„Wenn ich Sie nicht damals zufällig getroffen hätte — ich bin Ihnen eigentlich dankbar!”

„Oh, das war kein Zufall”, antwortete Tekely, der Undankbarkeit vorausahnte, „Sie haben mich ja mit Absicht aufgesucht! Ich wollte Sie bitten, wenn Sie nächstens mit Herrn Brandeis zufällig von der Warenhauszeitung sprechen sollten — von der ich Ihnen zuletzt erzählt habe, so erwähnen Sie mich.”

„Ja, ja!” versprach Bernheim schnell und sah auf die Uhr, um einen frühen Abschied vorzubereiten.

„Sie müssen jetzt gehn”, sagte Tekely, der wußte, daß man einen eiligen Menschen nicht zurückhalten darf, wenn man seine Freundschaft nicht verlieren will. „Aber vergessen Sie bestimmt nicht!”

„Nein!” sagte Bernheim verwirrt und ging.

Er hatte wieder das peinliche Gefühl, einem Stärkeren erlegen zu sein, er begann, eine Abhängigkeit von diesem Tekely zu fürchten. Er war unzufrieden wie immer, wenn er ohnmächtig eine unangenehme, eine erniedrigende Szene mitzuspielen gezwungen wurde. Wie oft geschah es ihm eigentlich! Zum Glück vergaß er sie schnell. Er behielt nur die Stunden in treuer Erinnerung, in denen er eine glänzende Rolle gespielt hatte, er besaß die Fähigkeit, über peinliche Situationen in einer so zauberhaften Weise nachzudenken, daß sie nach einigen Tagen eine etwas ungenaue, aber fröhliche Physiognomie aufwiesen. Das einzige schreckliche Erlebnis, das er nie vergessen konnte, war jenes mit dem Kosaken im Krieg, das immer wieder auftauchte, sobald er ein neues Zeugnis seiner Schwäche lieferte, wie eine alte Wunde immer wieder aufbrechen kann, wenn man sich weh tut. Auch jetzt, als er Tekely verließ, dachte er an Nikita. Einen Augenblick verlor er sich in der bangen Vorstellung, daß jener Nikita niemals aufhörte, daß er verschiedene Gestalten annahm, daß er identisch mit Tekely war, identisch mit Brandeis selbst und vielleicht auch mit Herrn Enders, dem Onkel Irmgards.

Paul suchte nach einem Rezept gegen diese Vorstellung. Er kannte aus Erfahrung verschiedene Mittel gegen bedrückende Gedanken, wie ein Kranker, der allerhand schon gegen schmerzliche Anfälle ausprobiert hat. Er stieg in ein Auto, fuhr nach Hause, packte flüchtig seinen Handkoffer und begab sich zur Bahn. Er gratulierte sich selbst zu diesem Einfall, der ihn vor einer schlaflosen Nacht rettete. Er wollte zur Mutter.

Frau Bernheim erschrak, als sie Paul zu früher Morgenstunde ankommen sah. Sie stand in der Küche und sah zu, wie das Mädchen Frühstück kochte. Paul erinnerte sich, daß sie früher, zu Lebzeiten des Vaters, das Frühstück im Bett genommen hatte. Sie saß aufgerichtet, vier Polster im Rücken, unter dem blaßblauen Baldachin und spielte ihre „königliche Haltung”. Ein breites Tablett reichte ihr bis zur Brust, die hinter einem Gewölk aus Spitzen verborgen war. In dem halbdunklen Zimmer, in das die Morgensonne durch die Gitter der Rouleaus in schmalen, starken Streifen einfiel, schwebte ein zarter Geruch von Kölnischem Wasser und Zitronen. Die Erinnerung an diese Morgenstunden war herzbrechend wie die an ein verlorenes Glück. Jetzt stand die Mutter in einem Schlafrock aus braunem Plüsch, der vorn offen war und über dem Frau Bernheim, um ihn geschlossen zu halten, die Arme verschränken mußte. Seit dem Kriege, seitdem sie angefangen hatte zu sparen, beaufsichtigte sie jeden Morgen das Dienstmädchen, damit es nicht zuviel Kaffee verbrauche.

„Nehmen Sie noch einen Löffel Kaffee, Anna, aber keinen Eßlöffel!” rief sie, als Paul kam. Sie freute sich immerhin mitten im Schrecken über die unerwartete Ankunft, daß ihr Sohn nicht eine halbe Stunde später gekommen war. Man hätte sonst noch einmal das Gas anzünden müssen.

Man sah zwei graue Haarsträhnen über ihren beiden Schläfen wie zwei Ströme von Sorgen und wie zwei Heerstraßen des Alters. Im weißen Licht der Küche, das von den schimmernden Kacheln einen erbarmungslosen harten und kalten Glanz bekam, war das Angesicht der Frau Bernheim fahl und zerfallen, als könnte man die einzelnen Partien auseinandernehmen, das starke, viereckige Kinn von den Lippen lösen, die Nase von den Wangen, die Stirn von dem übrigen Teil des Kopfes. Die ergrauenden Augenbrauen schienen älter zu sein als die Haare, als stammten sie aus einer früheren Zeit, und die Augen, in denen noch die alte Schönheit wohnte, ohne Zweck und nur ein geduldeter Mieter, lagen zwischen angeschwellten Wülstchen aus Tränen und Schlaf. Die Stimme seiner Mutter erschien Paul Bernheim um einige Grade zu hell, er hatte eine sanftere in der Erinnerung gehabt, als wäre der frühe Morgen eigentlich der Grund ihrer spröden Helligkeit und als käme diese von dem harten Schimmer der Kacheln. Kalt, wie hinter einer Glasscheibe, brannte bläulich die Flamme unter dem Topf auf dem Gasherd. Paul entsann sich nicht, jemals zu dieser Morgenstunde in der Küche gewesen zu sein. Es war eine kleine Enthüllung. Es war, als wäre er der Vergrämtheit des Hauses auf die Spur gekommen, als kenne er jetzt die Quelle des Kummers, die Küche.