Die Frau Militär-Oberrechnungsrat kam später, viel später. Sie stützte sich auf einen Stock am Morgen, sie gewöhnte sich langsam an das Gehen, an die Bewegung, die der Tag notwendig machte, nach der Bewegungslosigkeit der Nacht. Die ganze Last ihres alten Körpers trug der Stock, die Beine folgten ihm nur, unterstützten ihn. Sie erschien Paul als die Verkörperung der Trauer, die über sein väterliches Haus gefallen war. Er begann, sich vor ihr zu fürchten.
Er nahm sein Frühstück in großer Hast und ging in die Stadt. Er wollte erst am Nachmittag wiederkommen. Es erschien ihm unmöglich, dem ganzen Betrieb des Vormittags beizuwohnen. Während er gedankenlos, müde, überwach durch die noch leeren Straßen ging, fiel es ihm ein, daß seine Mutter an diesem Tag sterben könnte. Er stellte sich die tote Mutter vor und fühlte keine Trauer. Er versuchte, sich seine Gleichgültigkeit zu erklären, und ertappte sich bei dem Wunsch, seine Mutter tot zu wissen. Unmöglich, sie mit Irmgard zusammenzubringen. Unmöglich, Irmgard in dieses Haus zu führen.
Er kam spät am Nachmittag zurück. Er kündigte seiner Mutter die Verlobung an, seine bevorstehende Verlobung mit Irmgard Enders. „Enders?” sagte die Mutter und hob das Lorgnon, als könnte sie in Pauls Angesicht die Herkunft der Familie Enders lesen. Nein, sie war nicht begeistert. Sie kannte keine Enders.
„Es sind die reichsten Leute im Land”, erklärte Paul. Er dachte dabei an den Geiz seiner Mutter. Er irrte sich. Was ihren Sohn betraf, gehörte in ein anderes Kapitel, berührte eine andere Leidenschaft. Zum erstenmal seit vielen Jahren konnte Frau Bernheim den Satz sagen:
„Geld ist nicht alles, Paul!” — Er war überrascht.
„Es ist ein großes Glück, Mutter!” sagte Paul.
„Das kann man erst nach zehn Jahren sagen”, erwiderte sie mit einer Weisheit, die nicht aus ihr kam, der Mütterlichkeit überhaupt zu entströmen schien.
Paul versprach, seine Braut mitzubringen.
„Bring sie nur! Bring sie nur!” sagte Frau Bernheim.
Aber er brachte sie nicht, auch später nicht.