Es ist still, man hört das harte Ticken der Uhr.

Plötzlich beginnt Deborah, sich ganz langsam, mit schleichenden Fingern, die Haare zu raufen. Sie zieht eine Haarflechte nach der andern über das Gesicht, das bleich ist und ohne Regung wie aufgequollener Gips. Dann reißt sie eine Strähne nach der andern aus, fast in demselben Tempo, in dem draußen die Schneeflocken niederfallen. Schon zeigen sich zwei, drei weiße Inseln inmitten des Haars, ein paar talergroße Flecken der nackten Kopfhaut und ganz winzige Tröpfchen roten Blutes. Niemand rührt sich. Die Uhr tickt, der Schnee fällt, und Deborah reißt sich die Haare aus.

Mirjam sinkt in die Knie, vergräbt den Kopf im Schoß Deborahs und rührt sich nicht mehr. In Deborahs Angesicht ändert sich kein Zug. Ihre beiden Hände zupfen abwechselnd an den Haaren. Ihre Hände sehen aus wie bleiche, fleischige, fünffüßige Tiere, die sich von Haaren nähren. Mendel steht, die Arme über der Lehne des Sessels verschränkt.

Deborah beginnt zu singen. Sie singt mit einer tiefen, männlichen Stimme, die so klingt, als wäre ein unsichtbarer Sänger im Zimmer. Die fremde Stimme singt ein altes jüdisches Lied ohne Worte, ein schwarzes Wiegenlied für tote Kinder.

Mirjam erhebt sich, rückt den Hut zurecht, geht zur Tür und läßt Mac ein treten.

Er ist in der Montur größer als im Zivil. Er hat in beiden Händen, die er vor sich herträgt wie Teller, die Uhr, die Brieftasche und ein Portemonnaie Sams.

Diese Gegenstände legt Mac langsam auf den Tisch, gerade vor Deborah. Er sieht eine Weile zu, wie sie sich die Haare ausreißt, dann geht er zu Mendel, legt dem Alten seine großen Hände auf die Schultern und weint lautlos. Seine Tränen rinnen, ein dichter Regen, über die Uniform.

Es ist still, Deborahs Gesang hat aufgehört, die Uhr tickt, der Abend sinkt plötzlich über die Welt, die Lampe leuchtet nicht mehr gelb, sondern weiß, hinter den Fensterscheiben ist die Welt schwarz, man kann keine Flocken mehr sehen.

Auf einmal kommt ein grölender Laut aus Deborahs Brust. Er klingt wie der Rest jener Melodie, die sie vorher gesungen hat, ein gesprengter, geborstener Ton.

Dann fällt Deborah vom Sessel. Sie liegt, eine gekrümmte, weiche Masse, auf dem Boden.