Blauer Schleier—blauer Himmel!
Blaue Augen—blauer See!
Mir[8-1] wird wohl im Weltgetümmel,
Wenn ich nur was[8-2] blaues seh’!
Blaue Augen! meine Wahl—
Seid gegrüßt viel’ tausendmal!

Er flatterte hinüber und ward dort angehalten. Man hörte von drüben nichts als ein Kichern und Lachen, und bald darauf flatterte der Schleier wieder hinaus in die Luft. Ein neuer Zettel war angesteckt. Und darauf stand:

Fehlgetroffen![8-3] Nichts von Bläue,
Weder Aug’ noch sonst etwas!
Unter’m Hut ein altes Fräulein!
Sagt, Ihr[8-4] Herr’n, gefiel[8-5] Euch das?

Wieder ward der Schleier von den dreien gefangen, der Zettel abgenommen und bald flatterte wieder ein neuer Vers hinüber:

Auch ein altes, graues Fräulein
Ist uns lieb und ehrenwert—
Ist[8-6] nur unter’m blauen Schleier
Ihr ein junges Herz beschert!—

Noch zweimal ging der Schleier hin und her; den[8-7] Studenten ging aber allmählich die Poesie aus, und sie zogen die Liederbücher hervor und fingen an zu singen. Im ganzen Stellwagen ward’s still, als die frischen Studentenlieder[8-8] so hinaus in die Luft schmetterten.

Als man in Lend ausstieg, wo sich der Weg teilt nach der Gastein[9-1] durch die finstere Klamm, und nach Zell[9-2] am See dem Pinzgau[9-3] zu—trafen die Studenten mit ihren Korrespondentinnen zusammen. Der zweite Tenor schritt auf die „Vorsteherin“ zu[9-4] und entschuldigte sich in wohlgesetzten Ausdrücken über[9-5] die Freiheit, die sie sich erlaubt. „Sie haben sich nicht zu entschuldigen, Sie haben uns durch Ihre Verse und Ihren Gesang die Fahrt verschönert. Hier in der herrlichen Natur ist auch dem Menschen mehr gestattet als in den dumpfen Städten,“ antwortete das Fräulein. Die drei jungen Mädchen kicherten sich[9-6] wieder an, als sie die flotten Poeten sahen und gaben verlegen Antwort auf ihre Fragen. Nach einer Stunde trennte man sich.[9-7] Die Studenten zogen dem Pinzgau zu, das Fräulein mit ihrem Anhang hinauf nach Gastein. Man wünschte sich[9-8] allerseits eine glückliche Reise. Die Studenten sangen am Postwagen noch eins[9-9] von den blauen Augen:

Meiner Liebsten blaue Augen
Sind dem schönsten Azur gleich,
Und ein Blick in diese Augen
Ist ein Blick ins Himmelreich ...

Die blauen Schleier nickten dankend und fuhren hinauf den steilen Weg.—