Das Bewußte am Menschen — im Sinne Nietzsches — ist wie die dünne Erdkruste, deren Zusammensetzung uns keinerlei Aufschlüsse über die Beschaffenheit des glühend flüssigen Erdinhaltes, aus dem sie sich durch Erstarrung gebildet hat, geben kann, es ist ein ewiger Clownstreich der interpretierenden Vernunft, um den Menschen zu betören und ihn irre zu leiten. Der fühlende, hoffende, wollende Mensch kam ihm wie ein Tier vor, das der Gott, wenn er bei Laune ist, kitzelt und stichelt, um sich an seinen Grimassen und dem grandiosen Gebahren desselben zu belustigen. —
Und nur durch diese falschen Interpretationen, durch diese eigentümlichen Aggegratzustände irgend etwas Unbekannten, durch dieses voreilige Zugreifen nach dem, was da ist, ohne sich nach seinem Ursprünge und Herkommen zu fragen, erklärte er sich den Glauben an die Seele als ein etwas, das in dem Menschen sitzt, das denkt, fühlt und will, dem ein ausgedehntes, obwohl nicht materielles, ein einfaches, absolutes Sein zukommt, das den Leib beherrscht und diese Hülle von sich ohne weiteres wegschütteln kann. — So erklärten sich ihm die antropomorphen Vorstellungen vom Wollen, als einer persönlich wirkenden Kraft, der Grundglaube an den freien Willen, als etwas schlechthin Undiskutierbares, außer allem Zweifel Stehendes, als die Grundtatsache des menschlichen Lebens — und so erklärten sich ihm die Konsequenzen dieses Glaubens, die Verantwortlichkeit, die Schuld, die lohnende und strafende Gerechtigkeit, die Grundwerte unseres moralischen Schätzens: das Gut und Böse. —
Es gibt aber keinen freien Willen, folglich gibt es keine Verantwortlichkeit, unsere Willensakte werden gewollt, aber nicht von uns, sondern von unserer Physis, über die wir keine Macht haben. Es gibt aber auch kein Gut und Böse, denn mit diesen Prädikaten belegen wir im letzteren Grunde nur die Natur, die im Menschen waltet, und diese zu loben oder zu verdächtigen ist Unsinn, ein Stück posthumer Vergangenheit, ein Atavismus rohester Art.
Folglich ist unsere Moral im Sinne des Verbindlichen und Absoluten auch nur ein Produkt des barbarischen, kindischen Denkens. —
Um die moralischen Phänomene zu erklären, bedarf es eines anderen Weges.
Das ist der kritisch-philosophische Teil der Arbeit Nietzsches in den gröbsten Umrissen, die Übersetzung Chopinscher Musik in die philosophische Sprache, Analyse und Deduktion aus dem Material, das Chopin geliefert hat.
VI
Nietzsche war einer der seltenen Typen, die, gleich den Schütterlinien, — welche beim Erdbeben aufgerissen werden und die Stellen bezeichnen, wo die Erde einen Versuch gemacht hatte, sich neu umzugestalten — das Trachten der Natur kundgaben, den Menschen, über sich selbst hinaus zu schaffen und dieselbe Differenzierungsarbeit, die bis jetzt das ursprüngliche Protoplasmaklümpchen in einzelne Organe gesondert hatte, nunmehr weiter auszudehnen: die Menschen zu individualisierten Funktionen zu machen, gerade so wie sie in den Hymnopteren– und Thermitenstöcken den Polymorphismus zwischen Zeugenden, Gebärenden, Pflegern, Arbeitern, Beschützern zu Stande gebracht hatte.
Nietzsches Leben hatte sich in seinen Gedanken abgespielt, er hatte keine weiteren Erlebnisse, als nur neue Gedankenperspektiven, neue seelische Evolutionen, und in seiner Konstitution war er lauter Gehirn, ganzes Gehirn mit seinem Doppelbilde, der übermäßigen Intelligenz, und dem aufs äußerste gesteigerten affektiven Leben.
Nietzsche war ein reiner Intelligenz– und Gehirnmensch ganz genau in demselben Sinne, wie es bei einer Gattung der Hydromedusen, den Siphonophoren, Magentiere, Genitaltiere und Atmungstiere gibt.