Mirjam ging zur Tür. Ehe sie die Klinke berührte, stand sie noch ein wenig still und steckte den Kopf über den Türrahmen in die Richtung, in der Mac verschwunden war. Dann schloß Mirjam die Tür mit hartem Schlag und sagte: „Das ist der Wind!”

Mendel stellte sich ans Fenster. Er sah zu, wie der Schatten des Abends die Wand hinankroch. Er hob den Kopf und betrachtete den goldüberglänzten First des Hauses gegenüber. Er stand lange so, die Stube, sein Weib, seine Tochter Mirjam und den kranken Menuchim im Rücken. Er fühlte sie alle und ahnte jede ihrer Bewegungen. Er wußte, daß Deborah den Kopf auf den Tisch legte, um zu weinen, daß Mirjam ihr Gesicht dem Herd zukehrte und daß ihre Schultern dann und wann zuckten, obwohl sie gar nicht weinte. Er wußte, daß seine Frau nur auf den Augenblick wartete, in dem er nach seinem Gebetbuch griff, um ins Bethaus zu gehen, das Abendgebet sagen, und Mirjam den gelben Schal nahm, um zu den Nachbarn hinüberzueilen. Dann wollte Deborah den Zehn-Dollar-Schein, den sie immer noch in der Hand hielt, unter dem Dielenbrett vergraben. Er kannte das Dielenbrett, Mendel Singer. Sooft er es betrat, verriet es ihm knarrend das Geheimnis, das es deckte, und erinnerte ihn an das Knurren der Hunde, die Sameschkin vor seinem Stall angebunden hielt. Er kannte das Brett, Mendel Singer. Und um nicht an die schwarzen Hunde Sameschkins denken zu müssen, die ihm unheimlich waren, lebendige Gestalten der Sünde, vermied er es, auf das Brett zu treten, wenn er nicht gerade vergeßlich war und im Eifer des Unterrichtens durch die Stube wanderte. Wie er so den goldenen Streifen der Sonne immer schmaler werden sah und vom First des Hauses auf das Dach gleiten und von hier auf den weißen Schornstein, glaubte er, zum ersten Mal in seinem Leben deutlich das lautlose und tückische Schleichen der Tage zu fühlen, die trügerische Hinterlist des ewigen Wechsels von Tag und Nacht und Sommer und Winter und das Rinnen des Lebens, gleichförmig, trotz allen erwarteten wie überraschenden Schrecken. Sie wuchsen nur an den wechselreichen Ufern, an ihnen vorbei strich Mendel Singer. Es kam ein Mann aus Amerika, lachte, brachte einen Brief, Dollars und Bilder von Schemarjah und verschwand wieder in den verschleierten Gebieten der Ferne. Die Söhne verschwanden: Jonas diente dem Zaren in Pskow und war kein Jonas mehr. Schemarjah badete an den Ufern des Ozeans und hieß nicht mehr Schemarjah. Mirjam sah dem Amerikaner nach und wollte auch nach Amerika. Nur Menuchim blieb, was er gewesen war, seit dem Tage seiner Geburt: ein Krüppel. Und Mendel Singer selbst blieb, was er immer gewesen war: ein Lehrer.

Die schmale Gasse verdunkelte sich vollends und belebte sich gleichzeitig. Die dicke Frau des Glasermeisters Chaim und die neunzigjährige Großmutter des längst verstorbenen Schlossers Jossel Kopp brachten ihre Stühle aus den Häusern, um sich vor den Türen hinzusetzen und die frische Abendstunde zu genießen. Die Juden eilten schwarz und hastig und mit flüchtig gemurmelten Grüßen ins Bethaus. Da wandte sich Mendel Singer um, er wollte sich ebenfalls auf den Weg machen. Er ging an Deborah vorbei, deren Kopf immer noch auf dem harten Tisch lag. Ihr Gesicht, das Mendel schon seit Jahren nicht mehr leiden konnte, war jetzt vergraben, wie eingebettet in das harte Holz, und die Dunkelheit, die das Zimmer zu erfüllen begann, deckte auch die Härte und die Schüchternheit Mendels zu. Seine Hand huschte über den breiten Rücken der Frau, vertraut war ihm dieses Fleisch einmal gewesen, fremd war es ihm jetzt. Sie erhob sich und sagte: „Du gehst beten!” Und da sie an etwas anderes dachte, wandelte sie mit einer fernen Stimme den Satz ab und wiederholte: „Beten gehst du!”

