Irmgard, die ihren Onkel kannte, hatte wissen müssen, daß ein Mann von so verschiedenen Veranlagungen und Geschäften nicht rechtzeitig kommen würde. Sie glaubte an die Notwendigkeit seiner Tätigkeiten, seiner Reisen, seiner Liebhabereien. Und sooft er sich auch verspätet hatte, sie nahm es immer für eine Folge unvorhergesehener Hindernisse. Darin glich sie ihrer Tante. Als Herr Enders am Sonntag kam, traf er eine in ihrer Art bereits verliebte Irmgard an. Inzwischen hatte sie sich schon dreimal mit Paul Bernheim getroffen. Einmal beim Fünfuhrtee, einmal auf einem ziellosen Ausflug im Auto, das drittemal waren sie spazierengegangen, langsam, beglückt, statt, wie es verabredet gewesen war, Tennis zu spielen. Morgen wollten sie reiten.
Um zu zeigen, daß er ein Kenner der Jugend sei und die zartesten Symptome an seiner Nichte bemerkte, sagte Herr Enders:
„Wir sind verliebt, nicht wahr?”
Irmgard, die ihren Onkel ebenso für altmodisch hielt wie er sich selbst für modern, war durch den Ausdruck „verliebt” gekränkt. Er bezeichnete einen Zustand, der für einen jungen Menschen von heute nicht ganz passend erschien. Sie wiederholte:
„Verliebt?!” Und nach einer Weile: „Vielleicht nur bereit zu heiraten!” „Na also”, sagte Herr Enders. „Es freut mich, daß du modern genug bist, die Liebe nicht mit der Ehe zu verwechseln. Denn du weißt, daß du nicht jeden Beliebigen heiraten kannst. Aber du kannst dich in jeden Beliebigen verlieben.” „Ich bin selbständig, Onkel!”
„Bis zu diesem Punkt!”
Er dachte an die vielen Männer, die sich bei ihm um Irmgard beworben hatten. Es waren Männer verschiedener Kategorien gewesen, Künstler, die er unterstützte und die er von vornherein für unfähig hielt, denn er verband mit der Vorstellung von Kunst eine von geschlechtlicher Impotenz. Er kam nicht zum Bewußtsein seiner Vorurteile, weil er sich unaufhörlich wiederholte und bewies oder zu beweisen glaubte, daß er keine Vorurteile habe. „Ich habe nichts gegen die Armen”, pflegte er zu sagen, „weiß Gott, ich versuche, mit den Armen ebenso zu verkehren wie mit den Reichen, aber schließlich kann man sie nicht mir nichts, dir nichts in die Familie nehmen. Ja, wenn es ein Genie wäre, etwas Außergewöhnliches! Ein Eckener sagen wir, ein Einstein, meinetwegen sogar ein Lenin! ein Kerl!” Und da ihm unter den Armen, die er kannte, kein „Kerl” in den Weg kam, blieben seine Beziehungen zu ihnen distanziert.
Eine Zeitlang hatte er daran gedacht, Irmgard mit einem der Abkömmlinge aus der hohen Aristokratie zusammenzutun, die er unermüdlich unterstützte, einlud, beherbergte und nährte. Er half Zeitschriften begründen, die eine Einigung Europas propagierten, und andere, die einen neuen Krieg vorbereiteten. Und er abonnierte die Zeitschriften auch. Aber ein Instinkt, mächtiger als jede Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit, weil es der Instinkt der Besitzversicherung war, beschützte ihn vor jedem Gedanken an verwandtschaftliche Bande mit einem der armen Freunde. Irmgard sollte einen außerordentlich reichen Mann heiraten. Entweder einen Gutsbesitzer aus alter Familie oder einen jungen Industriellen. Herr Enders wußte nicht, daß es zwischen dem Reichtum und der Armut einen Zustand gibt, der immerhin materielle Nöte ausschließt. Männer, die weniger als eine halbe Million Einkommen jährlich hatten, zählte er zu den Armen. Und wenn er manchmal in die Lage kam, sich „die Armut” vorzustellen, so sah er schreckliche Gesichter: syphilitische Kinder, eine schwindsüchtige Frau, Matratzen ohne Überzug, versetztes Silber. „So lebt heutzutage der Mittelstand”, pflegte er zu sagen. Zum Mittelstand zählte er auch die Direktoren seiner Fabriken. Das Proletariat war seiner Meinung nach versorgt. Erstens hatte es den Sozialismus, zweitens keine Bedürfnisse und drittens die soziale Fürsorge.
„Nur keinen Mittelständler heiraten”, sagte er zu Irmgard. „Man kommt aus dem Elend gar nicht mehr heraus.” Er war ehrlich bekümmert. Sein roter Nacken, seine muskulösen Wangen, seine ganze untersetzte, gesunde Vierschrötigkeit stellte sich in den Dienst seines Kummers. Er sah komisch aus, wenn er besorgt war, fand Irmgard. Sie lachte.
Sie wußte wohl, daß dieser Onkel Schwierigkeiten machen würde, und ihre Sympathie veränderte sich für ihn in Verachtung, die sich auch auf seine körperlichen Eigenschaften bezog. Seine robuste Gesundheit erschien ihr unappetitlich, seine ständige Begeisterung für den Fortschritt nannte sie hypokritisch. Nachdem sie ihn schweigsam ein paar Sekunden lang angesehen hatte, fiel ihr das Wort „Geldsack” ein.