Nun saß Mendel im Wartezimmer der Anstalt, umgeben von andern Wartenden, vor kleinen Tischchen, auf denen Vasen voll gelber, sommerlicher Blumen standen, und dünnen Gestellen, beladen mit bunten illustrierten Zeitschriften. Aber keiner von den Wartenden roch an den Blumen, keiner der Wartenden blätterte in den Zeitschriften. Zuerst glaubte Mendel, alle Menschen, die hier mit ihm saßen, wären verrückt und er selbst ein Verrückter wie alle. Dann sah er durch die breite Tür aus spiegelndem Glas, die diesen Warteraum von dem weißgetünchten Korridor trennte, wie draußen Menschen in blaugestreiften Kitteln paarweise vorbeigeführt wurden. Zuerst Frauen, dann Männer, und manchmal warf einer von den Kranken sein wildes, verkniffenes, zerrissenes, böses Gesicht durch die Scheibe der Tür in den Wartesaal. Alle Wartenden erschauerten, nur Mendel blieb ruhig. Ja, es erschien ihm merkwürdig, daß nicht auch die Wartenden blaugestreifte Kittel trugen und er selbst auch nicht.
Er saß in einem breiten, ledernen Lehnstuhl, die Mütze aus schwarzem Seidenrips hatte er über die Knie gestülpt, sein Regenschirm lehnte, ein treuer Gefährte, neben dem Sessel. Mendel blickte abwechselnd auf die Menschen, die gläserne Tür, die Zeitschriften, die Verrückten, die draußen immer noch vorbeizogen — man führte sie zum Bad-, und auf die goldenen Blumen in den Vasen. Es waren gelbe Schlüsselblumen, Mendel erinnerte sich, daß er sie daheim auf den grünen Wiesen oft gesehen hatte. Die Blumen kamen aus der Heimat. Er gedachte ihrer gern. Diese Wiesen hatte es dort gegeben und diese Blumen! Der Friede war dort heimisch gewesen, die Jugend war dort heimisch gewesen und die vertraute Armut. Im Sommer war der Himmel ganz blau gewesen, die Sonne ganz heiß, das Getreide ganz gelb, die Fliegen hatten grün geschillert und warme Liedchen gesummt, und hoch unter den blauen Himmeln hatten die Lerchen getrillert, ohne Aufhören. Mendel Singer vergaß, während er die Schlüsselblumen ansah, daß Deborah gestorben, Sam gefallen, Mirjam verrückt und Jonas verschollen war. Es war, als hätte er soeben erst die Heimat verloren und in ihr Menuchim, den treuesten aller Toten, den weitesten aller Toten, den nächsten aller Toten. Wären wir dort geblieben, dachte Mendel, gar nichts wäre geschehen! Jonas hat recht gehabt, Jonas, das dümmste meiner Kinder! Die Pferde hat er geliebt, den Schnaps hat er geliebt, die Mädchen hat er geliebt, jetzt ist er verschollen! Jonas, ich werde dich nie mehr Wiedersehen, ich werde dir nicht sagen können, daß du recht hattest, ein Kosak zu werden. „Was geht ihr nur immer in der Welt herum?”, hatte Sameschkin gesagt. „Der Teufel schickt euch!” Er war ein Bauer, Sameschkin, ein kluger Bauer. Mendel hatte nicht fahren wollen. Deborah, Mirjam, Schemarjah — sie hatten fahren wollen, in der Welt herumfahren. Man hätte bleiben sollen, die Pferde lieben, Schnaps trinken, in den Wiesen schlafen, Mirjam mit Kosaken gehen lassen und Menuchim lieben.
Bin ich verrückt geworden, dachte Mendel weiter, daß ich so denke? Denkt ein alter Jude solche Sachen? Gott hat meine Gedanken verwirrt, der Teufel denkt aus mir, wie er aus meiner Tochter Mirjam redet.
Der Doktor kam, zog Mendel in eine Ecke und sagte leise: „Fassen Sie sich, Ihre Tochter ist sehr krank. Es gibt jetzt viele solcher Fälle, der Krieg, verstehen Sie, und das Unglück in der Welt, es ist eine schlimme Zeit. Die Medizin weiß noch nicht, wie man die Krankheit heilt. Einer Ihrer Söhne ist Epileptiker, wie ich höre, entschuldigen Sie, so was ist in der Familie. Wir Ärzte nennen das degenerative Psychose. Es kann sich geben. Es kann sich aber auch als eine Krankheit erweisen, die wir Ärzte Dementia nennen, Dementia praecox, aber sogar die Namen sind unsicher. Das ist einer von den seltenen Fällen, die wir nicht heilen können. Sie sind doch ein frommer Mann, Mister Singer? Der liebe Gott kann helfen. Beten Sie nur fleißig zum lieben Gott. Übrigens, wollen Sie noch einmal Ihre Tochter sehen? Kommen Sie!”
Ein Schlüsselbund rasselte, eine Tür fiel mit hartem Knall zu, und Mendel ging durch einen langen Korridor, vorbei an weißen Türen mit schwarzen Nummern, wie an vertikal aufgestellten Särgen. Noch einmal rasselte der Schlüsselbund der Wärterin, und einer der Särge ward aufgetan, drin lag Mirjam und schlief, Mac und Vega standen neben ihr.
„Jetzt müssen wir gehen”, sagte der Doktor.
„Führt mich direkt nach Hause in meine Gasse”, befahl Mendel.
Seine Stimme klang so hart, daß alle erschraken. Sie sahen ihn an. Sein Aussehen schien sich nicht verändert zu haben, dennoch war es ein anderer Mendel. Genau wie in Zuchnow und wie die ganze Zeit in Amerika war er angezogen. In hohen Stiefeln, im halblangen Kaftan, in der Mütze aus schwarzem Seidenrips. Was also hatte ihn so verändert? Warum erschien er allen größer und stattlicher? Warum ging so ein weißer und furchtbarer Glanz von seinem Angesicht aus? Fast schien er den großen Mac zu überragen. Seine Majestät, der Schmerz, dachte der Doktor, ist in den alten Juden gefahren.
„Einmal”, begann Mendel im Wagen, „hat mir Sam gesagt, daß die Medizin in Amerika die beste der Welt ist. Jetzt kann sie nicht helfen. Gott kann helfen! sagt der Doktor. Sag, Vega, hast du schon gesehen, daß Gott einem Mendel Singer geholfen hätte? Gott kann helfen!”
„Du wirst jetzt bei uns wohnen”, sagte Vega schluchzend.