Aber Bernheim verkaufte nicht.

Zweiter Teil

IX

Für Felix Bertaux

Auf einmal kam in diesem Jahre der Frühling.

In den Zimmern lagen noch die Kälte und die feuchte Dämmernis der Wintertage. Man öffnete die Fenster. Die Häuser erinnerten an gelüftete Grüfte und die Menschen, die ans Fenster kamen, an gelbe, freundliche Leichen. Der Klang der auferstandenen Leierkästen, die auf einmal in Scharen durch die Höfe zogen, als wären sie mit den Zugvögeln aus dem Süden gekommen, erhöhte den Lebensmut auch der Skeptiker. Immer häufiger wurden die Straßendemonstrationen der Radikalen. Die Gesinnungen entfalteten sich im freundlichen Glanz der jungen Sonne und unter dem fruchtbaren Frühlingsregen der milden, sacht verhängten Nächte.

An einem der Sonntagvormittage jener Frühlingssaison konnte man einen großen, auffällig starken und langsamen Mann unter den maßvoll fröhlichen Spaziergängern des Kurfürstendamms sehen. Brandeis trug immer noch einen Mantel und den Kragen hochgeschlagen. Mehrere sahen sich nach ihm um. Er schien sich um die Passanten nicht zu kümmern. Er überragte die meisten. Seine schiefen Augen waren auf die Häuser gerichtet, auf die Firmenschilder, die Auslagen der Läden, auf die Bäume am Straßenrand, die Vehikel und die sonntäglich geschlossenen Kioske, die entweihten und dem Gottesdienst entzogenen Kapellen ähnlich waren. Sein mongolischer Gesichtsschnitt und seine bräunliche Hautfarbe waren Grund genug für die Mitteleuropäer, die ihm begegneten, ihn der Abteilung „Ferner Osten” zuzuweisen, unter die Buddhas, die Geishas und die Opiumtrinker. Da die Inflation zu Ende war, das Bewußtsein vom Wert des eigenen Geldes die Moral, den Patriotismus und das Selbstbewußtsein bereits gehoben hatte, blieb für den Fremden weniger Bewunderung übrig als Mißtrauen.

Man lustwandelte langsam, in Frühlingskleidern, unter der Sonne.

Auf einmal erhob sich ein unbestimmter Lärm. Er begann wie ein Wind, der ein Gewitter ankündigt, an einer fernen Straßenecke. Einige Menschen begannen zu laufen. Andere blieben stehn, und man sah, daß sie nachdachten, auf welche Weise man sich in Sicherheit bringen kann, ohne die Würde zu verlieren. Indessen wurden die Geräusche bestimmter. Man unterschied hundertstimmigen Gesang aus Männerkehlen. Man unterschied vielhundertfaches Klopfen benagelter Militärstiefel auf Asphalt. Schließlich über dem Gesang und über dem dumpfen, metallenen Geräusch der marschierenden Füße dünne und gleichsam flehende Flötentöne, eine Musik unkörperlicher, abstrakter Pfeifen, denen einer der populären Militärmärsche entfuhr. Und schon sah man auch die Ursachen der Geräusche: große, wehende Fahnen, ein paar Radfahrer, die sich an der Spitze des Zuges langsam vorausschlängelten, und hinter ihnen die ersten Reihen der Marschierenden, Männer mit Schnurrbärten, die an Kindersegen und Mittelstand denken ließen, mit blicklosen und offenen Augen, in denen Zorn, Stolz und Ehrlichkeit die Fähigkeit zu schauen ertötet hatten, mit schlenkernden Händen, die an leere Ärmel erinnerten, und mit Stöcken, die im Gürtel an der Hüfte hingen, um zu zeigen, daß sie nicht gesonnen waren, gewöhnliche Spazierstöcke zu sein. Sie waren in der Entwicklung vom Knüppel zum Säbel begriffen.

Der größte Teil der Spaziergänger war in den Seitenstraßen verschwunden. Von allen Häusern hörte man das metallene Geräusch zufallender Fenster. Auf leeren, staubigen Stein schien jetzt die Sonne. Durch die Neben– und Parallelstraßen eilten die Spaziergänger ihren Heimen zu, die in der Richtung des Grunewalds lagen. Dem unregelmäßigen Trott ihrer hastigen Füße antwortete der unerbittlich von den Nägeln geregelte Marsch der Stiefel in der Hauptstraße. Der Gesang erhob sich über die Wipfel der Bäume. Die geisterhaften Flötentöne drangen durch das Gedröhn der Mittagsglocken, die eben in Schwung gerieten, als wollten sie die Verwirrung noch vergrößern, eine Strafe Gottes ankündigen, das Ende der Welt und den Anmarsch ihrer Vernichter. Es war ein echter Sonntag, einer jener Sonntage, die manchmal über die Städte Deutschlands verhängt werden: feierlich, furchtbar und voller Gesinnung.