2 An Goethe.[1] Der du edel entbranntst, wo hochgelahrte Diener Justinians Banditen zogen, Die in Roms Labyrinthen Würgen das Recht der Vernunft; Freier Goethe, du darfst die goldne Fessel, Aus des Griechen Gesang geschmiedet, höhnen! Shakespeare dürft’ es und Klopstock, Söhne gleich ihm der Natur! Mag doch Heinrichs Homer,[2] im trägen Mohnkranz, Mag der grosse Corneill’, am Aristarchen— Trone knieend, das Klatschen Staunender Leutlein erflehn! Deutsch und eisern wie Götz, sprich Hohn den Schurken— Mit der Fessel im Arm! Des Sumpfes Schreier Schmäht der Leu zu zerstampfen, Wandelt durch Wälder und herrscht!
3 An Teuthard.[3] Trotz jedem Ausland stürmet Begeisterung In deutschen Seelen. Barden, ihr zeuget es, Die ihr von Sarons Palmen und von Heimischen Eichen euch Kränze wandet! 5 Mit schnellern Flügen als der Hesperier Und Brite flogt ihr, Barden des Vaterlands, Zu Bragas Gipfel! Noch war Dämmrung; Dämmrung zerflog, und die Mittagssonne Stand hoch am Himmel. —Muse Teutoniens, 10 Du bietest deiner Schwester, der Britin, Trotz Und überfleugst sie bald! Du lächelst, Muse, der gaukelnden Afterschwester, Die in den goldnen Sälen Lutetiens Ihr Liedchen klimpert. Schande dem Sohne Teuts, 15 Der’s durstig trinket, weil es Wollust Durch die entloderten Adern strömet! Kein deutscher Jüngling wähle das Mädchen sich, Das deutsche Lieder hasset und Buhlersang Des Galliers in ihre Laute 20 Tändelnde Silberaccorde tönet! Schwing deine Geissel, Sänger der Tugend, schwing Die Feuergeissel, welche dir Braga gab, Die Natternbrut, die unsre deutsche Redlichkeit, Keuschheit und Treue tötet, 25 Zurückzustäupen! Ich will, o Freund, indes, Wenn deine Geissel brauset, des tollen Schwarms Am Busen eines deutschen Mädchens Unter den Blumen des Frühlings lachen.
4 Lied eines deutschen Knaben. Mein Arm wird stark, und gross mein Mut, Gib, Vater mir ein Schwert! Verachte nicht mein junges Blut, Ich bin der Väter wert! 5 Ich finde fürder keine Ruh Im weichen Vaterland! Ich stürb, o Vater, stolz wie du, Den Tod fürs Vaterland! Schon früh in meiner Jugend war 10 Mein täglich Spiel der Krieg; Im Bette träumt’ ich nur Gefahr Und Wunden nur und Sieg. Mein Feldgeschrei erweckte mich Aus mancher Türkenschlacht; 15 Noch jüngst ein Faustschlag, welchen ich Dem Bassa zugedacht. Da neulich unsrer Krieger Schar Auf dieser Strasse zog, Und, wie ein Vogel der Husar 20 Das Haus vorüberflog: Da gaffte starr und freute sich Der Knaben froher Schwarm; Ich aber, Vater, härmte mich Und prüfte meinen Arm. 25 Mein Arm wird stark, und gross mein Mut, Gib, Vater, mir ein Schwert! Verachte nicht mein junges Blut, Ich bin der Väter wert!
5 Trinklied für Freie. Mit Eichenlaub den Hut bekränzt! Wohlauf! und trinkt den Wein, Der duftend uns entgegenglänzt! Ihn sandte Vater Rhein. 5 Ist einem noch die Knechtschaft wert, Und zittert ihm die Hand, Zu heben Kolbe, Lanz’ und Schwert, Wenn’s gilt fürs Vaterland: Weg mit dem Schurken, weg von hier! 10 Er kriech’ um Schranzenbrot, Und sauf’ um Fürsten sich zum Tier, Und bub’[4] und lästre Gott! Und putze seinem Herrn die Schuh, Und führe seinem Herrn 15 Sein Weib und seine Tochter zu Und trage Band und Stern! Für uns, für uns ist diese Nacht, Für uns der edle Trank! Man keltert’ ihn, als Frankreichs Macht 20 In Höchstädts[5] Tälern sank. Drum, Brüder, auf! den Hut bekränzt! Und trinkt, und trinkt den Wein, Der duftend uns entgegenglänzt! Uns sandt’ ihn Vater Rhein. 25 Uns rötet hohe Freiheitsglut, Uns zittert nicht die Hand, Wir scheuten nicht des Vaters Blut, Geböt’s das Vaterland. Uns, uns gehöret Hermann an, 30 Und Tell, der Schweizerheld, Und jeder freie deutsche Mann; Wer hat den Sand gezählt?
