Ich fragte meine Schöne:
Wie soll mein Lied dich nennen?
Soll dich als Dorimana,
Als Galathee, als Chloris,
Als Lesbia, als Doris, 5
Die Welt der Enkel kennen?
Ach! Namen sind nur Töne;
Sprach meine holde Schöne,
Wähl' selbst. Du kannst mich Doris,
Und Galathee und Chloris 10
Und —— wie du willst mich nennen:
Nur nenne mich die deine.
The German original is printed in the Notes to P. W., 1893, pp. 619, 620.
K
[Vide ante, p. 327]
STOLBERG
Hymne an die Erde.
Erde, du Mutter zahlloser Kinder, Mutter und Amme!
Sei mir gegrüsst! Sei mir gesegnet im Feiergesange!
Sieh, O Mutter, hier lieg' ich an deinen schwellenden Brüsten!
Lieg', O Grüngelockte, von deinem wallenden Haupthaar
Sanft umsäuselt und sanft geküsst von thauenden Lüften! 5
Ach, du säuselst Wonne mir zu, und thauest mir Wehmuth
In das Herz, dass Wehmuth und Wonn' aus schmelzender Seele
Sich in Thränen und Dank und heiligen Liedern ergiessen!
Erde, du Mutter zahlloser Kinder, Mutter und Amme!
Schwester der allesfreuenden Sonne, des freundlichen Mondes 10
Und der strahlenden Stern', und flammenbeschweiften Kometen,
Eine der jüngsten Töchter der allgebärenden Schöpfung,
Immer blühendes Weib des segenträufelnden Himmels!
Sprich, O Erde, wie war dir als du am ersten der Tage
Deinen heiligen Schooss dem buhlenden Himmel enthülltest? 15
[[1131]]Dein Erröthen war die erste der Morgenröthen,
Als er im blendenden Bette von weichen schwellenden Wolken
Deine gürtende Binde mit siegender Stärke dir löste!
Schauer durchbebten die stille Natur und tausend und tausend
Leben keimten empor aus der mächtigen Liebesumarmung. 20
Freudig begrüssten die Fluthen des Meeres neuer Bewohner
Mannigfaltige Schaaren; es staunte der werdende Wallfisch
Ueber die steigenden Ströme die seiner Nasen entbrausten;
Junges Leben durchbrüllte die Auen, die Wälder, die Berge,
Irrte blökend im Thal, und sang in blühenden Stauden. 25
The German original is printed in the Notes to P. W., 1893, p. 615.