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Kaum aber war ich allein, so warf ich mir meine Feigheit vor, meine Unentschlossenheit und Herzensenge, dass ich sie hatte von mir lassen können, statt mit Güte oder Gewalt sie ihrem elenden, verzweifelten Zustande zu entreißen.
Ich verbrachte eine böse Nacht unter Selbstanklagen und tausend wirren Plänen, wie ich es anfangen sollte, das Einzige, woran ich noch mit lebendigen Fäden verknüpft war, mir zu erhalten. Selbst der Gram um meinen frischen Verlust trat vor dieser nagenden Sorge zurück.
Am Morgen war ich noch nicht viel klüger. Aber ich sagte mir, dass ich vor allen Dingen ihr nacheilen und sehen müsse, was inzwischen aus ihr geworden sei und ob sie vorläufig bei ihrem Vater ein Unterkommen und eine Pflichtaufgabe gefunden, die wie eine heilsame Buße ihr zerrüttetes Gemüt wiederherstellen könnte.
Mancherlei Geschäfte hielten mich in den Morgenstunden zurück. Es war Mittag geworden, als ich vor meinem Landhause in Liebenwalde anlangte. Da ich unangemeldet kam, war niemand da, mich in Empfang zu nehmen. Auch das Rasseln des Wagens und das Knallen der Peitsche verhallte ungehört auf der öden Dorfstraße, und das Haus mit den geschlossenen Fensterläden und der festverwahrten Tür sah mich unheimlich an. Ich ging nach dem Torweg der Hofmauer, den ich offen fand, aber auch hier war keine Menschenseele zu erblicken.
Endlich kam aus einem der Wirtschaftsgebäude ein kleiner lahmer Knabe herausgehinkt, der auf meine Frage, wo Mamsell Sengebusch und die anderen Hausleute seien, mich erst blöde anglotzte und dann nach dem Part hinunterdeutete, ohne die Lippen zu bewegen. Ich schritt hastig, mit ahnungsvollem Herzklopfen durch den Blumengarten, der im ersten jungen Grün stand, und noch ehe ich den Park betreten hatte, sah ich unter den lichten Bäumen ein dunkles Gewimmel, ein wunderliches Hin– und Herlaufen. Keiner aber beachtete mein Kommen. Erst als ich dicht bei ihnen war, starrten mir hundert Blicke entgegen. Das halbe Dorf war zusammengelaufen, und jetzt hörte ich den ersten Laut, der mir das Entsetzliche verriet: Es ist keine Hilfe mehr — sie muss es schon in der Nacht getan haben — der Gärtner hat es gleich gesagt, wie er sie herauszog —
Ich weiß nicht, wie ich die Kraft behielt, mich durch die Leute durchzudrängen, bis zu der Bank am Weiher, wo man sie hingelegt hatte. Der Bader war eben noch zum Überfluß bemüht gewesen, ihr eine Ader am Arm zu schlagen. Die alte Sengebusch kniete neben ihr und rieb ihr mit Äther die Schläfen. Sie lag lang ausgestreckt, das nasse Haar fiel schwer zu beiden Seiten auf die Erde nieder. Aber ihr bleiches Gesicht hatte einen fast freudigen Zug, und die Lippe, die sich von den oberen Zähnen ein wenig zurückgezogen hatte, schien zufrieden zu lächeln. Sie war mir nie schöner vorgekommen als in dieser grauenhaften Stille.
Ich erfuhr nachher, dass sie am vorigen Abend bei ihrem gichtkranken Vater eingetreten sei und auf den Knien um seine Vergebung gefleht habe. Der sonst so gutmütige Alte, durch Schmerzen und Not verbittert, habe sie mit einem Fluch aus seinem Hause weggewiesen und auf all ihre Tränen und Gelöbnisse, dass sie nichts als seine Magd sein wolle, ein hartes, stumpfes Schweigen behauptet. Da sei sie endlich fortgeschlichen — und erst um die zehnte Morgenstunde, da der Gärtner den Weiher von dem wuchernden Entenflott habe reinigen wollen, sei das Unglück an den Tag gekommen.
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Meine alte Freundin schwieg. Sie hatte sich in tiefer Erschöpfung in ihren Sessel zurückgelehnt und die Augen zugedrückt. Ich fand kein Wort, mit dem ich den dumpfen Nachklang dieser Erinnerungen zu unterbrechen gewagt hätte.