6 Vaterlandslied. Gesegnet mir, mein Vaterland, Wo ich so viele Tugend fand, Gesegnet mir, mein Vaterland! Die Männer haben Heldenmut, Verströmen Patriotenblut, Sind edel auch dabei und gut. Die Weiber sind den Engeln gleich, Es ist, fürwahr, ein Himmelreich, Ihr Preislichen, zu schauen euch. Sie lieben Zucht und Biedersinn. O selig Land, worin ich bin! O möcht’ ich lange leben drin!
7 Lob der Alten. Es leben die Alten, Die Mädchen und Wein Für Mittel gehalten Sich weislich zu freun! 5 Sie übten die Pflichten Des Biedermanns aus Und lachten in Züchten Beim nächtlichen Schmaus. Da lud man die Jugend 10 Zum Mahle mit ein, Und predigte Tugend Durch Taten allein; Man rühmte die Grossen, Die, tapfer und gut, 15 Kein andres vergossen Als feindliches Blut. Dem Lande zu Ehren Nahm jeder sein Glas; Vergnügen half’s leeren, 20 Doch hielten sie Mass, Und lachten sich nüchtern Und sangen in Ruh Von fröhlichen Dichtern Ein Liedchen dazu. 25 Um Mitternacht schieden Sie küssend vom Schmaus, Und kehrten in Frieden Zum Weibchen nach Haus. Es leben die Alten! 30 Wir folgen dem Brauch, Auf den sie gehalten, Und freuen uns auch.
8 Deutsches Trinklied. Auf, ihr meine deutschen Brüder, Feiern wollen wir die Nacht! Schallen sollen frohe Lieder, Bis der Morgenstern erwacht! 5 Lasst die Stunden uns beflügeln! Hier ist echter, deutscher Wein, Ausgepresst auf deutschen Hügeln Und gereift am alten Rhein! Wer im fremden Tranke prasset, 10 Meide dieses freie Land! Wer des Rheines Gabe hasset, Trik’ als Knecht am Marnestrand! Singt in lauten Wechselchören! Ebert, Hagedorn und Gleim 15 Sollen uns Gesänge lehren; Denn wir lieben deutschen Reim. Trotz geboten allen denen, Die, mit Galliens Gezier, Unsre Nervensprache höhnen! 20 Ihrer spotten wollen wir! Ihrer spotten! Aber, Brüder, Stark und deutsch, wie unser Wein, Sollen immer unsre Lieder Bei Gelag und Mahlen sein. 25 Unser Kaiser Joseph lebe! Biedermann und deutsch ist er. Hermanns hoher Schatten schwebe Waltend um den Enkel her, Dass er, mutig in Gefahren, 30 Sich dem Vaterlande weih’, Und in Kindeskinder-Jahren Muster aller Kaiser sei! Jeder Fürst im Lande lebe, Der es treu und redlich meint! 35 Jedem wackern Deutschen gebe Gott den wärmsten Herzensfreund, Und ein Weib in seine Hütte, Das ihm sei ein Himmelreich, Und ihm Kinder geb’, an Sitte 40 Seinen braven Vätern gleich! Leben sollen alle Schönen, Die, von fremder Torheit rein, Nur des Vaterlandes Söhnen Ihren keuschen Busen weihn! 45 Deutsche Redlichkeit und Treue Macht uns ihrer Liebe wert: Drum wohlauf! der Tugend weihe Jeder-sich, der sie begehrt!
9 An die Natur. Süsse, heilige Natur, Lass mich gehn auf deiner Spur! Leite mich an deiner Hand, Wie ein Kind am Gängelband! Wenn ich dann ermüdet bin, Rück ich dir am Busen hin, Atme süsse Himmelslust, Hangend an der Mutter Brust. Ach, mir ist so wohl bei dir! Will dich lieben für und für. Lass mich gehn auf deiner Spur, Süsse, heilige Natur!
10 Frühlingslied. Die Luft ist blau, das Tal ist grün, Die kleinen Maienglocken blühn Und Schlüsselblumen drunter; Der Wiesengrund Ist schon so bunt Und malt sich täglich bunter. Drum komme, wem der Mai gefällt, Und freue sich der schönen Welt Und Gottes Vatergüte, Die diese Pracht Hervogebracht, Dem Baum und seine Blüte.

[1.] The ode, written in 1773, alludes to Goethe’s newly published Götz, in which there are some drastic comments on German legal procedure under the Code Justinian.