Eines Nachmittags, als Paul seine Wohnung verließ, sagte ihm der Portier: „Guten Morgen, Herr Bernheim! Grad’ über Ihnen im zweiten Stock ist ein Zimmer frei geworden.”
Paul war gerade aufgestanden. Es gehörte zu seinen Eigenheiten, daß ihn alles besonders interessierte, was er kurz nach dem Erwachen erfuhr. Er befand sich in einer gewissen Abhängigkeit vom Portier. Obwohl dieser dreimal in der Woche Trinkgelder in fremder Währung von Bernheim empfing, wußte er doch in Paul unaufhörlich das Gefühl einer Schuld wach zu erhalten und die Vorstellung, daß zwischen den Diensten, die er leistete, und der Höhe der Spenden, die er empfing, immer eine bedeutende Differenz bestehen bliebe. Paul wäre es peinlich gewesen, auf den Hinweis des Portiers nicht näher einzugehn. Im übrigen störte es ihn, über seinem Kopf ein leeres Zimmer zu wissen, in das ein noch nicht bekannter, also schrecklicher Lärm einziehen konnte, ein Spielklub zum Beispiel. Schließlich durfte er auf keinen Fall vor dem Portier einem jener Mieter ähnlich werden, denen es an ein paar wertlosen Geldscheinen gelegen war. Paul erkundigte sich also, als ein Mann von Geschäften, nach dem Preis. „Zehn Dollar im Monat!” sagte der Portier, der vor Bernheim niemals eine andere Währung zu erwähnen wagte. „Ich nehme es”, sagte Paul mit dem schnellen Entschluß, mit dem er etwa am Telephon sagte: „Ich nehme, gemacht!”
In der Tat hatte er ein Zimmer nötig. Je weiter er den Kurfürstendamm entlangging, desto notwendiger wurde das Zimmer. Es war ein nebliger Februartag, an den Straßenecken bestanden die feldgrauen Bettler und Krüppel aus Nebel. Man sah die Passanten erst auf drei Meter Entfernung, die frühen Laternen brannten wie erlöschende Sterne. Paul wußte, daß er sehr traurig gewesen wäre, wenn er in dieser Stunde nicht das Zimmer gemietet hätte. So besaß er für heute eine kleine Sensation. Es war den ganzen Tag keine Post gekommen — An den Tagen, an denen sein Briefkasten leer war, fühlte er sich doppelt verlassen. An solchen Tagen war er ein Pessimist und abergläubisch. Er stellte sich vor, daß irgendeine feindliche Macht entweder die Menschen, mit denen er korrespondierte, am Schreiben verhinderte oder, was sie geschrieben hatten, auf dem Grunde der Postkästen aufhielt, in den Briefsäcken der Postwagen zerfallen ließ. Er selbst schrieb nicht gerne gewöhnliche Briefe. Er telegraphierte oder gab seine Briefe eingeschrieben auf. Gestern und vorgestern hat also kein Mensch an mich gedacht, sagte sich Paul, wenn sein Briefkasten leer war. Ich habe viele Freunde und bin ganz allein. Nicht einmal Marga schreibt mir.
An solchen Tagen bereitete er sich mit langsamer Vorfreude auf die Geschäftskorrespondenz vor, die ihn im Büro im Innern der Stadt erwartete. (Er sagte nicht Stadtinneres, sondern „City”.) Sonst interessierte ihn diese Korrespondenz überhaupt nicht. Ein Geschäftsfreund hatte ihm ein Büro abgetreten, in dem Bernheims Sekretär und ein Schreibfräulein saßen, Anrufe entgegennahmen und notierten, kleine Abschlüsse selbständig „tätigten” und bei größeren in Pauls Wohnung anriefen. Jeden Nachmittag, eine Stunde, nachdem er das Bett verlassen hatte, begab sich Paul in dieses Büro. Hatte er Briefe zu Hause bekommen, so fuhr er im Auto. An den postlosen Tagen ging er zu Fuß, um seine Verlassenheit bis zum Grunde auszukosten. Dann aber auch, um an einem ganz bestimmten Punkt, an dem sich der Schmerz der Einsamkeit in eine linde Wehmut verwandelte, die Hoffnung auf eine möglichst überraschende Geschäftskorrespondenz lange auszudehnen. Unter Umständen konnte sich auch ein Privatbrief unter die geschäftlichen gemischt haben.
Er beschloß nun, das Büro in der „City” aufzugeben und es im zweiten Stock über seiner Wohnung einzurichten. Es gab Stunden am Vorabend, die er allein in seinem Zimmer verbringen mußte, in denen kein Freund sich meldete, kein Brief kam, kein Telephongespräch. Dann fühlte er die Einsamkeit wie ein Gefängnis. Die Frauen, zu denen er Beziehungen hatte, beschäftigten ihn nur, solange er sich in ihrer Nähe aufhielt. Sein ständiges Verhältnis Marga lebte in Wien, sie kam einmal im Monat zu ihm. Sie war eine junge Schauspielerin, die ihr Theater auf keinen Fall verlassen wollte. An einer Berliner Bühne hatte er sie nicht unterbringen können. Aber selbst wenn er Marga bei sich gehabt hätte, seine Verlassenheit wäre nicht kleiner gewesen. Sie brauchte ihn nur, weil es die Sitte erforderte. Er liebte sie nicht, aber auch ihm befahl die Tradition, eine Freundin zu erhalten. Es erhöhte den gesellschaftlichen und sogar den geschäftlichen Kredit.