Mit ihrem Vater zugleich verließ Mirjam im gelben Schal das Haus und begab sich zu den Nachbarn.

Es war die erste Woche im Monat Ab. Die Juden versammelten sich nach dem Abendgebet, um den Neumond zu begrüßen, und weil die Nacht angenehm war und ein Labsal nach dem heißen Tage, folgten sie ihren gläubigen Herzen williger als gewöhnlich und dem Gebot Gottes, die Wiedergeburt des Mondes auf einem freien Platz zu begrüßen, über dem sich der Himmel weiter und umfangreicher wölbt als über den engen Gassen des Städtchens. Und sie hasteten, stumm und schwarz, in regellosen Grüppchen, hinter die Häuser, sahen in der Ferne den Wald, der schwarz und schweigsam war wie sie, aber ewig in seinem verwurzelten Bestand, sahen die Schleier der Nacht über den weiten Feldern und blieben schließlich stehen. Sie blickten zum Himmel und suchten das gekrümmte Silber des neuen Gestirns, das heute noch einmal geboren wurde, wie am Tage seiner Erschaffung. Sie schlossen sich zu einer dichten Gruppe, schlugen ihre Gebetbücher auf, weiß schimmerten die Seiten, schwarz starrten die eckigen Buchstaben vor ihren Augen in der nächtlich-bläulichen Klarheit, und sie begannen, den Gruß an den Mond zu murmeln und die Oberkörper hin und her zu wiegen, daß sie aussahen wie von einem unsichtbaren Sturm gerüttelt. Immer schneller wiegten sie sich, immer lauter beteten sie, mit kriegerischem Mut warfen sie zu dem fernen Himmel ihre urheimischen Worte. Fremd war ihnen die Erde, auf der sie standen, feindlich der Wald, der ihnen entgegenstarrte, gehässig das Kläffen der Hunde, deren mißtrauisches Gehör sie geweckt hatten, und vertraut nur der Mond, der heute in dieser Welt geboren wurde wie im Lande der Väter, und der Herr, der überall wachte, daheim und in der Verbannung.

Mit einem lauten „Amen” beschlossen sie den Segen, reichten einander die Hände und wünschten sich einen glücklichen Monat, Gedeih den Geschäften und Gesundheit den Kranken. Sie zerteilten sich, sie liefen einzeln nach Haus, verschwanden in den Gäßchen hinter den kleinen Türen ihrer schiefen Hütten. Nur ein Jude blieb zurück, Mendel Singer.

Seine Gefährten mochten sich erst vor wenigen Minuten verabschiedet haben, aber ihm war es, als stünde er schon seit einer Stunde da. Er atmete die ungestörte Ruhe in der Freiheit, machte ein paar Schritte, fühlte sich matt, bekam Lust, sich auf den Boden zu legen, und hatte Angst vor der unbekannten Erde und dem gefahrvollen Gewürm, das sie höchstwahrscheinlich beherbergte. Sein verlorener Sohn Jonas kam ihm in den Sinn. Jonas schlief jetzt in einer Kaserne, auf dem Heu, in einem Stall, vielleicht neben Pferden. Sein Sohn Schemarjah lebte jenseits des Wassers: Wer war weiter, Jonas oder Schemarjah? Deborah hatte daheim schon die Dollars vergraben, und Mirjam erzählte jetzt den Nachbarn die Geschichte von dem Besuch des Amerikaners.

