Und richtig, sie kam nicht wieder. Und nach längerer polizeilicher Nachforschung erfuhr der arme betrogene Mensch, dass sie mit ihrem ersten Geliebten irgendwo in Österreich gesehen worden war, wo sie sich Gott weiß wie als fahrende Leute ihr Brot erspielten oder erbettelten. Das Luischen erfuhr nichts davon. Ich ließ es manchmal zu meinem Kinde holen und gelobte mir, Mutterstelle an ihm zu vertreten. Das hatte ich freilich nicht nötig. Der Stiefvater war zärtlicher zu ihm als eine leibliche Mutter, und wenn ich sie zusammen sah, merkte ich, dass schon das Kind anfing, den riesenhaften und tapferen Mann an Subordination unter seinen kindischen Willen zu gewöhnen.

*

Ich sollte aber nicht lange mehr mein stilles Gelübde, mich um das Luischen zu bekümmern, erfüllen, und auch an die unglückliche Mutter, die ich nun freilich nie wiederzusehen glaubte, dachte ich nur noch dann und wann in einer meiner vielen schlaflosen Nächte. Denn mein eigenes Kind, das zu kränkeln anfing, nahm all meine Gedanken in Beschlag. Es war der bitterste Winter meines ganzen Lebens. Im Frühling, als ich eben ein wenig Hoffnung schöpfte, trat plötzlich eine Verschlimmerung ein. Eines Morgens hielt ich mein armes, liebes, letztes Glück kalt und stumm in meinen Armen.

Am Tag nach dem Begräbnis, als ich wie zerbrochen an Leib und Seele tränenlos in meinem verwaisten Zimmer saß, wird plötzlich die Tür aufgerissen, und eine Gestalt stürzt herein, die ich erst erkannte, als sie, vor meine Füße niedergesunken, meine Knie mit beiden Armen umklammerte und in so krampfhaftes Schluchzen ausbrach, dass es mich durch und durch erschütterte. Sie sah gar nicht zu mir auf, sie hatte das Gesicht in meinen Schoß gedrückt, der Hut war ihr vom Kopf gefallen, ihr Haar hatte sich gelöst und hing ihr tief über die Schultern herab. Ich beugte mich zu ihr hinab und streichelte ihr sanft das Haupt. Komm, sagte ich, steh auf! Beruhige dich! Ich danke dir, dass du gekommen bist. Du hast mir wohlgetan. Wir wollen ruhig sein!

Sie aber schluchzte fort, und ich hatte noch immer keine Tränen.

Endlich umfasste ich sie mit beiden Armen, sie zu mir emporzuziehen. Aber sie entriss sich mir sträubend und schnellte, im ganzen Körper zitternd, in die Höhe.

Nein, rief sie, du sollst nicht so gut zu mir sein, du sollst mir nur verzeihen, dass ich mich unterstanden habe, hier bei dir einzudringen, aber ich hielt’s nicht länger aus, obwohl ich weiß, dass ich mich nicht mehr vor dir sehen lassen kann! Ich wollte schon früher kommen, das Kind verpflegen helfen, aber immer hielt mich die Furcht zurück, du würdest mir die Tür weisen. Nein, sage nicht, dass du es nicht getan hättest! Es wäre ganz recht gewesen, ich kann die Augen nicht mehr zu dir aufschlagen. O, ich bin ein armseliges verdammtes Geschöpf, Gott und Menschen müssen mich verabscheuen. Ich habe nur noch einmal dein Gesicht sehen wollen, und jetzt bereu’ ich auch das, denn ich fühle, dass ich’s nicht mehr wert bin — und nun — nun will ich fort. Leb wohl!

Sie raffte ihr Hütchen auf und wollte hinauseilen. Ich hielt sie mit aller Gewalt am Arme fest und stellte mich vor die Tür.

Schwarze, sagte ich, meine arme Schwarze, es ist dir schlecht gegangen, ich seh’ es an deinen Augen, du bist krank —

Nein, rief sie, schlimmer als krank, ich bin toll! Erschrick nicht, Goldene, ich habe meine fünf Sinne beisammen, aber es rast und tobt etwas in mir, ich habe einen bösen Geist in meinem Blut, der regiert mich, dass ich alles tun muss, was er will. Er hat mich fortgerissen von meinem guten Kind und dem braven Menschen, der ihm ein guter Vater sein wollte. Wie ich die Musik draußen auf der Straße hörte, da war’s aus. Die Langeweile, das Stillsitzen, die Bravheit und Ehrbarkeit und Appell und Subordination — ich meinte, ich müsste geradezu ersticken, wenn ich das noch länger ertrüge. Ich wusste, dass es mein Unglück war, wenn ich fortliefe; er hatte mich ja schon das erste Mal schlecht behandelt, er ist kein guter Mensch, aber er hat eine Gewalt, die mich ihm nachzwingt, und so ging ich und hatte nicht einmal Gewissensbisse. Für das Kind ist ja gesorgt, dachte ich, dem wird es besser sein, wenn solch eine Mutter nicht bei ihm ist, und er — er findet eine bravere Frau. Nur dass ich dich nicht wiedersehen sollte, das tat mir weh. Aber, wie gesagt, ich war wie von einem Geist besessen, ich ließ alles im Stich; nun muss ich aufessen, was ich mir eingebrockt habe.