Er sagte den zweiten Teil des Satzes dennoch laut, Deborah hörte es. „Das verstehst du nicht, Mendel”, sagte Deborah. Alle Argumente für die Teilnahme Sams am amerikanischen Krieg hatte Deborah von ihrer Tochter Mirjam bezogen. „Amerika ist nicht Rußland. Amerika ist ein Vaterland. Jeder anständige Mensch ist verpflichtet, für das Vaterland in den Krieg zu gehen. Mac ist gegangen, Sam hat nicht bleiben können. Außerdem ist er, Gott sei Dank! beim Regimentsstab. Dort fällt man nicht. Denn wenn man zulassen sollte, daß alle hohen Offiziere fallen, würde man gar nicht siegen. Und Sam ist, Gott sei Dank! neben den hohen Offizieren.”
„Einen Sohn hab’ ich dem Zaren gegeben, es wäre genug gewesen!”
„Der Zar ist was anderes, und Amerika ist etwas anderes!”
Mendel debattierte nicht weiter. Alles hatte er schon gehört. Er erinnerte sich noch an den Tag, an dem beide fortgegangen waren, Mac und Sam. Beide hatten ein amerikanisches Lied gesungen, in der Mitte der Gasse. Am Abend hatte man bei Skowronnek gesagt, Sam sei, unberufen, ein schöner Soldat.
Vielleicht war Amerika ein Vaterland, der Krieg eine Pflicht, die Feigheit eine Schande, ausgeschlossen der Tod beim Regimentsstab! Dennoch, dachte Mendel, bin ich der Vater, ich hätte ein Wort sagen müssen. Bleib, Sam! hätte ich sagen müssen. Lange Jahre habe ich gewartet, um einen kleinen Zipfel vom Glück zu sehen. Nun ist Jonas bei den Soldaten, wer weiß, was mit Menuchim geschehen wird, du hast eine Frau, ein Kind und ein Geschäft. Bleib, Sam! Vielleicht wäre er geblieben.
Mendel stellte sich, wie es seine Gewohnheit war, ans Fenster, den Rücken der Stube zugekehrt. Er sah geradeaus auf das zerbrochene und mit braunem Pappendeckel vernagelte Fenster der Lemmels gegenüber im ersten Stock. Unten war der Laden des jüdischen Selchers mit dem hebräischen Schild, weiße, schmutzige Buchstaben auf blaßblauem Grund. Auch der Sohn der Lemmels war in den Krieg gegangen. Die ganze Familie Lemmel besuchte die Abendschule und lernte Englisch. Am Abend gingen sie mit Heften in die Schule wie kleine Kinder. Wahrscheinlich war es richtig. Vielleicht sollten auch Mendel und Deborah in die Schule gehen. Amerika war ein Vaterland.
Es schneite noch ein wenig, langsame, faule und feuchte Flocken. Die Juden, aufgespannte, schwarze Regenschirme schwankten über ihren Köpfen, begannen schon, auf und ab zu promenieren. Immer mehr kamen, sie gingen in der Mitte der Gasse, die letzten weißen Schneereste zerschmolzen unter ihren Füßen, es war, als müßten sie hier im Interesse der Behörden so lange auf und ab gehen, bis der Schnee vollends vernichtet war. Den Himmel konnte Mendel von seinem Fenster aus nicht erblicken. Aber er wußte, daß es ein finsterer Himmel war. In allen Fenstern gegenüber sah er den gelblich roten Widerschein von Lampen. Finster war der Himmel. Finster war es in allen Stuben.
Bald öffnete sich hier und dort ein Fenster, die Büsten der Nachbarinnen wurden sichtbar, man hängte rote und weiße Bettbezüge und nackte, gelbliche, gehäutete Polster an die Fenster. Auf einmal war die ganze Gasse heiter und bunt. Die Nachbarinnen riefen einander laute Grüße zu. Aus dem Innern der Stuben drangen Tellergeklapper und Kindergeschrei. Man hätte glauben können, es sei Friede, wenn nicht vom Laden der Skowronneks her die Kriegsmärsche aus den Grammophonen durch die Gasse gerasselt hätten.
Wann ist Sonntag? dachte Mendel. Früher hatte er von einem Samstag zum andern gelebt, jetzt lebte er von einem Sonntag zum nächsten. Am Sonntag kam Besuch, Mirjam, Vega und der Enkel. Sie brachten Briefe von Sam oder wenigstens Neuigkeiten allgemeiner Natur. Alles wußten sie, alle Zeitungen lasen sie. Gemeinsam leiteten sie jetzt das Geschäft. Es ging immer gut, sie waren tüchtig, sie sammelten Geld und warteten auf die Rückkehr Sams.
Mirjam brachte manchmal Herrn Glück mit, den ersten Direktor. Sie ging mit Glück tanzen, sie ging mit Glück baden. Ein neuer Kosak! dachte Mendel. Aber er sagte nichts.