Auf dem Pasterzengletscher,[9-10] der sich hinter dem Fuscherthal[9-11] hinaufdehnt, schritt eine hagere Gestalt in verwittertem[9-12] Lodenkittel, grünen, hohen Strümpfen und spitzem Hut einem etwas behäbigen Herrn voran, der öfters stehen blieb und sich[10-1] den Schweiß von der Stirn wischte. So sicher der Alte trotz des schweren Ranzens und dicken Plaids einherstieg, immer schweigend und ruhig voran, so keuchend kam der zweite hinterher. Das Alpensteigen schien ihm ein ungewohntes Geschäft und Vergnügen zu sein, und er machte ein so verzweifeltes Gesicht, als wollte[10-2] er zu sich selber sagen: „Das war wieder einmal ein mordsdummer Streich von dir, daß du dich hast da hinauf locken lassen,[10-3] du hättest[10-4] auch die Berge von unten ansehen können.“ Aber jetzt war[10-5] nichts mehr zu machen, zurück war der Weg noch mühsamer als hinauf, darum vorwärts über den Schnee und die Eisschrunden!

„Geben’s fein Obacht, daß[10-6] nit fall’n und nit z’ lang stehen bleiben! Dös thut koan gut,“ mahnte der alte Führer.

„Ja, Ihr[10-7] habt gut reden,“ keuchte der Hintermann. „Ihr seid die Sach’ gewohnt, aber unsereins,[10-8] was alleweil in der Stuben sitzt, brächt’s[10-9] halt nit fertig.“

Der geneigte Leser merkt, wen er vor sich hat. Es ist unser Landgerichtsassessor, der so keucht und spricht. Hundertmal hat er schon den Pasterzengletscher und alle anderen Gletscher in der Welt verwünscht und an seine Lena gedacht, die es jetzt so gut habe,[10-10] weil ihr Herr fort sei, und er hatte sich doch[10-11] so auf die Sommerfrische gefreut und sich einmal recht „auslaufen“ wollen. Jetzt that ihm jeder Knochen weh, und nur eins tröstete ihn: eine Rast im Tauernhause,[10-12] die ihm in baldige Aussicht gestellt wurde.

Sie[11-1] sollte ihm eher, als er dachte, zu teil werden.

Der alte Führer stand nämlich plötzlich still, schaute nach allen Seiten hin und witterte wie ein Gemsbock in die Luft hinaus. Er beobachtete genau den Zug der Wolken, den Schnee unter den Füßen und die einzelnen Bergspitzen. Der Landgerichtsassessor spitzte auch die Ohren so hoch wie sein spitziger Tyrolerhut, aber er merkte trotz allen Spitzens[11-2] nichts. Endlich brach der Alte das Schweigen und sagte: „Gnädiger[11-3] Herr! Können’s Ihnen nit a bissel anstrengen? Es ist so a Schneetreiben im Anzug und gut wär’s schon, wenn m’r unterkimmet!“ Das fuhr dem Assessor in die Glieder, denn er hatte in Geschichten schauriges vom Schneetreiben gelesen. „’s ist doch[11-4] nicht gefährlich?“ sagte er halblaut.

„Ha, g’fährlich is[11-5] rechtschaffen schon, wenn wir noch auf’m Eis sind. Aber so schnell kommt’s grad nit.“

Der Assessor vergaß seine Blasen und seine nassen Füße und trieb zur Eile. Der Alte verbiß sich das Lachen über seinen Trabanten. Sie stiegen rüstig zu. Ringsumher ward es immer finsterer, die Bergspitzen gingen in leichtes Grau über, und dem Assessor jagten schon einzelne spitzige, eisharte Körner ins Gesicht. „Das ist der Anfang vom Schneetreiben,“ sagte er vor sich hin,[11-6] und vor seinem Geiste stand die behagliche Amtsstube in Buchau, wo im Winter der Buchklotz knallte und der Amtsdiener fragte: „’s wird[11-7] dem Herrn Assessor doch nicht zu kalt sein?“—Nach stundenlangem Marsche, auf welchem jeder so seine eigenen Gedanken hatte, während der Schnee immer dichter fiel, zeigte sich in der Ferne ein Haus.

„Dös ist das Tauernhaus, gnädiger Herr, do können’s Ihna ausruhen.“

„Wie weit ist’s noch bis hin?“[12-1] fragte der Assessor.