Sie zuckte merkbar.
— Erinnerst Du Dich?
— Nein!
— Oh, oh — Du erinnerst Dich sehr gut. Seit zwölf Jahren denkst Du immer daran. Warum lügst Du? He, he... Du warst wohl zwölf Jahre damals, dreizehn — wie? Du hattest Angst vor dem Gewitter und kamst zu mir ins Bett, ich sollte Dir Märchen erzählen...
Sie lachte gezwungen auf.
— Und ich erzählte Dir die ganze Nacht hindurch. Ich habe mich gequält, etwas Neues zu erfinden. He, he... Du warst so verwöhnt, Du schliefst ja immer bei mir...
Er sah sie fast gehässig an.
Ihre Finger liefen unstet und in nervöser Aufregung auf dem Tisch herum.
— Es regnete Blitze and Feuer vom Himmel. Und jedesmal, wenn der Himmel barst und unser Schlafzimmer in grünem Lichte stand, bekreuzigten wir uns und beteten: Und das Wort ist Fleisch geworden... He, he, erinnerst Du Dich nicht? Und der Ritter ritt auf einem schwarzen Pferd, und das Pferd hatte gold’ne Hufe. Sie glänzten in der Sonne, dass die Menschen blind wurden... Wieder krachte der Himmel: Und das Wort ist Fleisch geworden... Und da kam der Ritter an einen Berg, der von einem Riesen bewacht war... Und das Wort... Nicht wahr? So ging es die ganze Nacht über. Und da plötzlich: dies furchtbare, minutenlange Krachen und Bersten, als der Blitz dicht neben unserem Hause in die Pappel einschlug! Da warfst Du Dich zitternd auf meine Brust und presstest Dich so fest an mich... noch fühl ich Deine mageren Händchen um meinen Körper geschlungen und Deine zarten Beine sich mit kranker Hitze in mich hineinglühen. Damals hattest Du auch Fieber. Du hattest immer Fieber. Weißt Du es jetzt?
Sie ließ den Kopf tief herabsinken. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war verdeckt von der breiten Krampe ihres schwarzen Sommerhutes.