„Du kannst überhaupt nicht allein fahren”, sagte, Müdigkeit in der Stimme und Bangnis im Herzen, Mendel Singer. „Ich habe mit vielen Juden gesprochen, die sich auskennen. Sie sagen, ich muß selber beim Urjadnik sein.”
„Du beim Urjadnik?”
Es war in der Tat nicht einfach, sich Mendel Singer in einem Amt vorzustellen. Nie in seinem Leben hatte er mit einem Urjadnik gesprochen. Nie hatte er einem Polizisten begegnen können, ohne zu zittern. Den Uniformierten, den Pferden und den Hunden ging er sorgfältig aus dem Weg. Mendel sollte mit einem Urjadnik sprechen?
„Kümmere dich nicht, Mendel”, sagte Deborah, „um die Dinge, die du nur verderben kannst. Ich allein werde alles richten.”
„Alle Juden”, wendete Mendel ein, „haben mir gesagt, daß ich persönlich erscheinen muß.”
„Dann fahren wir Montag zusammen!”
„Und wo wird Menuchim sein?”
„Mirjam bleibt bei ihm!”
Mendel sah seine Frau an. Er versuchte, mit seinem Blick ihre Augen zu treffen, die sie unter den Lidern furchtsam verbarg. Mirjam, die von einer Ecke aus den Tisch betrachtete, konnte den Blick ihres Vaters sehen, ihr Herz ging schneller. Montag war sie verabredet. Montag war sie verabredet. Die ganze heiße Zeit des Spätsommers war sie verabredet. Ihre Liebe blühte spät, zwischen den hohen Ähren, Mirjam hatte Angst vor der Ernte. Sie hörte schon manchmal, wie die Bauern sich vorbereiteten, wie sie die Sicheln wetzten an den blauen Schleifsteinen. Wo sollte sie hin, wenn die Felder kahl wurden? Sie mußte nach Amerika. Eine vage Vorstellung von der Freiheit der Liebe in Amerika, zwischen den hohen Häusern, die noch besser verbargen als die Kornähren im Feld, tröstete sie über das Nahen der Ernte. Schon kam sie. Mirjam hatte keine Zeit zu verlieren. Sie liebte Stepan. Er würde zurückbleiben. Sie liebte alle Männer, die Stürme brachen aus ihnen, ihre gewaltigen Hände zündeten dennoch sachte die Flammen im Herzen an. Stepan hießen die Männer, Iwan und Wsewolod. In Amerika gab es noch viel mehr Männer.
„Ich bleibe nicht allein zu Hause”, sagte Mirjam, „ich habe Angst!” „Man muß ihr”, ließ sich Mendel vernehmen, „einen Kosaken ins Haus stellen. Damit er sie bewacht.”