Sein Bruder Paul gehörte zu den Kerlen, die er verachtete und beneidete. Morgen kommt also dieser Kerl daher! Er ist reich, jung und gesund, ein niederträchtiges Sonntagskind. Ob er mir einen Pfennig gibt? Bestimmt nicht. Er ist ein Geizkragen. (Denn es gehörte zu Theodors Eigenheiten, sowohl den verachteten als auch den geschätzten „Kerlen” einen „Geiz” anzudichten.) Morgen kommt er daher und ergreift Besitz vom ganzen Haus. Er und die Mutter werden jetzt gegen mich Zusammenhalten. Ich werde ihn sehr hochmütig empfangen. So wie ich das kann.
„So wie ich das kann”, wiederholte er flüsternd. Angst hatte ihn wieder ergriffen. Das Veronal half nicht, es verursachte Herzklopfen, die Dachrinne hörte nicht auf zu wimmern, die Windstöße streuten in unregelmäßigen Abständen dicke Wassertropfen wie Kieselsteine gegen die Fenster. Theodor begann in einem Buch zu blättern, das er in Pauls Bibliothek gefunden hatte. Es war der „Rembrandt-Deutsche”. Er stieß auf einen Satz, der ihm gefiel, beschloß, ihn sich zu merken und morgen, wenn er mit Lehnhardt sprach, zu zitieren. Das ermüdete und schläferte ihn ein.
Der Morgen erfüllte fahl das Fenster.
VI
Theodor erwachte spät.
Er horte Pauls Stimme aus dem Korridor und beschloß, das Wiedersehn mit dem Bruder möglichst lange hinauszuschieben und noch zwei Stunden im Bett zu bleiben. Seine Mutter klopfte an die Tür. Er meldete sich nicht, hüstelte nur. Er hörte, wie sich die Mutter wieder entfernte und im Speisezimmer etwas zu Paul sagte.
Er kleidete sich mit besonderer Sorgfalt an und steckte das Abzeichen des Vereins „Gott und Eisen” ins Knopfloch. Es war ihm, als rüstete er sich zu der Begegnung mit einem gefährlichen Gegner, und sein Instinkt gebot ihm, allerhand Vorbereitungen zu treffen, und drückte ihm zuletzt noch eine seiner drei Pistolen in die Hand. Er sah das Magazin nach und steckte sie in die Hosentasche. Dann ging er leise, als hätte er jemanden zu überraschen, zur Tür des Speisezimmers, lauschte noch eine Weile und trat ein.
Die beiden Brüder umarmten sich flüchtig und hauchten ihre Küsse in die Luft, einer über die Schulter des ändern.
„Was trägst du da für ein Abzeichen?” fragte Paul.
„Das ist unser Verein!” erwiderte Theodor.