In der Tat, sehr lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und den Pöbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiden es desto bequemer haben. Ohne Anstand16, recht schnakische17 Anstalten! Kommen wir für, wie die Hecken die meine Bauren gar schlau um ihre Felder herumführen, daß ja kein Hase drüber setzt, ja beileibe kein Hase! — Aber der gnädige Herr gibt seinem Rappen den Sporn, und galoppiert weich über der Weiland18 Ernte.

Armer Hase! Es ist doch eine jämmerliche Rolle, der Hase sein müssen auf dieser Welt — Aber der gnädige Herr braucht Hasen!

Also frisch drüber hinweg! Wer nichts fürchtet, ist nicht weniger mächtig als der, den alles fürchtet. Es ist itzo die Mode, Schnallen an den Beinkleidern zu tragen, womit man sie nach Belieben weiter und enger schnürt. Wir wollen uns ein Gewissen nach der neuesten Facon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen wie wir zulegen. Was können wir dafür? Geht zum Schneider! Ich habe Langes und Breites von einer sogenannten Blutliebe19 schwatzen gehört, das einem ordentlichen Hausmann20 den Kopf heiß machen könnte — Das ist dein Bruder! — das ist verdolmetscht; Er ist aus eben dem Ofen geschossen worden, aus dem du geschossen bist — also sei er dir heilig! — Merkt doch einmal diese verzwickte Konsequenz, diesen possierlichen Schluß von der Nachbarschaft der Leiber auf die Harmonie der Geister; von eben derselben Heimat zu eben derselben Empfindung; von einerlei Kost zu einerlei Neigung. Aber weiter — es ist dein Vater! Er hat dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut — also sei er dir heilig! Wiederum eine schlaue Konsequenz! Ich möchte doch fragen, warum hat er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir, der erst ein Ich werden sollte? Hat er mich gekannt ehe er mich machte? Oder hat er an mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er mich gewünscht, da er mich machte? Wußte er was ich werden würde? das wollt ich ihm nicht raten, sonst möcht ich ihn dafür strafen, daß er mich doch gemacht hat? Kann ichs ihm Dank wissen, daß ich ein Mann wurde? So wenig als ich ihn verklagen könnte, wenn er ein Weib aus mir gemacht hätte. Kann ich eine Liebe erkennen, die sich nicht auf Achtung gegen mein Selbst gründet? Konnte Achtung gegen mein Selbst vorhanden sein, das erst dadurch entstehen sollte, davon es die Voraussetzung sein muß? Wo stickt21 dann nun das Heilige? Etwa im Aktus22 selber durch den ich entstund? — Als wenn dieser etwas mehr wäre als viehischer Prozeß zur Stillung viehischer Begierden? Oder stickt es vielleicht im Resultat dieses Aktus, der doch nichts ist als eiserne Notwendigkeit, die man so gern wegwünschte, wenns nicht auf Unkosten von Fleisch und Blut geschehn müßte? Soll ich ihm etwa darum gute Worte geben, daß er mich liebt? das ist eine Eitelkeit von ihm, die Schoßsünde23 aller Künstler, die sich in ihrem Werk kokettieren24, wär es auch noch so häßlich. — Sehet also das ist die ganze Hexerei, die ihr in einen heiligen Nebel verschleiert unsre Furchtsamkeit zu mißbrauchen. Soll auch ich mich dadurch gängeln lassen wie einen Knaben?

Frisch also! mutig ans Werk! — Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt daß ich nicht Herr bin. Herr muß ich sein, daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht

ab.

ZWEITE SZENE

Schenke an den Grenzen von Sachsen.

Karl V. Moor in ein Buch vertieft. Spiegelberg trinkend am Tisch.

KARL V. MOOR

legt das Buch weg.