Es war schwer, allein zu sein. Alle peinlichen Gedanken kamen aus der Einsamkeit, wie Züge aus der Ferne kommen. Wenn er allein war, erinnerte er sich an Nikita, an das Spital, an das verlorene England, an das unterbrochene Oxford. Nun war er nahe an die Dreißig. Das dreißigste Lebensjahr erschien ihm wie die letzte Etappe auf dem Weg zur Größe. Wenn man bis dahin nicht ein bedeutender Mann war, so wurde man es nie mehr. Dann verlor auch das Leben seinen Sinn. Denn ein mittelmäßiges Leben zu führen hielt Bernheim für einen Verrat an sich selbst, an seinen Talenten, an seiner genialen Jünglingszeit, an seinem toten Vater. Er konnte sich nur Größe oder Tod vorstellen, wenn er an seine Zukunft dachte. Und je strahlender er sich die Größe ausmalte, desto mehr Angst hatte er vor dem Tod. Die Leere des Todes umgab und erfüllte ihn bereits in manchen Stunden.
Um ihr zu entfliehen, umgab er sich mit Gesellschaft. Es waren Menschen, die von ihm lebten, Schatten, aufgestiegen aus den Nebeln der Zeit und von ihnen gebildet. Alle bewegten sich auf dem ungewissen, unbegrenzten und seine Ausmaße unaufhörlich verändernden Gebiet zwischen der Kunst und dem Hasardspiel. Sie hingen mit dem Theater, mit der Malerei, mit der Literatur zusammen, aber sie schrieben nicht, malten nicht, traten nicht auf. Der erschuf eine Zeitschrift für die Dauer einer Woche. Jener nahm Vorschuß auf einen Zeitungsartikel, den er niemals schreiben konnte. Ein dritter gründete eine Bühne für die Jugend und wurde bei der ersten Vorstellung verhaftet. Ein vierter trat seine Zimmer einem Spielklub ab, konnte nicht mehr in seinem Hause leben und verlor in anderen Spielklubs den Mietpreis, den man ihm zahlte. Ein fünfter, der Medizin studiert hatte, befaßte sich mit Abtreibungen, konnte sie aber der Diskretion wegen nur in seinem Freundeskreis ausführen und bekam also keine Honorare. Ein sechster arrangierte spiritistische Versammlungen und wurde von seinen eigenen Medien denunziert. Ein siebenter leistete der einheimischen Polizei und gleichzeitig fremden Botschaften Spionagedienste, betrog alle und fürchtete die Rache aller. Der achte verschaffte den russischen Emigranten falsche Pässe und vermittelte Aufenthaltsbewilligungen bei der Fremdenpolizei. Der neunte brachte den radikalen Blättern falsche Nachrichten aus den Kreisen der nationalistischen Geheimorganisationen. Der zehnte kaufte sie, bevor sie erschienen waren, und bekam dafür Belohnungen von den konservativen Männern, die Geld besaßen. Es erwies sich in jenen Tagen, daß die Sittlichkeit dieser Welt von nichts anderem abhängig ist als von der Stetigkeit der Valuta. Eine alte Wahrheit, die im Lauf der vielen Jahre, in denen das Geld einen unbestrittenen Wert hatte, vergessen worden war. An den Börsen der Welt wird die Moral der Gesellschaft bestimmt.
All diesen Menschen stand die Wohnung Bernheims Tag und Nacht offen. Er, der einzige unter ihnen, verdiente wirkliches Geld, das heißt fremdes, und daher war er ihnen überlegen. Diese Überlegenheit wurde wertvoller, je mehr sie ihn kostete. In manchen Stunden überschätzte er gerne seine Freunde, um selbst in seinen Augen mächtig zu erscheinen. Er ergab sich der Illusion, endlich das Leben eines wirklichen Herrn zu führen. Und wie dereinst sein Vater, so kaufte er jetzt seine Anzüge, seine Schuhe, seine Hüte in England. Er rauchte englischen Tabak aus englischen Pfeifen, aß Früchte und Grieß und rohes Fleisch und ritt wieder wie in seinen jungen Tagen. Daß er kein eigenes Pferd besaß, machte ihm Kummer. Automobil auf Anzahlung, Chauffeur in Livree. Paul hätte gern Pferde und mehrere Wagen besessen. Überzeugt wie alle Welt, daß die Wirtschaft die Politik und das ganze nationale, ja europäische Leben bestimmte, vernachlässigte er seine kunsthistorischen und seine literarischen Neigungen und sprach nur mehr von „Ökonomischen Realitäten”. „Es gilt”, sagte er zu Doktor König, einem seiner Freunde, „den Markt zu beherrschen. Der Markt ist die öffentliche Meinung. Die Zeitungen sind die Sklaven der Banken. Und wer die Banken samt deren Sklaven beherrscht, der regiert den Staat.”
Doktor König, der linksgerichtet war, mit Rußland sympathisierte und sich für einen Revolutionär hielt, dem nur eine Revolution fehlt, hörte mit der Andacht zu, die Gegner der bürgerlichen Gesellschaftsordnung für deren Stützen immer bereithalten. Bernheim hielt ihn für einen mächtigen Führer des Proletariats, und er sah in Bernheim einen geheimen Vertrauten der Schwerindustrie. So saßen sie einander gegenüber, die Repräsentanten zweier feindlicher Mächte, persönlich objektiv bis zur Freundschaft und jeder erfüllt von dem Gedanken an die Wirkung, die er auf den andern ausübte.
„Wir werden noch mit Rußland Geschäfte machen!” sagte Paul zu ihm mit versöhnlicher Ironie.