„Ich muß mir nur[15-2] einmal die Wirtschaft hier ansehen, Ihr Leute,“ sagte der zweite Tenor, „denn das ist immer das erste,“[15-3] und fort war er. Nach einer starken Viertelstunde kam er von seiner Entdeckungsreise zurück.

„Nun, wie schaut’s[15-4] aus?“ riefen die zwei andern Studenten.

„Wie’s ausschaut? Gar nicht ausschauen thut’s.[15-5] Draußen heult’s und stürmt’s, und wenn’s so fortmacht, so sind wir morgen alle hier eingeschneit, daß an ein Fortkommen nicht zu denken ist. Das ist das erste. Zum[15-6] andern: mit dem Schlafen ist’s alle[15-7] für diese Nacht. Der bessere und schönere Teil der menschlichen Gesellschaft, diese Damen hier, werden auf Stroh schlafen. Für Mannspersonen aber ist kein Raum in dieser Hütte. Das einzige Bett hat ein natureller Engländer inne, und zu seinen Füßen wird sein Sancho Pansa[15-8] schlafen, ein Rotkopf, sage ich Euch, so brennend, daß man die Pfeife an ihm anzünden kann. Der Engländer kocht sich eben seinen Thee auf höchsteigner Maschine, und der Rotkopf hilft ihm. Er fragte mich, da die Thür offen stand, etwas auf englisch, und ich sagte ihm mein einziges englisches Wort, aber fein,[15-9] ‚Yes’ sagte ich, und damit war’s gut.[15-10]—Aber das beste habt Ihr nicht gesehen: Da hinten[15-11] sitzt Euch[15-12] in einem Mordsqualm eine Stube voll biedrer[15-13] Leute bei einander, alte und junge, Kerls[16-1] wie die Gemsböcke und wie die alten Tannen mit weißem Flechtenmoos behaftet, und dazwischen am Spinnrocken sitzt ein Mägdlein mit treuherzigen blauen Augen. Die erzählen sich[16-2] Geschichten, aber zu verstehen ist[16-3] kein Wort. Aber in der Küche da prasselt’s,[16-4] da giebt’s Kaiserschmarren und Krapfen. Zu essen giebt’s genug, das ist immerhin anerkennenswert. Wir bleiben hier unten[16-5] und richten uns häuslich ein für diese Nacht. So, nun wißt Ihr Bescheid, und die Verhandlung kann beginnen. Herr Assessor—comment[16-6] trouvez-vous cela?—sagt der Franzose, und der Deutsche fragt: „Um Vergebung, was ist Ihre geneigte Ansicht hierüber?“

Der zweite Tenor sprach das alles in einem Atemzug und so drollig, daß alle lachten. Der Assessor war verblüfft; er hatte sich im stillen schon auf sein Zimmer gefreut, um dort allerhand chirurgische Operationen vorzunehmen, mit denen sein Ranzen in genauer Verbindung stand.

Bald dampften die Schüsseln auf dem Tische, denn alle[16-7] hatten sich zu einem einzigen vereint, und der Assessor saß mitten unter den jungen Mädchen, zu seiner Rechten das ältere Fräulein. Die Studenten teilten sich mit dem jungen Eheherrn in die anderen. Das Gespräch war lebendig, jeder wußte von Abenteuern, von Gemsjägern und Sennerinnen zu erzählen, und am[16-8] aufgeräumtesten war der Assessor.

Nach dem Imbiß baten die Damen, es[16-9] möchten doch die Studenten wieder ein Lied singen, wie damals im Stellwagen. Schnell waren diese bei der Hand, und fröhlich klangen die Terzette durch den warmen Raum. Unvermerkt hatte sich[17-1] die Thür aufgethan, und aus der hintern Stube waren die Insassen hergewandert, als sie vorne singen hörten. Der alte Führer des Assessors vorndran, und zwischendrin die flachsköpfige Spinnerin.

„Dös sollt’ mi doch rechtschaffen Wunder nehma, wenn mein Herr[17-2] singen könnt’,“ sagte der Alte. „Der giebt sonst koan Laut[17-3] von sich“—und wirklich, er sang zu seinem eigenen und des Führers Erstaunen. Er hatte ja eine herrliche Baritonstimme, aber seit Jahren hatte er kein Lied mehr gesungen, wie er behauptete. Aber hier bei den fröhlichen Stimmen gingen ihm Herz und Lippen auf. Zur Vorsorge hatten die Studios noch Noten für eine vierte Stimme mit, wenn je einmal sich noch ein Musikant unterwegs zum Quartett fände.[17-4] Es[17-5] waren ja alte, liebe Lieder, die sie sangen, die er einst auch in jüngeren Tagen bei Ständchen und Morgengrüßen gesungen. Fröhlich klang das alte Quartett:

Mir ist auf der Welt nichts lieber[17-6]
Als das Stübchen, wo ich bin,
Denn da wohnt mir gegenüber
Eine schöne Nachbarin!

„Herr Assessor, Ihre schöne Nachbarin in Buchau soll[17-7] leben!“ rief der muntere zweite Tenor, „die Tochter des Landgerichtspräsidenten.“

„Der[17-8] ist leider selbst noch ledig,“ antwortete trocken der Assessor. „Mir wohnt nichts[17-9] gegenüber als ein Schmied, dessen Gesellen mich morgens um vier Uhr aus dem süßen Schlummer jagen, das ist eine grausame Nachbarschaft.“