Mendel Singer aber schloß die Tür hinter ihnen, schickte Deborah schlafen, entzündete eine Kerze und begann, einen Psalm nach dem andern zu singen. In guten Stunden sang er sie und in bösen. Er sang sie, wenn er dem Himmel dankte und wenn er ihn fürchtete. Mendels schaukelnde Bewegungen waren immer die gleichen. Und nur an seiner Stimme hätte ein aufmerksamer Lauscher vielleicht erkannt, ob Mendel, der Gerechte, dankbar war oder ausgefüllt von Ängsten.
In diesen Nächten schüttelte ihn die Furcht wie der Wind einen schwachen Baum. Und die Sorge lieh ihm ihre Stimme, mit einer fremden Stimme sang er die Psalmen. Er war fertig. Er schlug das Buch zu, hob es an die Lippen, küßte es und drückte die Flamme aus. Aber er wurde nicht ruhig. Zu wenig, zu wenig — sagte er sich — habe ich getan. Manchmal erschrak er über die Erkenntnis, daß sein einziges Mittel, das Singen der Psalmen, ohnmächtig sein könnte in dem großen Sturm, in dem Jonas und Menuchim untergingen. Die Kanonen, dachte er, sind laut, die Flammen sind gewaltig, meine Kinder verbrennen, meine Schuld ist es, meine Schuld! Und ich singe Psalmen. Es ist nicht genug! Es ist nicht genug!
XII
Alle Menschen, die an den politischen Nachmittagen Skowronneks gewettet hatten, daß Amerika neutral bleiben würde, verloren die Wette. Es war Herbst. Um sieben Uhr morgens erwachte Mendel Singer. Um acht Uhr stand er schon in der Straße vor dem Haus. Der Schnee war noch weiß und hart wie zu Hause in Zuchnow. Aber hier zerrann er bald. In Amerika hielt er sich nicht länger als eine Nacht. In der Früh schon zerkneteten ihn die hurtigen Füße der Zeitungsjungen. Mendel Singer wartete, bis einer von ihnen vorbeikam. Er kaufte eine Zeitung und ging wieder ins Haus. Die blaue Petroleumlampe brannte. Sie erleuchtete den Morgen, der finster war wie die Nacht. Mendel Singer entfaltete die Zeitung, sie war fett, klebrig und naß, sie roch wie die Lampe. Er las die Berichte vom Kriegsschauplatz zweimal, dreimal, viermal. Er nahm zur Kenntnis, daß fünfzehntausend Deutsche auf einmal in Gefangenschaft geraten waren und daß die Russen ihre Offensive in der Bukowina wiederaufgenommen hatten.
Das allein genügte ihm nicht. Er legte die Brille ab, putzte sie, zog sie wieder an und las die Kriegsberichte noch einmal. Seine Augen durchsiebten die Zeilen. Fielen da nicht einmal die Namen Sam Singer, Menuchim, Jonas heraus?
„Was ist Neues in der Zeitung?”, fragte Deborah heute wie jeden Morgen. „Gar nichts!”, erwiderte Mendel. „Die Russen siegen, und die Deutschen werden gefangen.”
Es wurde still. Im Spirituskocher siedete der Tee. Es sang beinahe wie der Samowar zu Hause. Nur der Tee schmeckte anders, ranzig war er, amerikanischer Tee, obwohl die Päckchen in chinesisches Papier gehüllt waren. „Nicht einmal einen Tee kann man trinken!”, sagte Mendel und wunderte sich selbst, daß er von solchen Kleinigkeiten sprach. Er wollte vielleicht etwas anderes sagen? Es gab so viel Wichtiges in der Welt, und Mendel beklagte sich über den Tee. Die Russen siegten, und die Deutschen wurden gefangen. Nur von Sam hörte man gar nichts und nichts von Menuchim.
Vor zwei Wochen hatte Mendel geschrieben. Auch das Rote Kreuz hatte mitgeteilt, daß Jonas verschollen sei. Er ist wahrscheinlich tot, dachte im Stillen Deborah. Mendel dachte das gleiche. Aber sie sprachen lange über die Bedeutung des Wortes „verschollen”, und als schlösse es die Möglichkeit des Todes vollkommen aus, kamen sie immer wieder überein, daß „verschollen” nur gefangengenommen heißen konnte, desertiert oder in der Gefangenschaft verwundet.
Warum aber schrieb Sam schon so lange nicht? Nun, er war auf einem längeren Marsch begriffen, oder gerade in einer „Umgruppierung”, in einer jener Umgruppierungen, deren Wesen und Bedeutung am Nachmittag bei Skowronnek genauer erläutert wurden.
Man kann es nicht laut sagen, dachte Mendel, Sam hätte nicht gehen sollen.