„Mister Singer”, sagte Mister Glück, „unten ist der Wagen. Sie müssen sofort mit uns kommen, mit Mirjam ist etwas passiert.”

„Gut”, erwiderte Mendel gleichgültig — als hätte man ihm mitgeteilt, daß man sein Zimmer tapezieren müsse. „Gut, gebt mir meinen Mantel.”

Mendel kroch mit schwachen Armen in den Mantel und ging die Stiegen hinunter. Mister Glück drängte ihn in den Wagen. Sie fuhren und sprachen kein Wort. Mendel fragte nicht, was mit Mirjam geschehen sei. Wahrscheinlich ist sie auch tot, dachte er ruhig. Mac hat sie aus Eifersucht getötet.

Zum ersten Mal betrat er die Wohnung seines toten Sohnes. Man schob ihn in ein Zimmer. Da lag Mirjam in einem breiten, weißen Bett. Ihre Haare flossen lose, in einer funkelnden, blauen Schwärze, über die weißen Kissen. Ihr Angesicht glühte rot, und ihre schwarzen Augen hatten breite, runde, rote Ränder; umkreist von Ringen aus Brand waren Mirjams Augen. Eine Krankenschwester saß neben ihr, Mac stand in einer Ecke, groß und ohne sich zu rühren, wie ein Möbelstück.

„Da ist Mendel Singer”, rief Mirjam. Sie streckte eine Hand gegen den Vater aus und begann zu lachen. Ihr Lachen dauerte ein paar Minuten. Es klang wie das Klingeln der hellen, ununterbrochenen Signale auf Bahnhöfen und als schlüge man mit tausend Klöppeln aus Messing auf tausend dünne Kristallgläser. Plötzlich brach das Lachen ab. Eine Sekunde war es still. Dann begann Mirjam zu schluchzen. Sie schob die Decke zurück, ihre nackten Beine zappelten, ihre Füße schlugen in schneller Regelmäßigkeit auf das weiche Lager, immer schneller, immer regelmäßiger, während ihre geballten Fäuste im gleichen Rhythmus durch die Luft schwangen. Die Krankenschwester hielt Mirjam mit Gewalt fest. Sie wurde ruhiger. „Guten Tag, Mendel Singer!”, sagte Mirjam. „Du bist mein Vater, ich kann es dir erzählen. Ich liebe Mac, der da steht, aber ich habe ihn betrogen. Mit Mister Glück habe ich geschlafen, ja, mit Mister Glück! Glück ist mein Glück, Mac ist mein Mac. Mendel Singer gefällt mir auch, und wenn du willst —” Da hielt die Krankenschwester Mirjam die Hand vor den Mund, und Mirjam verstummte.

Mendel Singer stand noch immer an der Tür, Mac stand immer noch in der Ecke. Beide Männer sahen einander fortwährend an. Da sie sich nicht mit Worten verständigen konnten, redeten sie mit den Augen. „Sie ist verrückt”, sagten Mendel Singers Augen zu denen Macs. „Sie hat ohne Männer nicht leben können, sie ist verrückt.”

Vega trat ein und sagte: „Wir haben den Arzt kommen lassen. Jeden Augenblick muß er dasein. Seit gestern spricht Mirjam wirr. Sie war mit Mac spazierengegangen, und als sie zurückkam, begann sie, sich so unverständlich zu benehmen. Jeden Augenblick muß der Arzt dasein.” Der Doktor kam. Es war ein Deutscher, er konnte sich mit Mendel verstehen. „Wir werden sie in die Anstalt bringen”, sagte der Doktor. „Ihre Tochter muß leider in eine Anstalt. Warten Sie einen Moment, ich werde sie betäuben.”

Mac stand noch immer im Zimmer. „Wollen Sie sie festhalten?”, fragte der Doktor. Mac hielt mit seinen großen Händen Mirjam fest. Der Doktor stieß ihr eine Spritze in den Schenkel. „Bald wird sie ruhig sein!”, sagte er.

Der Krankenwagen kam, zwei Träger mit einer Bahre traten ins Zimmer. Mirjam schlief. Man band sie auf die Bahre. Mendel, Mac und Vega fuhren hinter dem Krankenwagen.

„Das hast du nicht erlebt”, sprach Mendel zu seiner Frau Deborah, während sie fuhren. „Ich erlebe es noch, aber ich habe es gewußt. Seit jenem Abend, an dem ich Mirjam mit dem Kosaken im Felde sah, habe ich es gewußt. Der Teufel ist in sie gefahren. Bete für uns, Deborah, daß er sie wieder verlasse.”