„Unser Vater hat sich auch nie um die Politik gekümmert”, bemerkte der dritte.

„Wir wollen nichts von der Politik wissen”, sagte die Mutter Gustavs mit einem starren Blick gegen Theodor.

Theodor begriff, daß die Familie seines Freundes ihn nicht liebte. Jedes Wort, das man ihm sagte, hatte noch einen verborgenen gehässigen Sinn, den er nicht erriet, aber den er fürchtete. Diese kleinen Leute benahmen sich so, als hielten sie Theodor für den verantwortlichen politischen Ratgeber Gustavs. Dieser saß mitten unter seinen Brüdern und Schwestern, auf einmal unpolitisch und ihresgleichen. Der festliche Geruch aus der Küche umgab sie alle gleichmäßig und verlieh ihnen allen einen billigen, engen und sichtbaren Genuß. Theodor verstand, daß er auf einmal seinen Gesinnungsgenossen verloren hatte. Gustav hatte keine politische Gesinnung mehr. Er wollte einen ehrlichen, biederen, kleinbürgerlichen Weg machen.

Schlechte Rasse, dachte Theodor, während seine dünne und stumpfe Nase schnupperte. Er verabschiedete sich schnell. Und als er wieder draußen war, glaubte er zu fühlen, daß die Einsamkeit, die ihm immer so gewichtlos vorgekommen war, plötzlich schwer wurde, ein drückender Körper.

Ich werde fleißig sein, lernen, wissen, nahm er sich vor. Gustav kann meinetwegen Briefträger werden.

Zu Hause brachte ihm die Mutter einen kurzen Brief von Paul. In ein paar Sätzen, die wie eine amtliche Benachrichtigung klangen, schrieb Paul, daß er sich mit Irmgard Enders verlobt habe.

„Der Kerl hat Glück”, bemerkte Theodor.

„Hoffen wir!” sagte die Mutter.

„Ein Streber!” murmelte Theodor.

Frau Bernheim verließ das Zimmer. Seit der Ankunft Theodors waren kaum acht Stunden vergangen. Dennoch litt sie schon unter seiner Anwesenheit. Es war wie eine ganz alte Plage. Theodor war wiedergekommen wie ein rheumatischer Schmerz, den man für ein paar Monate verloren und vergessen hatte. Ach, sie erkannte ihn, ihren Sohn. So war er immer gewesen, so würde er immer bleiben.