„Ich kann nicht in den Krieg, leider!”, seufzte Mister Glück. „Ich habe einen schweren Herzklappenfehler, das einzige, was ich von meinem seligen Vater geerbt habe.” Mendel betrachtete die rosigen Wangen Glücks, seine kleinen, braunen Augen und den koketten, flaumigen Schnurrbart, den er entgegen der Mode trug und mit dem er oft spielte. Er saß zwischen Mirjam und Vega. Einmal, als Mendel mitten im Gespräch vom Tisch aufstand, glaubte er zu bemerken, daß der Herr Glück die rechte Hand in Vegas Schoß hielt und die linke auf Mirjams Schenkel. Mendel ging hinaus auf die Straße, er ging vor dem Hause auf und ab und wartete, bis die Gäste weggegangen waren.

„Du benimmst dich wie ein russischer Jude”, sagte Deborah, als er zurückkehrte.

„Ich bin ein russischer Jude”, erwiderte Mendel.

Eines Tages, es war ein Wochentag, Anfang Februar, Mendel und Deborah saßen beim Mittagessen, trat Mirjam ein.

„Guten Tag, Mutter!”, sagte sie und „Guten Tag, Vater!” und blieb stehen.

Deborah legte den Löffel aus der Hand und rückte den Teller weg. Mendel sah beide Frauen an. Er wußte, daß etwas Außerordentliches geschehen war. Mirjam kam an einem Wochentag, zu einer Zeit, in der sie im Geschäft hätte sein müssen. Sein Herz schlug laut. Er war dennoch ruhig. Er glaubte, sich an diese Szene erinnern zu können. Sie hatte sich schon einmal zugetragen. Da stand Mirjam im schwarzen Regenmantel und war stumm. Da saß Deborah, den Teller hatte sie weit von sich geschoben, er steht fast in der Mitte des Tisches, draußen schneit es, weich, faul und flockig. Die Lampe brennt gelblich, ihr Licht ist fett wie ihr Geruch. Sie kämpft gegen den dunklen Tag, der schwächlich und fahl ist, aber mächtig genug, um mit seinem hellen Grau das ganze Zimmer zu bestreichen. An dieses Licht erinnert sich Mendel Singer genau. Er hat diese Szene geträumt. Er weiß auch, was jetzt folgen wird. Alles weiß Mendel schon, als läge es längst zurück und als hätte sich der Schmerz schon vor Jahren in eine Trauer verwandelt. Mendel ist ganz ruhig.

Es ist ein paar Sekunden still. Mirjam spricht nicht, als hoffte sie, der Vater oder die Mutter würden sie durch eine Frage von der Pflicht befreien, die Botschaft auszurichten. Sie steht und schweigt. Keins von den dreien rührt sich.

Mendel steht auf und sagt: „Ein Unglück ist geschehen!”

Mirjam sagt: „Mac ist zurückgekommen. Er hat Sams Uhr gebracht und die letzten Grüße.”

Deborah sitzt, als ob nichts geschehen wäre, ruhig auf dem Sessel. Ihre Augen sind trocken und leer wie zwei dunkle Stückchen Glas. Sie sitzt dem Fenster gegenüber, und es sieht aus, als zählte sie die Schneeflocken.