioned collection Von deutscher Art und Kunst (1773). See Suphan’s Herder, Vol. 5, page 208.

[5.] The booklet Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit was published in 1774. See Suphan’s Herder, Vol. 5, page 475.

[ LXXIV. JOHANN WOLFGANG GOETHE]

1749-1832. The long-gathering promise of a German literary renascence was splendidly fulfilled in the genius of Goethe. In all the genres he wrought with high and peculiar distinction; and so intensely and fully did he live the life of his epoch that he has come to be regarded as the representative of the modern spirit. A great critic has called him ‘the clearest, largest, and most helpful thinker of modern times.’ The scope of this book is such that only the youthful Goethe is represented in the selections.

1 Mailied. Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur! 5 Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch, Und Freud’ und Wonne 10 Aus jeder Brust. O Erd’, o Sonne! O Glück, o Lust! O Lieb’, o Liebe, So golden schön. 15 Wie Morgenwolken Auf jenen Höhn! Du segnest herrlich Das frische Feld, Im Blütendampfe 20 Die volle Welt. O Mädchen, Mädchen, Wie lieb’ ich dich! Wie blickt dein Auge! Wie liebst du mich! 25 So liebt die Lerche Gesang und Luft, Und Morgenblumen Den Himmelsduft, Wie ich dich liebe 30 Mit warmem Blut, Die du mir Jugend Und Freud’ und Mut Zu neuen Liedern Und Tänzen gibst. 35 Sei ewig glücklich, Wie du mich liebst!
2 Willkommen und Abschied. Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht; Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht. 5 Schon stand im Nebelkleid die Eiche, Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah. Der Mond von einem Wolkenhügel 10 Sah kläglich aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr. Die Nacht schuf tausend Ungeheuer; Doch frisch und fröhlich war mein Mut: 15 In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Glut! Dich sah ich, und die milde Freude Floss von dem süssen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite, 20 Und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich—ihr Götter! Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht! 25 Doch ach, schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden, 30 Und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!