„Warum”, fragte Brandeis sie eines Abends, „geht nicht jeder von euch hin und sucht sein Brot?” Sie sahen ihn an, erschrocken und geringschätzig, als hielten sie ihn für verrückt und auch für minderwertig. „Wie”, antwortete ihm der Kapellmeister, „wir sollen den Grünen Schwan verlassen? Niemals!” Und Brandeis begriff, daß diese Menschen für ein Gebot der Kunst hielten, was ein Gebot der Heimat war. (Sie waren nicht alle Schauspieler gewesen. Die Frauen Töchter aus guten Häusern, die Männer Offiziere und Beamte, zwei Großgrundbesitzer unter den Musikanten, der Kapellmeister ein Gymnasialprofessor.)

Brandeis fand zum erstenmal Gelegenheit, Geld für eine Sache auszugeben, die ihm nicht gefiel. Seitdem er angefangen hatte, Geschäfte zu machen, war er gewohnt, jede Geldsumme als ein Instrument zu sehen. Einem Bettler ein Almosen zu geben wäre ihm so lächerlich erschienen, wie wenn man ihm etwa zugetraut hätte, ein Feuer anzuzünden, zu keinem andern Zweck, als um es sofort wieder mit Wasser zu löschen, oder seine Taschenuhr auf das Pflaster zu werfen, nur damit sie aufhöre zu gehn. Er hatte Theodor Bernheim zweitausend Dollar gegeben, nicht nur, weil er Pauls Hilfe gebraucht hatte, sondern weil er der Meinung war, daß es galt, jede Funktion der irdischen Gerechtigkeit zu verhindern ... Er gönnte der Polizei keinen einzigen der vielen Theodors, die es geben mochte und denen allen er wahrscheinlich geholfen hätte. Er haßte die Ordnung der Staaten. Er verstand sie nicht. Aber noch weniger verstand er die Kunst und die Kleinkunst, die in den Ziergärten der verhaßten Ordnung gediehen.

Und dennoch bezahlte er dem Grünen Schwan die Hotelrechnungen und die Reise.

Es war der letzte Abend in Belgrad. Sie saßen, heiter infolge der Aussicht auf Paris und lärmend in ihrem Stammcafe, in einzelnen Gruppen an verschiedenen Tischen. Brandeis trat ein. Er wollte heute noch nach Berlin zurück, er suchte den Direktor, um sich zu verabschieden. Er kam sich lächerlich vor, er hatte einem lächerlichen Unternehmen Geld gegeben, ja eine Reise ohne Grund gemacht, Zeit verloren. Nun wollte er alles vergessen. Es wäre richtiger, überlegte er, ohne ein Wort zu verreisen. Aber das empfiehlt sich nur, wenn man Geld bekommen, nicht, wenn man es verliehen hat.

Sie erblickten ihn sofort, als er eintrat, umringten ihn, behandelten ihn, wie es sich geziemte, mit ausgelassener Dankbarkeit. Er sah noch einmal gleichgültig auf ihre gleichgültigen Gesichter. Plötzlich blieb sein Auge in der Leere haften.

Ein Gesicht fehlte, er wußte nicht den Namen, der zu dem Gesicht gehörte. Er vermißte es nur.

Einen Augenblick später saß er am Tisch und bestellte zu trinken. Eben war er noch entschlossen gewesen, möglichst schnell und im Stehen Abschied zu nehmen. Nun setzte er sich, um zu warten. Das Gesicht, auf das er wartete, konnte nicht älter als neunzehn Jahre sein. Je länger die Leere dauerte, um so deutlicher sah er das braune Angesicht, die schmalen Wangen und den breiten, roten, hellgeschminkten Mund, der wie ein Schrei im ruhigen Antlitz war, und die dunklen Augen, die so nahe nebeneinanderstanden, daß eine Augenbraue in die andere überzugehen schien. Was für Schuhe trägt sie? Es gab in diesem Augenblick plötzlich nichts Wichtigeres! Er hätte gerne gefragt, was für Schuhe sie trug, obwohl er noch überhaupt nicht nach ihr gefragt hatte. Er wußte nicht, wie sie hieß. Gewiß — ich könnte sie schon beschreiben. Aber das ist peinlich, sehr peinlich. Ich werde lieber warten. Ich werde morgen fahren.

Sein Zug ging um elf Uhr abends. Als Lydia Markowna eintrat, zeigte die große Uhr über dem Büfett gerade zehn. Er hatte also noch eine Stunde Zeit. Er empfand es als einen Verrat, daß sie gerade jetzt daherkam und ihn in die Verlegenheit brachte, die Reise noch zu machen, die er schon aufgeschoben hatte. Weshalb kam sie gerade jetzt? Eine halbe Stunde reichte nicht, um alles von ihr zu erfahren, was unter Umständen wissenswert war. Aber eine halbe Stunde reichte wohl, um ihr adieu zu sagen. Hatte er denn eigentlich was anderes gewollt? Soweit er sich jetzt erinnern konnte, war er nur zu diesem Zweck hiergeblieben. Sie war gekommen, man konnte sich verabschieden. Aber es wäre doch besser gewesen, wenn ihr Eintritt gleichzeitig mit der Abfahrt des Zuges erfolgt wäre. Dann blieben noch drei Stunden, bis das Lokal geschlossen wurde. Und dann gab es noch andere. Und der Zug nach Paris, mit dem der Grüne Schwan wegfahren sollte, ging erst um drei Uhr nachmittags, morgen — Eine lächerliche Hoffnung erwachte in Brandeis: Wenn die Uhr über dem Büfett überhaupt falsch ging? Es galt nur eine kleine Bewegung, um sich zu überzeugen. Aber diesen Griff nach der Taschenuhr schob Brandeis noch absichtlich hinaus, denn er fürchtete, sich überzeugen zu müssen, daß die Uhr richtig ging. Schließlich zog er seine Uhr. Es war, als wenn er aus einer großen Kälte in eine helle, strahlende Wärme gekommen wäre: längst elf vorüber. Sein Zug schon unterwegs.

„Wie heißt eigentlich die Frau, die eben hereinkommt?” fragte er seinen Nachbarn.

„Das ist Lydia, Lydia Markowna!”