Die junge Mondsichel verbreitete bereits einen starken, silbernen Glanz, treu begleitet von dem hellsten Stern des Himmels glitt sie durch die Nacht. Manchmal heulten die Hunde und erschreckten Mendel. Sie zerrissen den Frieden der Erde und vergrößerten Mendel Singers Unruhe. Obwohl er kaum fünf Minuten von den Häusern des Städtchens entfernt war, kam er sich unendlich weit von der bewohnten Welt der Juden vor, unsagbar einsam, von Gefahren bedroht und dennoch außerstande zurückzugehen. Er wandte sich nach Norden: Da atmete finster der Wald. Rechts dehnten sich viele Werst weit die Sümpfe mit den vereinzelten, silbernen Weiden. Links lagen die Felder unter opalenen Schleiern. Manchmal glaubte Mendel, einen menschlichen Laut aus unbestimmbarer Richtung zu vernehmen. Er hörte bekannte Leute reden, und es war ihm auch, als ob er sie verstünde. Dann erinnerte er sich, daß er diese Reden schon längst gehört hatte. Er begriff, daß er sie jetzt nur noch einmal vernahm, lediglich ihr Echo, das so lange in seinem Gedächtnis gewartet hatte.

Auf einmal rauschte es links im Getreide, obwohl sich kein Wind erhoben hatte. Es rauschte immer näher, jetzt konnte Mendel auch sehen, wie sich die mannshohen Ähren bewegten, zwischen ihnen mußte ein Mensch schleichen, wenn nicht ein riesiges Tier, ein Ungetüm. Davonlaufen wäre wohl richtig gewesen, aber Mendel wartete und bereitete sich auf den Tod vor. Ein Bauer oder ein Soldat würde jetzt aus dem Korn treten, Mendel des Diebstahls bezichtigen und auf der Stelle erschlagen, mit einem Stein vielleicht. Es könnte auch ein Landstreicher sein, ein Mörder, ein Verbrecher, der nicht belauscht und beobachtet sein wollte. „Heiliger Gott!”, flüsterte Mendel. Da hörte er Stimmen. Es waren zwei, die durch das Getreide gingen, und daß es nicht einer war, beruhigte den Juden, obwohl er sich gleichzeitig sagte, daß es eben zwei Mörder sein dürften. Nein, es waren keine Mörder, es war ein Liebespaar. Eine Mädchenstimme sprach, ein Mann lachte. Auch Liebespaare konnten gefährlich werden, es gab manches Beispiel dafür, daß ein Mann rasend wurde, wenn er einen Zeugen seiner Liebe ergriff. Bald mußten die beiden aus dem Felde treten. Mendel Singer überwand seinen furchtsamen Ekel vor dem Gewürm der Erde und legte sich sachte hin, den Blick auf das Getreide gerichtet. Da teilten sich die Ähren, der Mann trat zuerst hervor, ein Mann in Uniform, ein Soldat mit dunkelblauer Mütze, gestiefelt und gespornt, das Metall blinkte und klingelte leise. Hinter ihm leuchtete ein gelber Schal auf, ein gelber Schal, ein gelber Schal. Eine Stimme erklang, die Stimme des Mädchens. Der Soldat wandte sich um, legte seinen Arm um ihre Schultern, jetzt öffnete sich der Schal, der Soldat ging hinter dem Mädchen, die Hände hielt er an ihrer Brust, eingebettet in den Soldaten ging das Mädchen.

Mendel schloß die Augen und ließ das Unglück im Finstern Vorbeigehen. Hätte er nicht Angst gehabt, sich zu verraten, er hätte sich auch gern die Ohren verstopft, um nicht hören zu müssen. So aber mußte er hören: schreckliche Worte, silbernes Klirren der Sporen, leises, wahnsinniges Kichern und ein tiefes Lachen des Mannes. Sehnsüchtig erwartete er jetzt das Kläffen der Hunde. Wenn sie nur laut heulen wollten, sehr laut heulen sollten sie! Mörder hatten aus dem Getreide zu treten, um ihn zu erschlagen. Die Stimmen entfernten sich. Stille war es. Fort war alles. Nichts war gewesen.