D. A. MOOR
Oh — meine Aussichten! Meine goldenen Träume!
FRANZ
Das weiß ich wohl. Das ist es ja was ich eben sagte. Der feurige Geist, der in dem Buben lodert, sagtet ihr immer, der ihn für jeden Reiz von Größe und Schönheit so empfindlich macht; diese Offenheit die seine Seele auf dem Auge spiegelt, diese Weichheit des Gefühls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt, dieser männliche Mut der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen treibet, und über Gräben und Palisaden und reißende Flüsse jagt, dieser kindische Ehrgeiz, dieser unüberwindliche Starrsinn, und alle diese schöne glänzende Tugenden, die im Vatersöhnchen keimten, werden ihn dereinst zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem trefflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem großen großen Manne machen — seht ihrs nun Vater! — der feurige Geist hat sich entwickelt, ausgebreitet, herrliche Früchte hat er getragen. Seht diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat, seht diese Weichheit, wie zärtlich sie für Koketten girret, wie so empfindsam für die Reize eine Phryne! Seht dieses feurige Genie, wie es das Öl seines Lebens in sechs Jährgen so rein weggebrannt hat, daß er bei lebendigem Leibe umgeht3, und da kommen die Leute, und sind so unverschämt zu sagen: c’est l’amour qui a fait ça!4 Ah! seht doch diesen kühnen unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt, vor denen die Heldentaten eines Kartouches und Howards verschwinden! — Und wenn erst diese prächtigen Keime zur vollen Reife erwachsen, — was läßt sich auch von einem so zarten Alter Vollkommenes erwarten? — Vielleicht Vater erlebet ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Wälder residieret, und dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte der Bürde erleichtert — vielleicht könnt ihr noch, eh ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt nach seinem Monumente tun, das er sich zwischen Himmel und Erden errichtet — vielleicht, o Vater, Vater, Vater — seht euch nach einem andern Namen um, sonst deuten Krämer und Gassenjungen mit Fingern auf euch, die euren Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplaz im Portrait gesehen haben.
D. A. MOOR
Und auch du mein Franz auch du? O meine Kinder! Wie sie nach meinem Herzen zielen!
FRANZ
Ihr seht, ich kann auch witzig sein, aber mein Witz ist Skorpionstich. — Und dann der trockne Alltagsmensch, der kalte, hölzerne Franz, und wie die Titelgen alle heißen mögen, die euch der Kontrast zwischen ihm und mir mocht eingegeben haben, wenn er euch auf dem Schoße saß oder in die Backen zwickte — der wird einmal zwischen seinen Grenzsteinen sterben, und modern und vergeßen werden, wenn der Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt — Ha! mit gefaltnen Händen dankt dir o Himmel! der kalte, trockne, hölzerne Franz — daß er nicht ist wie dieser!
D. A. MOOR
Vergib mir mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der sich in seinen Planen5 betrogen findet. Der Gott der mir durch Karln Tränen zusendet, wird sie durch dich mein Franz aus meinen Augen wischen.