„Das will ich gerade, Lena. Ich will Mensch sein, ganzer, voller Mensch, und hingehen, wo mich niemand kennt und ahnt, daß ich ein Beamter bin.“
„A Mensch will er sein,“ murmelte die Lena vor[5-9] sich, „sonst hat er als[5-10] gesagt, daß er a Aktenvieh sei.“
„Morgen geht’s[5-11] fort, Lena, hier sind die Schlüssel, und wecken thust mich auch, denn ich muß fort,[5-12] eh’ mich einer von den Herren hier sieht.“
„Da haben’s völlig recht,“ meinte die Lena, „denn koan Mensch thät’s Ihna für unsern gnädigen[6-1] Herrn halten.“
Des Morgens früh blies der himmelblaue[6-2] Postillon hinaus in die frische Morgenluft. Der Postexpeditor schmunzelte, als er den Landgerichtsassessor so „verputzelt“ sah und wünschte „allerseits[6-3] eine glückliche Reise.“ Nach fünf Stunden saß die graue Joppe im Eisenbahncoupé und that völlig fremd den Reisenden gegenüber.
Und wieder saßen derweilen im Zuge von Stuttgart[6-4] her eine trotz ihrer Dreißig noch jugendlich aussehende Dame mit drei gleichgekleideten jungen Mädchen von fünfzehn bis siebzehn Jahren. Wer[6-5] sich einigermaßen auf Menschen zu verstehen glaubte, dem schien es ganz klar: „Institutsvorsteherin nebst drei Pflegebefohlenen.“ Die letzteren mußten wohl von denen[6-6] sein, die zur geringen Freude der ersteren auch die großen Ferien dableiben, weil ihre Eltern selbst verreist sind. Anna, Lina und Elsa hießen die drei Mädchen, die immer lachten, wenn[6-7] sie der Blick ihrer Hüterin nicht traf. Denn alles kam ihnen lächerlich vor. Jugendlust und Freude, Unschuld und Kindlichkeit schauten aus den[6-8] Augen, sie schienen so froh, dem[6-9] Schulszepter entronnen zu sein, und wären,[6-10] wenn man sie aufs Gewissen gefragt hätte, am liebsten allein gereist. Und doch schaute die Dame nicht grämlich drein; nur dann, wenn[6-11] das Lachen zu toll wurde, oder wenn eine aus der wohlgefüllten Reisetasche einen allzugroßen Brocken hinunterwürgen wollte, sah sie mahnend auf. Wenn sie aber still einmal schlief, da zuckte es[7-1] über die schönen Züge wie Sonnenschein, als dächte[7-2] sie ihrer eigenen schönen Jugendtage.
So verschieden diese sämtlichen Reisenden auszogen, keiner dachte, daß sie sich alle an einem[7-3] Orte unter einem Dache finden würden, und doch geschah es so. Alle hatten dasselbe Ziel gewählt: das Salzkammergut.[7-4] Die einen wollten von da über die Tauern[7-5] hinuntersteigen nach Kärnthen[7-6] und von da hinab nach Italien—die andern kamen schon daher und wollten den Weg durchs Salzkammergut zurück.[7-7]
Die Studenten waren im Stellwagen, der von Werfen[7-8] nach Lend fährt, bereits mit der „Institutsvorsteherin“ bekannt geworden, die mit ihren Pflegebefohlenen vorn im Coupé saß. Aber freilich nicht so,[7-9] daß sie einander gesehen hätten. Das[7-10] geschah aber so: Auf der Fahrt flatterte ein blauer Schleier aus dem Coupé lustig heraus am Wagen hin, worin hinten die Studios saßen. Da dachte der eine:[7-11] „Wer mag wohl[7-12] hinter dem blauen Schleier sein?“ Er träumte sich in den Gedanken hinein und zuletzt ward[7-13] der Schleier bei seiner Flatterhaftigkeit[7-14] festgehalten und mittelst einer Stecknadel ihm ein beschriebener Zettel angesteckt. Der Vers war von den dreien in Kompagnie geschmiedet und lautete: