Ich rauchte mir die Zigarette an, bekleidete mich, riss das Fenster auf, und stand lange, lange, in majestätischer, übermenschlicher Ruhe, am Fenster.
Ich dachte an nichts; ich reckte mich nur immer höher, immer breiter, in der grandiosen Majestät meiner Ruhe, in dem düsteren, maniakalischen, übermächtigen Willen nach Untergang.
Eine Kindheitserinnerung zuckte plötzlich durch mein Gehirn.
Ich sah mich in einer Dorfkirche. Es war ganz düster. Kerzen brannten in trübem Schimmer, wie Glutaugen, die vergebens den dichten Schleier des Weihrauchs, den der Priester der heiligen Monstranz gespendet, zu durchbrechen suchten. Sie bohrten sich zur Hälfte hindurch und verschwammen alsdann und tränkten und sättigten den Weihrauchnebel mit lichtem Gold.
Eine ansteckende Krankheit raffte die Hälfte des Dorfes dahin, und jeden Abend sammelte sich das Volk in der Kirche und warf sich ganz lang auf den Boden, und stöhnte qualvoll, im Schweiß der Todesangst gebadet, zu Gott.
Und dann erhob sich ein wilder, ächzender Gesang, in dem das Herz sich in blutenden Zuckungen vom Leibe riss, ein keuchender Gesang, den ein roher, physischer Wille zum Leben wie eine Sturzlawine über eine riesenhafte Fläche ausspannte, jeden Augenblick bereit, die ganze Masse zu zertrümmern und zu begraben.
Und in den körperlichen, grausigen Refrain: Herr, errette uns! mischten sich Glockenklänge und Orgelbrausen, der Jüngstengerichtsschrecken und das tierische Wiehern der Kranken — und plötzlich fing das Volk, in wilder Verzweiflung, laut, wahnsinnig an zu schluchzen, und es rang die Hände, und warf sich in die Brust, und schrie, schrie unaufhörlich in der schauerlichen Agonie der Todesangst nach Gott.
Und als der alte, graue Priester den Altar mit beiden Händen umklammerte und das Schluchzen seinen Körper hin– und herwarf, da kam ein unbeschreiblicher Massenwahnsinn über das Volk.
Ich höre nur noch ein brüllendes Gewieher von Stimmen; ich sehe eine satanische Walpurgisnacht mit den unerhörtesten Torturen der Angst.
Mich fasste ein entsetzliches Grauen vor dieser nackten Lebensbrunst, ein Grauen vor dieser epileptischen Todesangst, und willenlos, erstarrt, zitternd wiederholte ich unaufhörlich: Herr, errette uns!